...das erkennt Henryk M. Broder am Ende seines Buchs -Vergesst Auschwitz!- sehr gut. Ist Henryk M. Broder fair? Da ist bei der Antwort Vorsicht geboten. Ich mag Henryk M. Broder, seit ich ihn(aus Publikationen und Film- und Fernsehauftritten) kenne. Der Mann ist intelligent, herrlich quer denkend und clever. In den letzten Jahren ertappte ich mich jedoch hier und da bei dem Gedanken, dass die Altersmilde um Henryk M. Broder einen weiten Bogen gemacht hat. Wenn der Journalist jemanden ins Visier nimmt, dann kann jedes Wort zur Fallgrube und jeder Satz zu einem dunklen Verlies werden. Gerade in Themenbereichen wie dem Holocaust oder Israel, ist das ein Kinderspiel. Da lauern vermintes Gebiet, Stolperstricke, Selbstschussanlagen und Heckenschützen an jeder Ecke. Ich hoffe trotzdem, eine Rezension zu Broders Buch schreiben zu können, ohne mich dabei in einem swimmingpoolgroßen Fettnäpfchen zu ersaufen.
Da ist zunächst einmal der Titel. Der ist ziemlich reißerisch. Autor und Verlag sei das erlaubt, aber der Titel weckt Erwartungen, die das Buch nicht erfüllt. Broder deckt nicht die antisemitische Grundhaltung im Nachkriegsdeutschland auf, oder zeigt einen Weg aus dem Dilemma der Nachkriegsgeborenen, die um das deutsche Schicksal nicht herum kommen können(das eigentlich auch gar nicht wollen). Vielmehr nutzt Broder seinen Text, um mit einigen, seiner Meinung nach, "ewig Gestrigen" abzurechnen. Ob das "Die Linke" ist oder der KenFM Moderator Ken Jebsen. Da ist Broder gnadenlos und oft auch tief verletzend. Für mich wurde das klar, als ich sah, dass Broder glatte 15 Seiten Email-Reaktionen auf seinen Konflikt mit Jebsen hin, in das Buch packte. Da hätten mir ein paar Auszüge gereicht, denn das jeder zweite Nerd und Schlaumeier heutzutage seine Meinung kundtun muss, war mir schon vorher klar. Broder schafft es nicht, so dämlich sich das jetzt auch anhören mag, seine Botschaft unterhaltend an den Leser zu bringen. Mir ging es zu oft um Spitzfindigkeiten in der Wortwahl oder um die Ecke gedachte Formulierungen. Broder zeigt alles auf, was falsch ist, aber er bietet leider keine Lösungsmöglichkeiten an.
Was den Konflikt zwischen Israel und der arabischen Welt angeht, hat Broder die Gut und Böse Rollen klar verteilt. Inwieweit seine Aussagen korrekt sind, kann ich nicht sagen, da mein politisches Fachwissen in diesem Bereich eher als kläglich zu bezeichnen ist. Mir fiel allerdings auf, dass Broder seinen Gegnern pauschal eine gewisse Geisteshaltung unterstellt und dabei, für meinen Geschmack, nicht klar genug zwischen Regimen, Parteien und einzelnen Menschen unterscheidet. Ein politischer Gegner, der auf die gleiche Art und Weise argumentiert, wird von Broder jedoch scharf attackiert.
Zum Abschluss kann ich nur hoffen, dass ich jetzt nicht in die Schusslinie geraten bin. Wie gesagt, ich mag Henryk M. Broder, obwohl... das ist eigentlich schon verdächtig, denn Henryk M. Broder möchte das eigentlich gar nicht. Ich werde auch weiterhin seine Fernsehauftritte genießen, seine Blogs lesen und mir den Teil seiner Arbeit heraussuchen, der mir richtig gut gefällt. -Vergesst Auschwitz- gehört dabei, finde ich jedenfalls, nicht zu seinen besten Arbeiten. Man mag von Henryk M. Broder denken was man will, ich glaube, dass Typen wie er wichtig sind. Am Ende gibt es dann noch einen Vergleich(auf die steht Henryk M. Broder gar nicht. Erhöhtes Fettnäpfchenrisiko!): Henryk M. Broder ist für mich wie James T. Kirk. Man kann ihn mögen oder auch nicht. Aber ohne ihn, würde dem Universum ganz sicher etwas fehlen...