'Verlassen' von Tahar Ben Jelloun
'Verlassen' ist von der Sehnsucht, den Träumen und der harten Realität der jungen marokkanischen Generation gezeichnet. Was sind die Träume eines jungen Studenten, der gut ausgebildet und am Anfang seines Lebens steht, wenn er in seinem Heimatland nicht leben kann, weil ihm all das verwehrt wird was einem versprochen scheint.
Woher kommen diese Versprechungen? Gibt es diese Wirklichkeit, von welcher der junge Protagonist träumt?
Tahar Ben Jelloun stellt sich mit seinem Roman den aktuellen Fragen der zunehmenden Migration und der kolonialen Vergangenheit Marokkos. Er tut es auf eine brisanten Art und Weise vor seinem eigenen Migrationshintergrund, durch das Einsetzen der französischen Sprache, die Sprache der ehemaligen Kolonialherren. In 'Verlassen' finden wir uns in einem Marokko wieder das noch vor dem 'arabischen Frühling' steht, aber in dem schon die virulente Kraft des Identitätsproblems sichtbar ist, dass jetzt offen ausgetragen wird. Der Roman bedient sich, bezugnehmend auf dieses Problem, verschiedener Klischees, denen er auch nicht entkommen will, sondern nutzt gerade diese Klischees um ein größeres Klischee, das einer national einheitlichen Identität, aufzusprengen. Im Mittelpunkt steht der junge Student Azz el Arab (Stolz der Araber), welcher sich weder mit einer strengen Auslegung des Islamismus anfreunden kann, weder mit einem Monarchismus, der sich im Ende begriffen sieht, noch mit der Realität in den europäischen Ländern, in die er unverhofft entfliehen kann, identifizieren kann oder mag. Der Name zeigt, wie die offizielle Sprache, Arabisch, immer wieder als Splitter auftauchen. Mit einem provozierenden Unterton. Diese Provokationen zielt nicht nur auf die religiöse Kultur in Marokko ab, sondern verkompliziert sich mit der Figur Miguel. Der homosexuelle reiche europäische Galerist bringt Azz el Arab nach Spanien. Beide Figuren, welche diese Beziehung eingehen, werden dabei auf nicht vorteilhafte Weise gezeichnet. Die erhoffte Freiheit in Spanien stellt sich als ein weiteres Klischee heraus und Miguel tritt nicht als selbstloser Gönner auf, sondern hat gewisse Ansprüche. Gleich einem zerbrochenen Spiegelbild multiplizieren sich die ungebrochenen Bilder von nationaler Identität, religiöser Reinheit und dem Traum von Geld und Unbeschwertheit und es tritt zu Tage was vorher versteckt war. Es gibt diese Bilder in keiner Wirklichkeit sondern es sind Wünsche und diese haben ihren Platz, wie Freud schon hingewiesen hat, im Traum. Deshalb gibt es Klischees und diese gehen in Tahar Ben Jellouns Roman eine seltsame, verkehrte Beziehung zur Sexualität ein. Diese Sexualität ist die basale blinde Kraft, die den Motor für 'Verlassen' darstellt. Sie bildet die Grundlage und Triebfeder, welche die Klischees, Doppelmoral, Engstirnigkeit und verschiedene trostlose Realitäten kollidieren lassen. Dabei spielt die Form von 'Verlassen' keine unwesentliche Rolle. Die Form des klassischen Romans ist mit verschiedenen Textsorten (Brief, Dialog ect.) angereichert und sprengt damit das homogene Ganze.
Der Roman ist alles in Allem trotzdem gerade wegen den schwierigen Klischees schwere Kost und man fragt sich manchmal ob das Gesamtkonzept aufgeht. Wer sich über das, nicht mehr ganz so aktuelle Marokko, ein differenziertes Bild machen will, sollte diesen Roman unbedingt lesen. Man kann sich auch gut gegen ihn positionieren, was ja auch eine Qualität sein kann.