Das Buch beinhaltet drei Erzählungen, wobei die erste, "Der Spiegel der Natur", mit 10 Seiten relativ kurz ist, während die dritte, "TV der Leiden", mit 133 Seiten mehr als die Hälfte des Gesamtumfangs ausmacht.
DER SPIEGEL DER NATUR - EINE KRITIK DER PHILOSOPHIE.
Innerer Monolog eines Laiengiftspinnenforschers (wg. Fahrlässigkeit in Zusammenhang mit seinem Hobby zu einer Bewährungsstrafe verurteilt), dessen Mutter den Erlös einer gewonnenen Produkthaftungsklage für eine Schönheits-OP verwendete (Entfernung der Krähenfüsse um die Augen), deren Ergebnis nun Gegenstand eines zivilrechtlichen Prozesses ist.
VERGESSENHEIT.
Ein stellvertretender Systemadministrator (tätig in einem Unternehmen, "das für eine Reihe kleiner und mittlerer Versicherungsgesellschaften in der mittelatlantischen Küstenregion Speicherkapazitäten und -Systeme für ausgelagerte Daten und Dokumente bereit- bzw. herstellt"), welcher "infolge von nahezu sieben Monaten massiver Schlafstörungen" an zeitweiligem Orientierungsverlust und verzerrten Sinneswahrnehmungen leidet, schildert seinen zermürbenden Ehekonflikt - ausgelöst durch sein angebliches Schnarchen - der in einer Untersuchung des gemeinsamen Schlafverhaltens des Paares in einer Schlafklinik kulminiert. Der existenziell-dramatische Hintergrund (Familienquerelen, Altern, Einsamkeit) ist dabei der eigentliche Kern der Story. Typisch DFW: Lachen mit Tränen in den Augen.
TV DER LEIDEN - THE SUFFERING CHANNEL.
Das Leitmotiv der Geschichte ist die Entstehung eines Artikels über einen Rektal-Künstler im Hochglanzmagazin "Style": "Das "HILFE" war schnörkelig-kalligrafisch ausgeführt, die Anführungszeichen ebenso... Er wusste, was es für eine Willenskraft erforderte, sich auch nur vorzustellen, welche verschiedenen Positionen und Kontraktionen die Hervorbringung dieses eines Wortes gekostet hatte, einschließlich der dicken, aber absolut geraden Unterstreichung und der winzigen, perfekt ausgeformten Anführungszeichen". Das eklige Thema als "Aufhänger" erscheint zu Beginn freilich etwas irritierend. Weitere Lektüre lässt einen die anfänglichen Vorbehalte jedoch vergessen.
DFW zeichnet eitle und intrigendurchsetzte Realität der feinen New Yorker "Style"-Redaktion mit ihren subtilen Rang- und Kleiderordnungen und Ritualen ("Wie beim Brainstorming übrig sprach sie mit jener tiefen-entspannten, halb tranceartigen Stimme"). Dann ist da noch ein von Albträumen geplagter TV-Produzent, dessen Idee fixe es ist, einen TV-Kanal mit kackenden Celebrities zu lancieren. Stupide Selbstgefälligkeit der Medienmenschen wäre lächerlich, wenn sie, gepaart mit unreflektierter Bereitschaft sich buchstäblich mit jedem Scheiß zu befassen, nicht so traurig wahr wäre. Wie sich am Beispiel der Vermarktung des "Künstlers" durch seine Frau indes zeigt, herrscht völlige Skrupellosigkeit auch bei der amerikanischen Unterschicht. Eine Aushöhlung und Pervertierung des Lebens, motiviert durch Karriereambitionen, Zielrenditen und Sehnsucht nach (und sei es auch so flüchtigem) Ruhm, allerorts. Menschlichkeit wird hier als fehlender Biss und daher als Schwäche gedeutet.
Eine ausgezeichnete Story: wuchtiger Erfindungsgeist und Witz des Autors (Beachten Sie die Liste der Clips von Suffering Channel, sowie die Aufzählung der Artikel der Rubrik "Was in aller Welt"!), mehrere Erzählebenen, intelligente Perspektivenwechsel, meisterhafter Vokabulareinsatz zum plastischen Einfangen des entseelten amerikanischen Alltags. Usw., usf. Eine auch sehr realistische Story. In ihrer Hektik und geistigen Unruhe kann sich die moderne Welt leider höchstens zu "Bewirtschaftung der Bedeutungslosigkeit" aufraffen.
Auch dieser Band bestätigt herausragendes intellektuelles und stilistisches Niveau von DFW, das die Vorstellung von den Grenzen des Machbaren in der Literatur merklich ausweitet. Fünf Sterne.