Warum hat mich niemand davor gewarnt?!
Da erzählt ein Autor, der die Welt mit der Weisheit eines Alten, jedoch mit der ungebrochenen Neugier eines Kindes betrachtet und Wissen in sich aufsaugt wie ein trockener Schwamm, von Erlebnissen und Erfahrungen von allen Enden der Erde und dennoch ist er ständig am Suchen: Nach allen erdenklichen Handwerkstechniken, vor allem solchen, die drohen in Vergessenheit zu geraten. Voller Staunen und Respekt läßt er uns Handwerkern aussterbender Berufe über die Schulter und auf die Finger schauen, und gibt uns, begleitet von seinen wirklich auch laientauglichen Erklärungen der einzelnen Arbeitsschritte das Gefühl, das auch erlernen zu können, ja er macht uns Lust darauf! Von der Herstellung eines Holzlöffels bis zur Blockhütte, vom Weidenkorb bis zum Rindenboot (einschließlich des Schälens der Rinde), ob Kalkmeiler oder Holzschuh, ob Wolle, Leder oder Flachs, kein Bereich oder Werkstoff, dem wir in irgendeinem Bereich unseres unseres Lebens begegnen könnten wurde ausgespart. Nur schwer kann man nach der Lektüre den Reflex unterdrücken, sofort den Strom abzumelden, denn John Seymour zeigt uns, wie es geht, in dem er beinahe ausschließlich Techniken, die ohne elektrische Maschinen auskommen bespricht. Man wird nicht Derselbe sein wie vor dem Lesen dieses Buches! Nur schwer kann man verhindern, dass man beim nächsten Spaziergang nicht einfach Landschaft sieht, sondern beginnt, Bäume, Stämme, Äste als Werkstoff zu sehen und vielleicht im Geiste bereits eine Astgabel für den Griff eine
s Spazierstocks verplant,(oder doch lieber für Holzschuh-Sohlen?), oder den Boden auf seinen Lehmgehalt abschätzt.
Aber nicht nur Wissen vermittelt er in wunderbar einfacher Weise, sondern, und zwar ohne jede Schulmeisterei, auch Erkenntnis. Erkenntnis darüber, welche Auswirkungen das Verschwinden dieser ursprünglichen Techniken für uns, unsere Kinder, die Gesellschaft und unseren Planeten hat. Da ist die zwischendurch eingestreute Erklärung eines Hefekorbes, der, aus den nachwachsenen Zweigen der Kopfweide in einer weniger aufwendigen Technik hergestellte "Einweg-Korb". Man benutzte ihn zum Transport der überschüssigen Bier-Hefe von der Brauerei zu den Bäckereien, die die Hefe benötigten und danach war er willkommenes Heizmaterial. Er fiel der Industrialisierung zum Opfer und wurde durch Karttons ersetzt. Ich weiß nicht, wielange ein Korbflechter für die Herstellung so eines Korbes brauchte, aber ich weiß, wie lange ein Baum braucht, bis er als Papier-Rohstoff gefällt wird. War Ihnen bewußt, wieviele Bäume jeden Tag gefällt werden, um als Altpapier oder, schlimmer noch, als Müll zu enden? Mir nicht, und die genaue Zahl, sollte sie überhaupt jemand kennen, steht nicht in dem Buch. Aber nun ist mir diese Tatsache bewußt, wie vieles andere ebenfalls, das ich aus diesem wunderbaren Buch gelernt habe.
Mit diesem Buch taucht man in eine ent-schleunigte Welt ein und es wird einem klar gemacht, dass Handwerk und Handarbeit in Wirklichkeit nicht zu langsam sind, sondern wir zu schnell! Wenn ein Stuhl aus massivem Holz, aus dem obendrein keine giftigen Kleberdämpfe entweichen, ein Leben lang hält, ist es doch völlig irrelevant, dass seine Herstellung etwas länger gedauert hat, als bei Verwendung von motorgetriebenen Geräten und billigen Spanplatten. "Ist das nicht zu teuer? Das kann ich mir doch nicht leisten!", höre ich mich selber wie aus einer anderen Welt fragen, aus einer Welt, in der Wegwerfmöbel, die bei einer Übersiedlung zu zerlegen gar nicht mehr lohnt, da meist ein Wiederzusammenbau gar nicht mehr zufriedenstellend erfolgen kann. Es ist die Welt VOR der Lektüre dieses Buches. DANACH sieht man im Geiste die Mülldeponie - wegen der enthaltenen Kleber und Bindemittel sind moderne Möbel, wenn sie ausgedient haben, ja nicht einmal mehr brauchbares Brennmaterial! - mit der nicht geringen Anzahl von Stühlen, die man/frau so in einem Menschenleben verbrauchen wird und daneben den einen, in liebevoller Handarbeit hergestellten Stuhl aus massivem Holz, der einem treu sein wird.
John Seymour, dieser bodenständige, begnadete Erzähler mit Weitblick und Verstand starb im Jahr 2004. Zu gerne würde man ihm danken wollen, mit ihm sprechen, ihm weiter zuhören.
Menschen, denen Nachhaltigkeit wichtig ist, und die Handwerk schätzen, wird dieses Buch begeistern, und alle anderen zum Nachdenken anregen!
Vorsicht! Macht süchtig und ist - hoffentlich sehr - ansteckend!