Margaret Atwood erzählt in Verletzungen" die Geschichte einer Frau, die nach einer Teilamputation der Brust einen scheinbar lockeren Job als Reiseschriftstellerin in der Karibik antritt und dabei in die Machtkämpfe eines korrupten karibischen Zwergstaates verwickelt wird. Schauplätze des Geschehens sind Toronto vor und nach der Krebsoperation und der karibische Zwergstaat, wobei die Autorin die beiden aufeinander folgenden biographischen Etappen im wesentlichen parallel erzählt, so dass die Irrungen und Wirrungen der weiblichen Singleexistenz in einer mordenden Großstadt mit den Irrungen und Wirrungen eines Drittweltlandes kontrastiert werden. Was immer diese Parallelisierung auch bedeuten soll, auf beiden Schauplätzen agiert Rennie, die große Lifestil-Expertin, als eine Getriebene, die immer erst zu spät versteht, was vor sich geht. Wenn man will, kann man das Buch durchaus als eine Selbstkritik der modernen Frauenrolle lesen, als ein Dokument der Orientierungslosigkeit, wie immer bei Atwood präzise in der Beschreibung und zurückhaltend in der Wertung. Exemplarisch dafür etwa ist das Gespräch, das Rennie mit ihrer Freundin Jocaste über den Ursprung der allgemeinen sexuellen Frustration führt. Den beiden wird klar, dass Sex eigentlich nur eine große Sache war, solange er als halb verboten galt. Als die Frauen dann zu den Jungs sagten: "Ihr wollt es? Na wunderbar, wir wollen es auch, tun wird uns doch zusammen - da machten plötzlich Millionen Schwänze schlapp." Dergleichen Stellen gibt es reichlich in dem Buch, und was da halb ironisch, halb amüsiert daherkommt, sind in Wahrheit Elemente einer großen Traurigkeit.