"Verlass die Stadt", gleich dem Song von Gustav (Musikprojekt von Eva Jantschitsch, Wien, nachzusehen auf youtube)nennt sich das erste Buch von Christina Maria Landerl. Die 32-jährige Steyrerin mit Wohnsitz in Berlin verdichtet darin vielfältige, musikalische (Falco, Bob Dylan, Georg Kreisler) und auch Lektüreerfahrungen.
Ein lose formiertes Grüppchen von jungen Leuten in Wien merkt zögernd, dass eine fehlt. Margot, mit Alkoholproblemen und einer im Werden befindlichen Diplomarbeit zu Ingeborg Bachmann, scheint wie die Protagonistin "Malina" aus einem der Werke von Bachmanns "Todesarten-Projekt" verschwunden zu sein. Nicht, dass sie wirklich jemandem abgeht, ist doch jeder Einzelne mit sich beschäftigt.
Viel wird Bus, Tram und U-Bahn gefahren, Straßen, auch solche, die man aus Malina kennt oder in denen Bachmann gelebt hat, bekannte Plätze, Donauinsel und AKH entstehen in knappen Skizzen lebendig auch vor dem Auge von nur flüchtigen Wien-Kennern. Landerls besondere Gabe ist das genaue Beobachten, auch von Nebensächlichkeiten, und das Komprimieren dieser Momente auf minimalistische Blitzpunkte. Trotzdem pflegt sie einen leicht lesbaren Stil, ist niemand verwirrt und man empfindet Vergnügen.
Es schadet nicht, wenn man "Malina" kennt (oder gerade jetzt noch einmal liest), um die zahlreichen Intertextualiäten so richtig auszukosten. Aber auch ein Nicht-Bachmann-Kenner wird dem Text einiges abgewinnen können. Liebes- und nicht mehr Liebesgeschichten rollen vorbei, Babybauch und Kellnerschürze, Klimaanlagen und festgepickte wegen der Sommerhitze blanke Oberschenkel, die man schmerzvoll vom Sitz reißt; Tauben, die es nicht mehr zu geben scheint und grantige, arrogante Wiener, die keinen in ihre Mitte lassen, machen das Szenario sinnlich, bunt, leicht und mit ironischen Bosheiten überbröselt. Punchkrapfen bei Aida, die Schrebergärten Auf der Schmelz, die 13 A, der Wind, die Neustiftgasse, das im weitläufigen altehrwürdigen Universitätsgebäude am Ring beheimatete Germanistik-Institut: Landerl baut ihre (Orts- und Stiegenhaus-)Kenntnisse als Studentin ebenso ein wie ihre Erfahrungen mit Randgruppen, die sie als Streetworkerin gesammelt hat. Die Kapitel sind wie Kameraeinstellungen klar strukturiert.
Dass Landerl beim Klagenfurter Literaturkurs 2011 Teilnehmerin war und auch schon mehrere Preise und Stipendien eingeheimst hat, ist erfreulich und sicher nur der Auftakt für Kommendes. Die 133 Seiten sind viel zu schnell vorbei, Wien wird verlassen oder eben nicht, es ist "sozusagen ein schrulliges Hobby von ihr [Margot] oder ein Fetisch, das hat schon etwas Religiöses oder Perverses". Auch wenn Wien oder das Leben in Wien eine Herausforderung scheint - dieses Büchlein wird seine Leser erquicken.