Gleich zu Beginn des Buches beklagt sein Autor, dass insbesondere wir etwas obrigkeitshörige Deutsche nur ungern verhandeln und fordert uns auf, dies zu ändern. Kinder, so schreibt er, seien hervorragende Verhandler. Aber diese Eigenschaft verliert sich dann leider immer mehr. Mit dem obigen Zitat nennt er indirekt auch den Grund dafür. Was er von uns verlangt, ist zumindest in unserer Gesellschaft negativ besetzt und wird gerne in die Nähe unsittlichen Verhaltens gebracht. Natürlich hat niemand sein genetisch programmiertes berechnendes und manipulierendes Verhalten verlernt. Wir verstecken es nur gern.
Dieses Buch wurde vorrangig für Leute geschrieben, die beruflich verhandeln und die Bandbreite ihrer Möglichkeiten verbessern wollen. In erster Linie nennt der Autor hier Einkäufer und Verkäufer. Aber auch der gewöhnliche Leser wird aus diesem Buch eine Reihe interessanter Erkenntnisse ziehen können. Ob er dies dann auch gleich praktisch umsetzen kann, ist eine ganz andere Frage.
Der Autor beruft sich bereits im Untertitel seines Buches auf die Neuro-Wissenschaften. Doch leider findet der Leser keinen einzigen Literaturhinweis in diese Richtung. Das ist zunächst verwirrend. Gleich nach der Einführung und dem ersten Kapitel, in denen wir wiederholt dazu aufgefordert werden, uns nicht ohne zu verhandeln mit allem zufrieden zugeben, erhalten wir im 2. Kapitel einige hervorragende Beispiele für durch schlechte Vorbereitung verlorene Verhandlungen (oder Streitgespräche). Als Paradebeispiel analysiert Gamm die Diskussion zwischen Alice Schwarzer und der von ihr sträflich unterschätzten Verona Feldbusch bei Kerner im Juni 2001. Wer diese spektakuläre Sendung gesehen hat, wird sie noch gut im Gedächtnis haben. Am Ende des Kapitels erläutert uns der Autor dann sieben Grundregeln für das Verhandeln und Kommunizieren.
Theorie ist nicht unbedingt seine Stärke, und so wirken seine wissenschaftlichen Erklärungen stets etwas fremdartig und aufgezwungen. Der Text wird erst immer dann wirklich gut, wenn sein Autor seine Ausflüge in ungewohntes Territorium beendet und zu seiner praktischen Erfahrung zurückkehrt. So beginnt das dritte Kapitel, in dem es um die Verhandlungsvorbereitung geht, mit einem detailliert analysiertem Fallbeispiel, nämlich dem Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman 1974 in Zaire. Ali gewann dieses Gefecht wegen seiner klugen und äußerst geschickten Vorbereitung, obwohl er keineswegs der Favorit war. Und damit wir ähnlich clever in Verhandlungen gehen, beschreibt der Autor im Folgenden sehr ausführlich, wie wir über das Sammeln von Informationen und die Einstellung auf die Gegenseite unsere Chancen erhöhen können.
Insbesondere erläutert Gamm die so genannte STAB-Typologie, die vier grundlegende Verhaltensweisen von Personen in Verhandlungen unterscheidet (strukturorientiert, treueorientiert, aktionsorientiert, beziehungsorientiert). Diese Typisierungen werden zunächst ausführlich beschrieben und anschließend auf der Verhandlungsebene in Beziehung zueinander gesetzt. Auf diese Weise lernen wir, was wir vorrangig für ein Typ sind und was wir tun sollen, wenn wir auf einen der genannten Typen treffen. An dieser Stelle tritt somit ein wesentliches Problem ans Licht. Unser Verhandlungsgeschick hängt nämlich in erster Linie von unserer Fähigkeit ab, uns auf andere einzustellen und unser eigenes unbewusstes Verhalten plötzlich bewusst zu kontrollieren. Das kann nicht jeder gleich gut.
Damit wir uns in dieser Beziehung verbessern, empfiehlt uns der Autor die so genannte neurolinguistische Programmierung (NLP) ohne allerdings sehr ausführlich darauf einzugehen. Schließlich kommt er zu Definition von Verhandlungszielen und dem Auffinden einer optimalen Strategie, um diese Ziele auch tatsächlich zu erreichen. Das Kapitel endet mit verschiedenen Hinweisen zu unseren Äußerlichkeiten, die stets den ersten Eindruck von uns dominieren, auch wenn wir das nicht immer wahrhaben wollen.
Im nächsten Kapitel erfahren wir gleich zu Beginn, wie wir uns gegen die verschiedensten Manipulationsversuche wehren können. Indirekt enthält dieser Teil somit natürlich auch einige hinreichend bekannte Tricks, wie man Gesprächspartner aus dem Tritt bringt. Eine solche Methode ist beispielsweise eine selbst gerade erfundene oder aus dem Zusammenhang gerissene Statistik, die die eigene Argumentation stützt. Damit werden Fakten suggeriert, die es gar nicht gibt. Dieser Trick ist besonders bei Politikern sehr beliebt.
Im Weiteren befasst sich der Autor mit Fragetechniken, Einwänden bei Präsentationen und so genannten Verhandlungsmobbern, die gerne einmal die sachbezogene Verhandlungsebene verlassen und persönlich werden. Schließlich verdeutlicht er uns, dass eine Situation, in der sich ein Mensch befindet, oft stärker ist als er selbst. Verkäufer nutzen das nicht selten gnadenlos aus, indem sie uns in eine emotionale Lage manövrieren, in der wir ihnen Sachen abkaufen, von denen wir vorher nicht einmal wußten, dass wir sie brauchen.
Im letzten Kapitel lernen wir dann noch unter der Überschrift "Die Macht der positiven Beziehung" neun Regeln für erfolgreiche Verhandlungen kennen.
Fazit.
Ein gelungenes Buch, aus dem Menschen, die beruflich verhandeln müssen, sicher viel lernen können. Es ist bestimmt auch eine Fundgrube für Leute, die im privaten Bereich Lust zum Verhandeln haben. Zwar beruft sich der Autor auf neuste Erkenntnisse aus den Neuro-Wissenschaften, die meisten dieser Aussagen sind aber nichts weiter als nun auch wissenschaftlich begründete Erfahrung, die keineswegs neu ist. Insofern erscheint mir der wissenschaftliche Bezug reichlich übertrieben. Menschen sind nun einmal keine rationalen Wesen. Wie man dies zum Erreichen seiner Verhandlungsziele ausnutzt, kann man in diesem Buch zumindest theoretisch von einem Praktiker lernen.