Kurzbeschreibung
Ein Mann und seine Freundin laufen unter dem klaren Novemberhimmel durchs Zentrum von Madrid: Uniformierte, Falangistenfahnen und Franco-Devotionalien erinnern an den soeben zu Ende gegangenen Aufmarsch. In Madrid aber kommt auch wieder das Bild eines Freundes vor Augen, und mit dem Bild eine Geschichte, »nachdem es mir gelungen war, eine Weile nicht an ihn zu denken«. Vergeßt mich ist eine Erzählung in Bildern und Fantasien, Erinnerungen an ein letztes Telefonat und wie hinterher gerufen: »Vergeßt mich, drei Silben, und aus weiter Ferne: Vergeßt mich.«
Über den Autor
Marcel Beyer wurde 1965 in Tailfingen/Württemberg geboren, ist in Kiel und in Neuss aufgewachsen, lebte bis 1996 in Köln seitdem in Dresden. 1987 bis 1991 Studium der Literaturwissenschaften in Siegen, Magister (Abschlußarbeit: Friederike Mayröcker. Eine Bibliographie 1946 1990. Frankfurt/M. etc. Peter Lang 1992).1987 bis heute Zusammenarbeit mit Norbert Hummelt: Auftritte, Video- und Audiocasetten, Gemeinschaftstexte, Übertragungen.1988 Einrichtung des Friederike Mayröcker Archivs der Wiener Stadt- und Landesbibliothek.1989 bis 2000 Herausgeber der Reihe Vergessene Autoren der Moderne, gemeinsam mit Karl Riha.1992 bis 1998 Mitarbeit bei Spex1998 gemeinsam mit Kathrin Achinger (Stimme) und Matthias Arfmann (Ton) Projekt zu Brion Gysin. Gastdozenturen, Vortragsreisen, writer in residence (London, Warwick, New York, Leipzig, Bamberg, Tokyo, Kobe, Raketenstation Hombroich).Interviews, Aufsätze, Platten- und Buchbesprechungen für Zeitungen und Zeitschriften, Linernotes.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Am späten Vormittag, als wir uns sicher waren, der Novemberhimmel über Madrid werde für eine Weile ruhig bleiben, stiegen wir in ein Taxi und ließen den Chauffeur bis an den Rand des Stadtplans fahren, den man uns im Hotel gegeben hatte. Heute morgen fiel noch der feine, schwere Regen, mit dem die Stadt uns vor drei Tagen empfangen hat, wir wachten in der Frühe auf, wir schliefen weiter, dann riß der Film über der Hochebene, die Wolken nahmen Formen an, und nun sah man schon keine Pfützen mehr auf dem Trottoir, die Schuhe der Sonntagsspaziergänger glänzten, feucht schimmerte der Asphalt. Zwischen den Häusern tauchte die Sonne auf, wir fuhren mit heruntergedrehten Fenstern, wir in Madrid allein, in die Polster gesunken, es roch nach kaltem Rauch, der Stadtplan lag auf meinen Knien. Wir sahen das Telegraphenamt,"der Kommunikationspalast", sie unterhielt sich mit dem Taxifahrer, lachte, übersetzte mir,"Die Einheimischen nennen das Gebäude: Unsere Liebe Frau von der Telekommunikation". Der Fahrer wechselte die Spur, im Rückspiegel sah er mich an, er lachte auch.
Ich habe nicht achtgegeben, ob er den Blick in den Rückspiegel mied, kaum daß wir in die Gran Vía eingebogen waren, oder ob sein Gesicht sich nach und nach verdunkelte. Langsam schoben sich die Kolonnen die Straße hinauf, Reisebusse, Taxis, Familienkutschen aus dem Umland, überall standen Absperrgitter entlang des Bordsteins aufgereiht, und alle paar Meter lehnte ein Polizist lässig an seinem Motorrad auf dem Mittelstreifen. Werden die Absperrungen hier jeden Sonntag aufgestellt, sind sie eben angeliefert, sind sie gerade wieder eingesammelt worden, hat eine Demonstration stattgefunden, oder fahren wir dem Ende eines Umzugs hinterher, wollten wir wissen. Spätestens da, als sie den Taxifahrer fragte, zogen sich dieFalten über seiner Nase zusammen, traute er uns nicht mehr."Ja, ja, ganz recht, so etwas wie ein Umzug."Abwehr in seiner Stimme, er ließ das Nummernschild des Lieferwagens vor uns nicht aus den Augen, als müsse er sich auf den Verkehr konzentrieren, oder als blende ihn mit einem Mal die Sonne, die nun aus einem wolkenlosen Himmel auf die Stadt herunterschien. Der Taxifahrer war der erste Fremde seit unserer Ankunft, mit dem wir eine längere Unterhaltung angefangen hatten, jetzt war auch das vorbei.
