Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Orangenpapiere als Zeitspiegel und Sammelobjekt, 27. März 2009
Als Ende des 19. Jahrhunderts italienische Orangenanbauer damit begannen, bedruckte Seidenpapiere zum Schutz ihrer wertvollen Ware zu verwenden, hätte sicher niemand gedacht, das die als Einweg- und Wegwerfartikel produzierten Einwickelpapiere eines Tages museabel würden. Dank des Orangenpapiermuseums in Salzgitter und des Sammlers Dirik von Oettingen ist nun erstmals die reiche Bilderwelt der Orangenpapiere in einer Publikation zugänglich.
Auf der Textebene ist der Band in zwei lose miteinander verknüpfte, ineinander übergehende Themenkomplexe gegliedert. Der erste Komplex widmet sich der Kulturgeschichte der Orangenpapiere, wobei italienische und spanische Einwickelpapiere im Zentrum stehen. Beschreiben wird, wie die Zitrusfrüchte von China aus die Welt eroberten und wie das Mittelmeergebiet im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Anbaugebiet wurde. Mit den anschließenden Ausführungen zur Produktion und zum Transport der Früchte kommen dann auch die Einwickelpapiere ins Spiel, deren Funktion darin bestand, die Orangen gegen Transportbeschädigungen zu schützen, gegenseitigen Schimmelbefall zu verhindern und die Konsumenten über Anbaugebiet, Erntetermin und Orangensorte zu informieren, wobei der informative Charakter jedoch immer stärker hinter emotionalen Werbebotschaften zurücktrat. Es folgen Ausführungen zur drucktechnischen Herstellung, insbesondere zu den frühen Irisdrucken aus Italien sowie den handwerklich hochwertigen Lithographien aus Spanien, wo der Steindruck bis Ende der 1930er Jahre gepflegt wurde.
Der zweite Komplex beschäftigt sich mit der Kunst des Sammelns von Orangenpapieren, eines aussterbenden Objekts, so möchte man angesichts der in Plastiknetzen verpackten Orangen in den meisten Supermärkten meinen. Orangen sind heute Schüttgut, so der Autor. Statt Einwickelpapieren kommt Chemie gegen den Schimmelbefall zum Einsatz. Und statt von Familienbetrieben wird der Markt heute von großen, international agierenden Unternehmen beherrscht. All dies zusammen führt den Autor zu der bangen Frage nach der Zukunft des Orangenpapiersammelns, die trotz aller Unbilden positiv zu sehen sei, da jedes Jahr noch Hunderte von neuen Orangenpapieren auf den Markt kämen. Anschließend werden die gängigen Methoden der Aufbereitung und Archivierung von Einwickelpapieren dargestellt, die Vor- und Nachteile der verschiedener Archivierungssystematiken erörtert und das Ablagesystem des Orangenpapiermuseums erläutert. Hierauf folgt ein Abschnitt über die Probleme der Datierung samt einer Aufstellung von Anhaltspunkten für eine nachträgliche Datierung von Orangenpapieren aus Italien und Spanien.
Parallel zum Text werden beispielhaft Papiere aus dem gewaltigen Bestand des Museums gezeigt. Die rund 500 vierfarbigen Abbildungen belegen auf das eindrücklichste den thematischen Variantenreichtum der Orangenpapiere. Das Repertoire reicht von einfarbigen, lediglich mit dem Namen des Erzeugers bedruckten Papieren über ornamental gestaltete Papiere, Darstellungen von Orangen in jeder nur erdenklichen Art und Weise, Blumen, Tiere, Gegenstände, Gebäude bis hin zur Darstellung von mythologischen Figuren, Märchengestalten, Comichelden und historischen Persönlichkeiten. Die Vielzahl unterschiedlicher Papiere sei einer der Gründe dafür, so der Autor, dass es keinem Papier gelungen sei, sich als Marke im Bewusstsein der Verbraucher zu verankern, mit Ausnahme der Struwwelpeter-Papiere in Deutschland und Kaiser-Papiere in Österreich.
Kritisch anzumerken ist, dass keine der Abbildung ein Orangenpapier in seiner eigentlichen Funktion und Erscheinung zeigt. Alle Papiere sind plan abgebildet. Für die Gestaltung der Papiere aber war ausschlaggebend, dass nach der Einwickelung nur ein Teil des Papieres sichtbar war; daher auch die gestalterische Konzentration auf den mittleren Bereich des Papiers. Irritierend ist darüber hinaus, dass es anscheinend keine Orangenpapiere gibt, die für ökologisch produzierte Orangen werben. Dies überrascht angesichts eines allgemeinen Trends zu Bioprodukten, der bspw. bei Bananen seinen Ausdruck in der Verwendung von speziell gestalteten Bananenaufklebern findet.
