Sie schien geradewegs einer Shampoowerbung entsprungen: Wie sie mit diesem besonderen, schwungvollen Schritt über die Straße ging, wie ihr das goldbraune, gewellte Haar um die Schultern flog und in der Sonne aufglänzte. Sie war der Typ Mädchen, nach dem Männer sich tatsächlich umdrehen, auf die sie mit Blumensträußen in der Hand zustürzen - oder für die sie aus dem Fenster fallen.
Wie kam es daher, dass Liesel Ellis in puncto Beziehungen eine völlige Niete war? Sie hatte keine Probleme, Männer kennenzulernen, aber länger als ein, zwei Wochen hielt es nie.
Sie wusste nicht, wie fantastisch sie ausah.
Wenn Liesel in den Spiegel blickte, sah sie ihren hellen Teint, weil sie zu viel Zeit in fensterlosen Räumen mit Neonlicht verbrachte. Sie sah die dunklen Ringe unter den Augen wegen der Spätschicht in ihrem Zweitjob als Kellnerin und Barfrau in einem hektischen Café neben einem anonymen Versicherungsbüro in einer Seitenstraße der Oxford Street. Sie sah nicht den süßen Mund, der so gerne lächelte, die haselnussbraunen Augen, die im Sonnenlicht fast golden glänzten.
Okay, ja, ihr Haar war in Ordnung - wenn sie es nicht zu einem Pferdeschwanz zusammenband, damit es den Leuten nicht in die Suppe fiel.
Aber was den Rest anging ...
Sie sah ihr Spiegelbild im Schaufenster eines Elektrogeschäfts. Es wirkte in dem Licht grün und gelb und wegen der Rundung leicht konkav wie das einer Eidechse. Sie streckte sich die Zunge heraus.
Sie sah die knochigen Knie, die spitzen Ellbogen, die oft mit vorbeigehenden Passanten und bestimmten Gästen in Konflikt gerieten. Sie sah, wie sie sich ständig nervös umblickte, ob sie nicht jemand ansah und beurteilte, und lachte dann über sich selbst, ehe es die anderen taten.
Wenn Liesel ihr Spiegelbild betrachtete, sah sie nie, was andere Leute sahen. Für sie war die Liesel, die ihr entgegenblickte, immer noch die linkische knapp Sechzehnjährige, die ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hatte, und zwar nur wenige Tage vor dem Geburtstag, der aus anderen Gründen für sie einen Meilenstein bedeuten sollte.
Sie sah die Angst und die Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft, die eine solche Tragödie auslöst. Klar, zehn Jahre später war sie mehr als nur ein Kind mit Narben auf der Seele. Sie und ihre Schwester Marilyn hatten sich größte Mühe gegeben, seelisch und körperlich zu überleben. Marilyn war damals neunzehn, fast zwanzig, denn ihre Geburtstage lagen nur drei Wochen und ein Sternzeichen auseinander. Sie hatte das Studium aufgegeben und war nach Hause zu ihrer Schwester geeilt, ehe das Jugendamt eingreifen konnte.
Es war schon seltsam, denn obwohl der Schmerz, wie es allgemein hieß, tatsächlich nachließ, dachte sie noch jeden Tag an ihre Eltern. Aber zehn Jahre später waren die Schwestern stärker und enger miteinander verbunden, ein bisschen weiser und definitiv älter. Dem entging man einfach nicht, und ... oh, du meine Güte! Liesel beugte sich vor, um sich in dem verzerrten Spiegelbild genauer zu betrachten. War da etwa eine Falte?
Gott sei Dank war es nur ein Kratzer auf der Scheibe.
Sie beugte sich aber weiter vor. Mike, seit genau drei Wochen ihr Freund, hatte sie angerufen und einen Drink nach der Arbeit vorgeschlagen. Darauf konnte sie sich nach einem weiteren ansonsten langweiligen und öden Tag freuen, den sie mit Datenverarbeitung zugebracht hatte. Es war an sich schon ein Spaß, in eine Bar zu gehen und sich einen Drink zu bestellen, statt zu servieren, aber sie wäre lieber erst nach Hause gegangen, um sich für ihn hübsch zu machen.
Das Urteil der Schaufensterscheibe war nicht allzu schlecht. Der Lippenstift war okay, die Mascara nicht verklumpt, die Haare in Ordnung. Dann öffnete sie den Knopf ihrer langweiligen Bürobluse, um ein bisschen mehr Schwung auszustrahlen.
"Keine Sorge, du siehst fantastisch aus", sagte eine Männerstimme hinter ihr.
Liesel zuckte zusammen, weil sie sich erwischt fühlte, und hasste sich dafür. Sie warf dem gut aussehenden Mann im Anzug, der ihr das Kompliment gemacht hatte, ein nervöses, flüchtiges Lächeln zu, drehte sich dann rot vor Verlegenheit um und eilte die letzten hundert Meter zu ihrer Bushaltestelle.
Unterwegs handelte sie sich drei weitere Pfiffe von der Baustelle ein, an der sie vorbeiging, ein melodisches Gehupe von zwei Männern in einem BMW-Cabrio, und ein "He, Baby!" von einem Typen, der wie Thierry Henry aussah und ihretwegen stehen blieb.
Als der große Londoner Bus endlich auf sie zurumpelte, hatten sie beide die gleiche Farbe.
Marilyn Hamilton, geborene Ellis, dachte über ihren Namen nach.
"Hamilton", sagte sie laut. "Marilyn verdammt nochmal Hamilton!" Wie sehr sie diesen Namen hasste!
Das war nicht immer der Fall gewesen. Als Nick ihr damals den Heiratsantrag machte, war sie sehr aufgeregt gewesen und hatte den neuen Namen ständig an den Rand ihrer alten Hefte gekritzelt. Marilyn Hamilton. Mrs. Marilyn Hamilton. Mrs. Nicholas Hamilton. Nicholas und Marilyn Hamilton.
Es gab so viele Kombinationen. Und die Aussicht auf ewig währendes Glück war ebenso endlos. Ihren Namen in "Hamilton" zu ändern schien wie ein Lottogewinn. Aber jetzt fühlte sie sich nur noch so, als hätte sie den Tippzettel mit den sechs Richtigen verloren.
Irgendwie komisch, wenn geschiedene Frauen den Namen des Exmannes beibehielten.
Als sie und Nick sich trennten, wollte sie gern wieder den alten Namen Ellis annehmen, denn Hamilton war für sie eher ein Zeichen von Verrat statt einer Liebeserklärung, aber schließlich war sie doch einem anderen Mann zuliebe Marilyn Hamilton geblieben.
Wegen Alex.
Ihrem Sohn.
Alex hieß Alex Hamilton. Er hatte schon oft vorgeschlagen, sich in Alex Ellis umzunennen, aber weder sie noch das Gesetz gestatteten es ihm, diese Entscheidung vor seinem achtzehnten Geburtstag zu treffen. Erst dann wäre er ihrer beider Meinung nach alt genug, um diesen Entschluss in vollem Bewusstsein zu treffen.
Aus Loyalität ihm gegenüber war sie also eine Hamilton geblieben. Ihrer Ansicht nach hätte sie nicht den gleichen Nachnamen tragen müssen, denn es gab heutzutage jede Menge Kinder, die genau wussten, wer ihre Eltern waren, ohne genauso zu heißen - sie tat es aber, weil er seinen Namen ändern wollte, und wenn er das nicht durfte, dann wäre es unfair gewesen, wenn sie es getan hätte.