Es gibt Autorinnen, bei denen sind die Guten gut und die Bösen böse. Wenn solche Autorinnen Krimis schreiben, dann müssen ein paar mehr Böse her, damit frau bei der Tätersuche ein wenig Auswahl hat. Aber trotzdem kann sich jede Leserin bei den guten Figuren ausruhen, sich in der Regel auch mit mindestens einer identifizieren.
Sabine Alt gehört definitiv nicht zu diesen Autorinnen. Sie stellt jede ihre Figuren auf die Moralprobe und nicht viele bestehen sie. Für die Leserin ist das unter Umständen ein Schock.
Aber suchen wir nicht gerade so etwas, wenn wir lesen? Eine Handlung, die Regeln verletzt und Dinge auf den Kopf stellt, so dass wir plötzlich mit Details konfrontiert werden, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben.
Ich hatte die Gelegenheit, Sabine Alt bei einer Lesung in München zu erleben, und bin dabei auf einige ihrer Eigenheiten aufmerksam geworden, habe also mit Spannung nach dem neuen Roman gegriffen. Hier mein Eindruck:
In Sabine Alts "Vergiss Paris" ermöglicht es schon der Aufbau, hinter die Kulissen zu blicken. Zwei Personen belauern sich, und aus beiden Perspektiven wird abwechselnd erzählt. So weiß frau von Anfang an, dass der erfolgreiche Architekt Konrad Walbaum sich bemüht, die erheblich jüngere Carla Salina zu verführen. Und wenn die Umworbene sich zurückhält, kennt frau (im Gegensatz zu Walbaum) den Grund: Während der vergangenen zehn Jahre, in denen Walbaum an seiner Karriere bastelte, hat Carla im Gefängnis gesessen. Totschlag. Immer wieder kämpft sie mit den Erinnerungen, und es ist verständlich, dass sie dieses Thema im Umgang mit Walbaum meidet, zumal sie auch mit ihm noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Mehrmals gerät Walbaums Leben in Gefahr. Und was stets wie ein dummer Unfall aussieht, hat in Wirklichkeit ganz andere Gründe. Doch erst, als Carla Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr auseinanderhalten kann, wird es für beide Seiten lebensgefährlich. Der Showdown beginnt als klassische Verführungsszene, wird aber schnell zum Kampf um Leben und Tod, oder, (wenn man so will) auch zum Machtkampf, allerdings zu einem, bei dem hinterher Gewinner und Verlierer nicht eindeutig feststehen. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.
Spannendes und ungewöhnliches Buch, dessen Sprache klar, treffend und bildreich gleichzeitig ist.