© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
Steven Spielberg beweist in diesem Fortsetzungsfilm, dass er als einer von ganz wenigen Autorenkino mit Blockbusteraction verbinden kann. Einerseits ist er dem klassischen Abenteuerkino ehrfurchtsvoll verhaftet, um es gleichzeitig auf eine spektakuläre Spitze zu treiben (aber auch vor dessen Simplifizierungen, Filmfehlern und geballtem Schwachsinn nicht zurückzuschrecken). Andererseits bringt er auch in seine flachen Filme - und "The Lost World" ist unglaublich flach - sehr persönliche Spielberg-Themen hinein und findet Bilder zu deren Umsetzung. Mit anderen Worten: In der Haupthandlung schwankt "The Lost World" zwischen packenden und dämlichen Szenen und bringt allenfalls drei Sterne. Aber ganz im Sinne der französischen Autorenpolitik lohnt ein Blick auf scheinbar Nebensächliches, sodass man noch in einem schwächeren Spielberg-Film den Regisseur als Autor entdecken kann. Im konkreten Fall: Das Kind und der abwesende Vater sowie in diesem Zusammenhang der Einsatz der Farbe Rot. Sie ist mit Kelly, der Tochter von Ian Malcolm (Jeff Goldblum) assoziiert, die als farbige Tochter eines weißen Vaters unter Weißen schon auf eine Disparität zwischen Vater und Tochter hinweist. Nichtsdestoweniger ist Spielberg wie gewohnt ganz auf der Seite des Kindes und lässt dieses Mädchen mit unverstelltem, unverdorbenem, neugierigem Blick Dinge erkennen, die den Großen verschlossen sind. Und in ihrer roten Kleidung wirkt sie fast wie das Mädchen in Rot aus "Schindlers Liste", so gewagt der Vergleich auch sein mag: Rot ist Blut ist nicht nur Tod, sondern hier vor allem Leben, Anteilnahme, ein starker Wille, ein großes Herz, ein wacher Geist. Mit diesem muss Kelly indes ein paar Dinge zu viel herausreißen, was auf die andere Seite, die stellenweise Blödsinnigkeit von "The Lost World" hinweist: Die Erwachsenen bauen nämlich eindeutig zu viel Mist, hier hat Spielberg die Charakterzeichnung arg übertrieben und wird ungewohnt und ungewollt lächerlich. Einverstanden, wir haben uns gewöhnt an die blöden, fiesen Jäger und Geschäftemacher mit ihren Betonköppen, deren Beton aber selbstverständlich weich genug ist, um sogleich von hungrigen Sauriermäulern geknackt zu werden. Aber auch die Guten, die Wissenschaftler, die Naturliebhaber schießen diesmal einen Bock nach dem anderen. Bei einem Kameraklick nicht daran zu denken, dass der Film zurückspulen könnte, um durch das Geräusch gefährliches Getier auf die Fotografin zu lenken, ist schon ziemlich gedankenlos. Ein verletztes T-Rex-Baby im Trailer zu verarzten, kann dies aber noch mühelos toppen. Wiederum ist es Kelly, die als einzige den natürlichsten Gedanken ausspricht: Was ist, wenn andere Tiere darauf aufmerksam werden? In der Tat muss sich unsere Gutmenschentruppe bald mit einer seeehr wütenden Mutter herumschlagen...