Diese Randbemerkungen können aber in keiner Weise den rundum positiven Eindruck dieses wunderschönen Buches abschwächen. Insgesamt handelt es sich um ein informatives, kurzweiliges, reich bebildertes und mit viel Liebe zum Detail produziertes Buch, dass von der Stiftung Buchkunst als eines der 50 schönsten Bücher des Jahres 2007 ausgezeichnet und für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2009 nominiert wurde.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Bilderbuch für Bibliophile, 17. Juli 2008
Etwa um 1890 begannen sizilianische Erzeuger, ihre Zitrusfrüchte in bedrucktes Einwickelpapier zu verpacken. Diente es anfänglich als Schutz der Frucht für den langen Transport in andere Länder, so verselbständigte sich dessen Nutzung, seit die Früchte chemisch behandelt wurden und so eigentlich gar keine Verpackung mehr nötig war. Nun ging es nur noch um die graphische Funktion. Das Papier war äußerst billig, sodass es auch für die vielen familiären Kleinbetriebe kein Problem darstellte, ihre Orangen mit dem Bedruckten zu umhüllen.
Der Phantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. War es anfänglich mehr oder weniger der verzierte Name, den man auf das Papier druckte, so versuchten die Produzenten in der Folge, den Kunden in der unbekannten Ferne zu erreichen, anzusprechen. Das macht die vielfältigen Motive so interessant, die der Potsdamer Vacat Verlag nun in einem wunderschönen Buch versammelt hat. »Spanish oranges/ sweet as kisses/ are the best« steht da auf einem Papier. Auf einem anderen ist das Brandenburger Tor abgebildet: »Marke Berlin«.
Dirik von Oettingen heißt der Sammler, der nach eigener Schätzung 40.000 von diesen skurrilen, witzigen und kunterbunten Papieren zusammengetragen hat. Diese wohl weltweit größte Sammlung bildet die Basis für das OrangenpaPIermuseUM (OPIUM) im Internet: www.opiummuseum.de. 500 davon haben in dieses Buch gefunden. Sie werden in Gruppen präsentiert, was zu Vergleichbarkeit führt und dem Buch eine ästhetische Übersichtlichkeit verleiht.
Nicht nur die Sammlung ist beeindruckend. Beeindruckend ist, was der kleine Potsdamer Vacat Verlag hier zwischen die Buchdeckel gebunden hat. Man merkt, es waren Menschen am Werk mit einer Affinität zum Schönen, die einen besonderen Blick haben, die eine Liebe zu aufwendig gestalteten Büchern in sich tragen. Das Papier des Buches ist sehr dünn und dem Apfelsinenpapier nachempfunden. Für Kenner: Verwandt wurde 50 Gramm-Papier. Die anspruchsvolle japanische Bindung unterstreicht den bibliophilen Anspruch des Bilderbuches für Ästheten. Wer sich mit der Buchherstellung auskennt weiß, dass es nicht ganz einfach gewesen sein kann, dieses Papier fehlerfrei zu binden. Der Clou: Der Einband besteht aus orangenfarbenem Kunststoff, der der Außenhaut einer Apfelsine nachempfunden ist. Doch damit nicht genug der liebevollen Details: Als Vorlage für das Muster auf Vor- und Nachsatzpapier diente das Orangennetz.
Hervorzuheben sind die Reproduktionen der Vorlagen für den Druck. Diese stellten nach Auskunft des Verlags eine Herausforderung dar, weil die meisten der abgebildeten Papiere äußerst stark geknittert waren. Den Ergebnissen sieht man noch ihre Welligkeit an, was einigen Reproduktionen fast eine gewisse Dreidimensionalität verleiht. Den abgedruckten Bildern ist Authentizität eingehaucht. Im Gegensatz zu vergleichbaren Büchern haben sich die Potsdamer die Mühe gemacht, einige der Papiere ausschnitthaft zu reproduzieren. Dadurch kann der Betrachter sich auf die Details konzentrieren.
Nicht zufällig ist dieses außergewöhnlich gelungene Buch als eines der schönsten Bücher von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet worden. Darüber hinaus ist das bibliophile Meisterwerk zum »Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2009« nominiert.
Die Idee, Orangenpapiere zu sammeln, ist genauso durchgeknallt wie dieses Buch. Herrlich!
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