Ich habe nicht achtgegeben, ob er den Blick in den Rückspiegel mied, kaum daß wir in die Gran Vía eingebogen waren, oder ob sein Gesicht sich nach und nach verdunkelte. Langsam schoben sich die Kolonnen die Straße hinauf, Reisebusse, Taxis, Familienkutschen aus dem Umland, überall standen Absperrgitter entlang des Bordsteins aufgereiht, und alle paar Meter lehnte ein Polizist lässig an seinem Motorrad auf dem Mittelstreifen. Werden die Absperrungen hier jeden Sonntag aufgestellt, sind sie eben angeliefert, sind sie gerade wieder eingesammelt worden, hat eine Demonstration stattgefunden, oder fahren wir dem Ende eines Umzugs hinterher, wollten wir wissen. Spätestens da, als sie den Taxifahrer fragte, zogen sich dieFalten über seiner Nase zusammen, traute er uns nicht mehr."Ja, ja, ganz recht, so etwas wie ein Umzug."Abwehr in seiner Stimme, er ließ das Nummernschild des Lieferwagens vor uns nicht aus den Augen, als müsse er sich auf den Verkehr konzentrieren, oder als blende ihn mit einem Mal die Sonne, die nun aus einem wolkenlosen Himmel auf die Stadt herunterschien. Der Taxifahrer war der erste Fremde seit unserer Ankunft, mit dem wir eine längere Unterhaltung angefangen hatten, jetzt war auch das vorbei.
Auszug aus Vergesst mich von Marcel Beyer. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Am späten Vormittag, als wir uns sicher waren, der Novemberhimmel über Madrid werde für eine Weile ruhig bleiben, stiegen wir in ein Taxi und ließen den Chauffeur bis an den Rand des Stadtplans fahren, den man uns im Hotel gegeben hatte. Heute morgen fiel noch der feine, schwere Regen, mit dem die Stadt uns vor drei Tagen empfangen hat, wir wachten in der Frühe auf, wir schliefen weiter, dann riß der Film über der Hochebene, die Wolken nahmen Formen an, und nun sah man schon keine Pfützen mehr auf dem Trottoir, die Schuhe der Sonntagsspaziergänger glänzten, feucht schimmerte der Asphalt. Zwischen den Häusern tauchte die Sonne auf, wir fuhren mit heruntergedrehten Fenstern, wir in Madrid allein, in die Polster gesunken, es roch nach kaltem Rauch, der Stadtplan lag auf meinen Knien. Wir sahen das Telegraphenamt, »der Kommunikationspalast«, sie unterhielt sich mit dem Taxifahrer, lachte, übersetzte mir, »Die Einheimischen nennen das Gebäude: Unsere Liebe Frau von der Telekommunikation«. Der Fahrer wechselte die Spur, im Rückspiegel sah er mich an, er lachte auch. Ich habe nicht achtgegeben, ob er den Blick in den Rückspiegel mied, kaum daß wir in die Gran Vía eingebogen waren, oder ob sein Gesicht sich nach und nach verdunkelte. Langsam schoben sich die Kolonnen die Straße hinauf, Reisebusse, Taxis, Familienkutschen aus dem Umland, überall standen Absperrgitter entlang des Bordsteins aufgereiht, und alle paar Meter lehnte ein Polizist lässig an seinem Motorrad auf dem Mittelstreifen. Werden die Absperrungen hier jeden Sonntag aufgestellt, sind sie eben angeliefert, sind sie gerade wieder eingesammelt worden, hat eine Demonstration stattgefunden, oder fahren wir dem Ende eines Umzugs hinterher, wollten wir wissen. Spätestens da, als sie den Taxifahrer fragte, zogen sich die Falten über seiner Nase zusammen, traute er uns nicht mehr.»Ja, ja, ganz recht, so etwas wie ein Umzug.«Abwehr in seiner Stimme, er ließ das Nummernschild des Lieferwagens vor uns nicht aus den Augen, als müsse er sich auf den Verkehr konzentrieren, oder als blende ihn mit einem Mal die Sonne, die nun aus einem wolkenlosen Himmel auf die Stadt herunterschien. Der Taxifahrer war der erste Fremde seit unserer Ankunft, mit dem wir eine längere Unterhaltung angefangen hatten, jetzt war auch das vorbei.