Was "The Lost World" als Abenteuerfilm betrifft, haben wir es mit einigen wirklich spektakulären Szenen in Kombination mit wirklich simplen Charakterzeichnungen und oftmals vorhersehbarer Dramaturgie zu tun. Zwar gelingen Spielberg die üblichen Cliffhanger (einmal in einer Auto-überm-Felsen-Szene im wahrsten Sinne des Wortes) und Suspense-Momente, aber die in Teil 1 herausragende Mischung aus Suspense und Surprise klappt nur selten. Teil 1 hatte den Hauch des Neuen, in der digitalen Perfektion nie Gesehenen, in Teil 2 gibt es mehr Effekte und mehr Saurier, aber Abläufe, die wir schon kennen - und deutliche Zitate aus Teil 1, die darum ihres Überraschungseffektes beraubt sind (beispielsweise wenn wir einen Arm sehen und uns die Kamera erst kurz danach offenbart, dass sich daran kein Körper mehr befindet). Stilistisch am besten ist immer noch, wie Spielberg gewohnt souverän eine Mischung aus kalkuliertem Ekel-Grusel zulässt, aber die ganz fiesen Dinge dann doch verbirgt und beispielsweise Blut als sich verfärbendes Wasser zeigt, was in unserer Phantasie unglaublich grausige Dinge entstehen lässt, die die Saurier mit einem Opfer wohl gemacht haben müssen. Am geschicktesten, weil indirektesten gelingt dies kurz vor Schluss, als nach einem Saurierangriff "nur" auf blutrote Geländer auf dem Schiff übergeblendet wird, auf dem die Bluttat geschah.
Man kann sich also recht gut unterhalten bei diesem Film und sich an einigen Spielbergianismen erfreuen. Neben dem Erwähnten zählt dazu die Liebe zum klassischen Abenteuerkino, die sich diesmal durch deutliche Zitate aus "King Kong" offenbart - nicht nur in der Struktur der Erzählung, sondern auch in einer Einzelszene, in der ein Saurier mit seinem Fußabdruck einen Menschen im Schlamm begräbt. Es stört auch nicht, dass Spielberg in "The Lost World" seinen letztlich familienfreundlichen Kosmos nicht aufbricht (z.B. indem er kleinen Kinder nie sterben lässt und auch ein Familienschoßhund nur BEINAHE gefressen wird, denn die zerberstende Hundehütte ist eindeutig leer, ganz anders als in Tim Burtons "Sleepy Hollow"). Schwach ist hingegen die selbst für einen bewusst nostalgischen Film mit Hang zum Trash zu geballte Anhäufung von Fehlern - Fehlern in den Handlungsweisen der Protagonisten (dazu oben) und wirklichen Goofs. Ein Schiff transportiert einen T-Rex nach Amerika, bei der Ankunft ist die ganze Besatzung gefressen und der Käfig unversehrt. Das Tier trampelt anschließend durch die Straßen und Wohngegenden, was offenbar alle Leute seelenruhig schlafen lässt, bis es direkt vor jemandes Haus steht. Hier gibt uns Spielberg auch bei heruntergefahrenen Niveau-Erwartungen zu viele Kröten zu schlucken. Hübsch sind hingegen ein paar skurrile Einfälle am Rande: Ein Mal rennt der T-Rex in eine Videothek, in der Katastrophenfilme wie "Tsunami Sunrise" (???) auszuleihen sind - man spürt, wie Spielberg sagt, "Ich bin der Größte und mache die Ramsch-Konkurrenz platt." Und so sehr es auch im Dienste der penetranten Gutmenschenbotschaft steht: Wenn diese einmal nicht durch ewiges Gerede, sondern durch ein satirisches Bild vermittelt wird, gelingt Spielberg ein echter Brüller: Als der T-Rex nach Amerika "einwandert", sehen wir eine Warnung am Schlagbaum, dass über diese Linie gewisse Dinge wie lebende Tiere nicht mehr eingeführt werden dürften. Schlagbaum und Warntafel macht das Tier natürlich einfach platt, so wie in Teil 1 die Dinos die Ausstellungsbanderole "Als die Dinosaurier die Erde beherrschten" herunterrissen und die Vergangenheitsform in Frage stellten. Und so macht es alles in allem dennoch Laune, in einem der schwächeren Spielbergs nach dessen ureigenen Bildern, Ideen, Plot- und Figurenelementen - also nach seiner Handschrift - zu suchen. Man wird fündig. Spielberg ist ein "auteur", auch hier. Selbst wenn man dafür den einen oder anderen Quatsch ertragen muss, bringt das dem Film - gerade noch - seinen vierten Stern.