Schon seit einiger Zeit beobachte ich mit zunehmender Sorge, wie der Autor (nicht der Comicduo-Partner!) Goldt immer mehr Schriftsteller-Allüren zu entwickeln scheint. Dass im Klappentext der Taschenbuchausgaben stets nur auf die Hardcover-Ausgaben der anderen Werke verwiesen wird - ok, geschenkt. Dass seine "Titanic"-Texte bei der späteren Veröffentlichung in Buchform stets als vorläufige Versionen bezeichnet werden und auch an alten Texten für die diversen Best-of-Bände und Neuveröffentlichungen immer wieder herumgedoktert wird - schon etwas bedenklicher. Dass ältere Veröffentlichungen plötzlich umbenannt ("Heinz Kluncker"/"Flucht vor der Koralle") oder gar rundweg zum künstlerischen Irrtum erklärt werden (in der Neuausgabe von "Der Krapfen auf dem Sims" wird das Hörbuch zur Erstauflage mal eben so als "nicht gut" bezeichnet) - auch für den treuen Jünger nur noch schwer nachvollziehbar.
Und nun also das: die klassischen "Kolumnen"-Bücher "Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau" und "Die Kugeln in unseren Köpfen" werden in die Vergriffenheit entlassen, und dieser neue Band ist quasi die Best-of-Tribute-to-In-loving-memory-of-Compilation.
Es ist ja wahr: vieles, was vor zehn, fünfzehn Jahren in Goldts "Titanic"-Kolumnen vor einer nie dagewesenen Komik nur so sprudelte, wirkt heute, da jedes Gratis-Stadtmagazin einen drittklassigen Goldt-Epigonen beschäftigt, ein bisschen ramponiert und abgeschmackt. So geht es mir jedenfalls immer wieder mal, wenn ich in die alten Kolumnen reinlese. Goldt war ganz klar stilprägend für den wild über alles schreibenden Pop-Kolumnisten, aber er selbst war nie (nur) ein solcher und stets witziger, vielseitiger, sprachgewandter, besser als all seine Nachahmer zusammen. Warum er diese Phase seiner literarischen Entwicklung nun offenbar nicht mehr dokumentiert sehen möchte, erschließt sich mir nicht. Wie schrieb er doch selbst im Vorwort zu den "Quitten": "Außerdem kenne ich den Ärger, den man empfindet, wenn man sich eine CD namens 'The Singles' gekauft hat und daheim feststellt, daß da mehrere Stücke fehlen, weil die Band offenbar nicht mehr hinter ihnen steht." Und: "Man sollte einen Künstler nicht ausschließlich an seinen Spitzenleistungen messen [...], sondern auch an seinem Ausschuß." Mehr gibt es zu diesem neuen Bändchen nicht zu sagen.
Für den Inhalt vergebe ich unbesehen fünf Sterne; für das, was mit Goldt passiert sein muss, dass es zu diesem Buch überhaupt kam: null. Macht im Schnitt 2,5, also eigentlich drei - aber irgendwie ist mir heute nicht nach Aufrunden...