Auch in Verkaufsseminaren erfahren wir das Wesentliche oft in den Pausen, beim Essen oder abendlichen Zusammensein. Und wenn sich die Zungen durch entspannende Hilfsmittel langsam lösen, höre ich landauf landab die Botschaft, dass bisher noch kein Wundermittel gefunden wurde, um aus einer schnatternden Ente einen majestätisch über die Landschaften gleitenden Adler zu machen. Anders gesagt: Wer das Talent zum Verkaufen nicht schon mitbringt, wird auch nach dem besten Seminar nicht zum Spitzenverkäufer. Auch nach der Lektüre diese Buches nicht. Als Unternehmer verstehe ich allerdings bestens, dass Verkaufstrainer diese Botschaft nicht in den offiziellen Unterricht einfliessen lassen. Und wenn sie es trotzdem tun, erreicht sie ohnehin die Falschen. Zwischenfazit: Von diesem Buch profitieren vor allem die talentierten Verkäufer. Denn sie finden Bestätigung in ihrem Tun und finden Ansatzpunkte, um bereits vorhandene Verhaltensmuster noch zu verfeinern.
Was mir grundsätzlich an der Schweinehund-Reihe von Marco von Münchhausen und seinen jeweiligen Co-Autoren missfällt, habe bereits zum Band "Service mit dem inneren Schweinehund" gesagt. Und da sich das Konzept bis auf wörtliche Wiederholungen bei dessen Formulierung gleich bleibt, ändert sich auch nicht viel an meinem Missfallen und an meinen Vorbehalten. Menschen ändern ihr Verhalten kaum, wenn wir ihnen gut zusprechen und sie mit Informationen füttern. Wir ändern sie auch nicht, wenn wir sie in unsere mentalen Küchenstudios einladen und beim Zubereiten unserer Erfolgsrezepte zuschauen lassen. An dieser Einschätzung halte ich fest, auch wenn Köche wie Marco von Münchhausen und Hermann Scherer die Bude voll haben.
Die Schweinehund-Lektionen für Verkäufer erhalten dennoch einen Stern mehr als die Version für Dienstleister, weil das Zielpublikum ein anderes ist. Die begnadeten Verkäufer aus meinem Bekanntenkreis sind bereits auf einem Level, der die Aufnahme des Buchinhalts wesentlich erleichtert. Falls sie dieses Buch in die Hände bekommen, werden sie es als gelungene Repetition sehen, das Altbekanntes Wissen anders einbettet und betätigt. Denn auch die besten Verkäufer müssen sich immer wieder neu motivieren, auf veränderte Kundengewohnheiten einstellen und damit zurechtkommen, dass Konsumenten immer besser informiert sind. Die guten Verkäufer werden auch in der Lage sein, die Rezepte der beiden Autoren nach individueller Brauchbarkeit zu filtern. So kenne ich zum Beispiel nur wenige Spitzenverkäufer, die das viel gepriesene H.D.I-Modell konkret anwenden. Ketzerisch gesagt, sie sind eventuelle gerade deshalb so gut, weil sie nicht daran glauben, die vor über dreissig Jahren entwickelte Theorie von Ned Herrmann habe sehr viel mit dem realen Menschen zu tun.
Mein Fazit: Eine günstige Repetitionsfibel, die in leicht verständlicher Sprache und schöner Gestaltung wesentliche Eigenschaften guter Verkäufer in eine Theorie verpackt, an die ich persönlich nicht glaube. Aber da der Inhalt einer Botschaft ohnehin vom Empfänger geschrieben wird, sind Theorien auch nicht so wichtig. Hauptsache es wird genügend Stoff geboten, um sich daraus ein praxistaugliches Werkzeug zu basteln, das zum bereits vorhandenen Instrumentarium passt.