Franka ist ein 17-jähriges Mädchen, das sich für sehr mutig und unerschrocken hält. Sie kämpft für ihr Recht auf Unabhängigkeit gegen die ihrer Ansicht nach überfürsorglichen Eltern, sie fürchtet sich nicht, auch abends alleine durch die Straßen zu gehen. Ihre ersten sexuellen Erfahrungen hat sie mit ihrem Freund Stefan schon hinter sich und die Beziehung steckt im Moment in einer Sackgasse.
Eines Nachts, als Franka spätabends nach dem Babysitten nach Hause geht, steht ER plötzlich da, ein Unbekannter, der sie vergewaltigt. Sehr intensiv wird nun die Zeit nach der Tat beschrieben, die verschiedenen Gefühle Frankas, die Reaktionen der Umwelt, das Herauskristallisieren der wahren Freunde, das Ohnmachtsgefühl der Eltern, die Unfähigkeit das Haus zu verlassen, der erste Gang zum Psychologen,....
Die Handlung ist im Grunde sehr realistisch und auch glaubwürdig dargestellt. Obwohl ab und zu einige Weichzeichner eingebaut wurden, vor allem was die Tat der Vergewaltigung betrifft, die keine abscheulichen Details wiedergibt, kann man sich dennoch sehr gut in Franka hineinversetzten. Der Akzent der Handlung liegt auf der Zeit nach der Vergewaltigung. Der unendliche Schmerz, die Qual der Erinnerung, der Verlust von Vertrauen wird sehr gut dargestellt und man leidet mit der Hauptdarstellerin mit. Außerdem merkt man sehr gut, wie Frankas Persönlichkeit immer mehr zerbricht, wie ihr die Selbstständigkeit abhanden kommt und wie es ihr unmöglich ist, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten.
Vor allem der Konflikt, den jede beteiligte Person mit sich selbst auszutragen hat, kommt sehr gut zu Tage, teilweise fehlt aber die Aufarbeitung, wie man diesen inneren Konflikt lösen kann, vor allem bei den Eltern. Man sieht deutlich, wie ohnmächtig sie der Situation gegenüberstehen, wie große Vorwürfe sie sich machen und wie intensiv sie Franka helfen wollen und tw. auch können, aber von der eigenen Konfliktbewältigung und wie sie es schaffen, täglich nicht an ihren Gefühlen zu verzweifeln, erfährt man im Grunde nicht.
Das Ende des Textes löst in mir einige zwiespältige Gefühle aus. Einerseits gefällt mir der Vergleich mit dem Vulkan, der toten Erde und dass danach auch wieder etwas wachsen kann sehr gut, andererseits kann es doch nicht sein, dass nach einem kleinen Urlaub die Welt wieder einigermaßen in Ordnung ist. Aber im Grunde hinterlässt das Buch eine positive Grundstimmung, ob das in dieser Art realistisch ist, kann ich mir nicht vorstellen und traue ich mich auch nicht zu bewerten. Wirklichkeitsnah war allerdings die Tatsache, dass der Täter bis zum Ende des Buches nicht gefunden wurde, denn ich denke, dass das, vor allem, wenn die DNA des Täters nicht gespeichert ist und das Opfer das Gesicht nicht erkennt, wirklich ein schwieriges Unterfangen bleibt. Und danach gilt es, mit der Tatsache, dass dies wohl ein ungelöstes Kapitel bleiben wird, fertig zu werden.
Ich denke, dieses Buch ist vor allem für meinen Berufsstand, wie auch für den der Lehrer, Eltern und generell Erwachsenen, eine große Hilfe darin, zu erkennen, dass es Situationen gibt, in denen wir an unsere Grenzen stoßen. Wir müssen diese Grenzen aber wahrnehmen und akzeptieren. Das Buch regt vor allem zum Nachdenken an, wie wir mit Kindern und Jugendlichen umgehen sollen, die so schwer traumatisiert sind. Das Buch gibt Anstöße zu sensiblen, pädagogischen Überlegungen, es wirft auf die Frage auf, was bleibt am Ende, und das wird von der Autorin nicht beantwortet. Klar gestellt wird aber, dass alle Hilfe von außen nur in Form einer Begleitung passieren kann, denn wirklich Heilung kann nur durch Selbstheilung passieren.
Lange habe ich daher über eine wirkliche Bewertung des Buches nachgedacht, die Kriterien eines Jugendbuches sind großteils erfüllt, nur der doch etwas verwaschene Schluss und die meiner Ansicht nach Ungeeignetheit für persönlich betroffene lassen mich einen Punkt abziehen.