Nach allgemeiner Auffassung entwickelte sich vor circa 1,8 Millionen Jahren am Übergang zum Quartär der "echte Mensch" (Homo erectus) aus den kulturlosen "Vor- bzw. Affenmenschen" in Afrika. In diesem Modell kann es keine vom Menschen hergestellten Steinwerkzeuge außerhalb Afrikas geben, die wesentlich älter als diese Datierung sind. Doch nur wenigen ist bekannt, dass in der zweiten Hälfte des 19. und im frühen 20. Jahrhundert an vielen Plätzen Europas Steinwerkzeuge aus dem Tertiär geborgen wurden. Michael Brandt erzählt die Geschichte der Entdeckung dieser Werkzeuge, die sich daran anschließende kontroverse Diskussion um ihre Echtheit, und die Gründe, die schließlich zur Ablehnung der Funde ("Naturprodukte") geführt haben, kenntnisreich nach. Alle Argumente und Einwände der Werkzeuggegner und Werkzeugbefürworter werden referiert und einer Bewertung unterzogen. Was ist das brisante an diesem Buch?
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten tertiären Steinwerkzeuge zweifelsohne echt sind!
Interessanterweise waren die Werkzeugbefürworter, unter denen sich viele renommierte Wissenschaftler befanden, alle Anhänger der Evolutionslehre. In dieser Zeit war die Frage nach dem "tertiären Menschen" noch eine offene und die Modelle zur Herkunft der Menschheit beiläufig im Entstehen. Doch umso erstaunlicher, dass im Laufe der Diskussion die Funde mit schlechten Argumenten und zweifelhaften Experimenten (Kreidemühlexperiment, Druck- und Schüttelexperimente) ad acta gelegt wurden und zunehmend in Vergessenheit gerieten. Die tertiären Steinwerkzeuge sind ein gutes Beispiel dafür, wie in der Forschung Befunde an eine Theorie angepasst werden, anstatt die Theorie den Daten anzugleichen. Nebenbei zerstört dieses interessante Kapitel aus der Wissenschaftsgeschichte das illusionäre Bild vom "objektiven und rationalen Wissenschaftsbetrieb", in dem Argumente sachlich und kritisch gegeneinander abgewogen werden.
Das im Lexikon-Format gehaltene Buch ist so aufgebaut, dass die in den einzelnen Kapiteln geschilderten Fundorte chronologisch angeordnet sind: Von Abbé Bourgeois entdeckte Steinwerkzeuge aus dem Unteren Miozän von Thenay (Frankreich), miozäne und pliozäne Steinwerkzeugfunde von Carlos Ribeiros aus Portugal, pliozäne Eolithen vom Kent-Plateau in England von Benjamin Harrison, Aimé Rutot und die Eolithen aus dem Oberen Oligozän von Boncelles (Belgien), paläozäne Werkzeuge aus Nordfrankreich und pliozäne Funde aus Ostengland, sowie Werkzeuge verchiedener Forscher aus dem Oberen Miozän von Aurillac in Frankreich. Jedes dieser Abschnitte kann auch für sich gelesen werden. Dazwischen eingefügt sind Kapitel mit je eigenen Themen, die sich bspw. allgemein mit Merkmalen von Steinwerkzeugen befassen. Anhand zahlreicher Fotos und Zeichnungen von hervorragender Qualität kann sich der Leser von der Artefaktnatur der Befunde selbst überzeugen.
Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch von der Wissenschaft nicht ignoriert wird, sondern die Diskussion neu entfacht.