Den letzten Film von Malle als erotischen Film zu klassifizieren, ist nur sehr oberflächlich schlüssig. Es gibt zwar Sexszenen, aber diese haben eine narrative Funktion und sind ganz sicher nicht dazu da, den Zuschauer anzuregen oder gar zu erregen. Es handelt sich um ein Drama mit komplexen Charakteren und Szenen, die für mich einfach unvergesslich sind, was an den Dialogen, der dezenten Musik (Z. Preisner) und vor allem an den fulminanten Darstellern liegt. Jeremy Irons ist in einer typischen Irons-Rolle zu sehen. Er ist der Prototyp des einsamen, arrivierten Mannes, dem etwas entscheidendes fehlt, dessen Einsamkeit im Grunde unerklärlich ist. Das alles liegt in seinem Gesicht. Im Grunde müsste er ein glücklicher Mensch sein. Warum gerade Anna Barton in ihm ein nie dagewesenes Gefühlschaos auslöst, bleibt ein Geheimnis (wir nehmen es hin, denn wie sollte man das erklären?). Die Sex-Szenen gleichen Ringkämpfen, sind wenig zärtlich, eher ein Aufbäumen. Eine Julitte Binoche wie diese hat man noch nie gesehen, wird man auch nicht wieder sehen. Diese Figur ist von allen anderen Charakteren, die sie bislang dargestellt hat, Lichtjahre entfernt. Und selbst der kurze Auftritt von Peter Stormare als Peter zeigt, dass ein Schauspieler in weniger als vier Minuten eine Figur schaffen kann, die vielgestaltige Konturen besitzt, eine Geschichte mitbringt, Ausstrahlung hat. Natürlich ist "Verhängnis" kein wirklich guter Titel, "Damage" (im Original) wohl auch nicht. Es sind die Blicke der Figuren (ins Leere, aneinander vorbei, zueinander), die mehr erzählen als Worte. Die Szene mit Natasha Richardson zu Hause in der Küche, nachdem das denbkar Schlimmste passiert ist, gehört zum Besten, was ich überhaupt jemals im Kino gesehen habe. Hier stimmt jede Nuance, und kein unnötiger Verstärker durch Musik. Die Zurückhaltung von Preisner, der vor allem Solo-Instrumente einsetzt, ist ein Glücksfall. Die psychologisierende Ebene (Annas Geschichte) ist aus meiner Sicht schlüssig und nicht zu simpel wie in vielen amerikanischen Filmen. Neben M. Butterfly, Dead Ringers, Brideshead Revisited (TV) und die erste halbe Stunde von Lolita (der als Gesamtwerk dann doch leider den falschen Ton anschlägt) der beste Film mit Jeremy Irons, der seit Ende der neunziger Jahre immer seltener ein glückliches Händchen bei seiner Rollenwahl hatte.