- Gebundene Ausgabe: 200 Seiten
- Verlag: Kinzelbach (2000)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 392706954X
- ISBN-13: 978-3927069541
- Größe und/oder Gewicht: 22 x 14,6 x 1,6 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 2.190.180 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
| |||||||||||||||
Produktinformation
|
Mouloud Feraoun erschliesst eine kabylische Dorfwelt
Die Strasse, welche durchs schroffe Hochland der Kabylei ins Dorf Ighil-Nezman führt, «windet sich widerwillig, bevor sie dort einmündet». Wer ihr folgt, mag auf der ersten Seite von Mouloud Feraouns Roman auch selbst einen Moment ins Zögern kommen über dem gemächlichen Gang dieser Prosa: Hier lässt eine Geste allzu deutlich auf die fünfzig Jahre zurückliegende Entstehungszeit des Buches schliessen; dort scheint sich in einer erklärenden Phrase eine Unsicherheit der Autorenstimme zu verraten. Doch lässt man sich von dieser mit leisem Eigensinn begabten Strasse zum Weiterlesen verführen, so wird man keineswegs ausgetretene Pfade, sondern eine literarische Landschaft von herbem, stillem Zauber finden.
Als ein Stiller im Land galt auch der 1913 im kabylischen Bergdorf Tizi-Hibel geborene Verfasser des Buches. Dass Mouloud Feraoun sich in der Zeit des algerischen Befreiungskampfes auf die Beschreibung des schlichten Lebens in seiner Heimatregion beschränkte, statt die Unabhängigkeitsbestrebungen mit Wort und Tat zu unterstützen, wurde ihm in seiner Heimat von manchen Kritikern nachgetragen, auch wenn seine Werke literarische Anerkennung fanden: Der autobiographische Erstlingsroman «Le Fils du pauvre» wurde 1950 mit dem Grand Prix Littéraire von Algier ausgezeichnet, das hier anzuzeigende Buch, 1953 unter dem Titel «La Terre et le Sang» erschienen, erhielt den Prix Populiste. Feraouns pazifistische Einstellung und seine zurückgezogene Existenz ersparten ihm allerdings nicht ein gewaltsames Ende, das ihn auch in den Augen seiner Gegner legitimieren musste: Zusammen mit sechs Berufskollegen, die wie der Schriftsteller selbst hauptamtlich als Lehrer in den für die unterprivilegierte Landbevölkerung eingerichteten Centres Sociaux Educatifs wirkten, wurde er kurz vor dem Ende des Unabhängigkeitskrieges von der französischen paramilitärischen Organisation de l'Armée Secrète ermordet.
Feraoun war in den ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, die «Le Fils du pauvre» schildert: Das jeweils zum Opferfest, dem höchsten muslimischen Feiertag, empfangene Gewand musste das ganze Jahr über halten, das Aroma einer Kartoffelsuppe klang tagelang im Gaumen nach. Mit zähem Lerneifer ergatterte er ein Stipendium, welches ihm die Ausbildung zum Lehrer ermöglichte und dabei auch die Begegnung mit französischstämmig-algerischen Autoren wie Camus und Roblès, deren Werken er dann eine eigene Vision seiner Heimat entgegenstellen wollte.
Obwohl Feraoun sich rasch als zwar gewissenhafter, aber durchaus gewandter Erzähler erweist, ist der eigenartige Reiz von «La Terre et le Sang» dessen unglückliche Assoziationen weckender Originaltitel im Deutschen durch «Vergeltung unter Tage» ersetzt wurde von einer wohl bäuerlich zu nennenden Art. Hier wachsen die Ereignisse still, und durchaus nicht immer erwartungsgemäss, unter dem Humus eines Alltagslebens heran, aus dessen Kargheit der Autor seinen eigenen literarischen Reichtum gewinnt: sei es im souverän eingefangenen Kolorit dörflichen Lebens, sei es in den spröden, aber von Mitgefühl unterfütterten Reflexionen über die Armut:
Ihre Empfindlichkeit stumpfte auf lange Sicht ab, denn am Ende versteht der Arme immer, dass die Armut kein Makel ist. Sie ist kein Makel, sondern ein Zustand, der erfüllt werden muss wie jeder andere. Die Armut hat ihre Regeln, die akzeptiert, und ihre Gesetze, die befolgt werden müssen, um kein unglücklicher Armer zu werden. (. . .) Ein armer Mensch ist vor allem einer, der zu warten weiss. Gott gibt dem, der zu warten weiss, deswegen wollen sich die Nachbarn nicht an Seine Stelle setzen und begnügen sich meistens damit, sich zu verstecken und hinter ihren verschlossenen Türen gut zu essen.
Nicht nur der Blick ins kleine, unendlich ferne Universum eines algerischen Bergdorfes in der Zwischenkriegszeit kann heutige, hiesige Leser faszinieren; sondern auch die Tatsache, dass von dort aus umgekehrt Europa klein und fern scheint, die Marksteine der Weltgeschichte zu Kieseln am Wegrand Amer ou Kacis, des Protagonisten, werden. Dieser ist wie Feraouns eigener Vater 1910 nach Frankreich emigriert, um in den Kohlenminen des Nordens zu arbeiten. Die Ankunft in Paris markiert nicht etwa die Überwältigung des simplen Berglers durch europäische Zivilisation und Kultur; die Lichterstadt bleibt flüchtige Impression, klar haftet Amer davon lediglich die Begegnung mit Landsleuten in einem engen, trüb beleuchteten Lokal im Gedächtnis. Dass er den Ersten Weltkrieg miterlebt, in deutsche Gefangenschaft gerät und fünf Jahre als Zwangsarbeiter im Lager verbringt, ist in dem fast zweihundertseitigen Buch Stoff für drei kurze Abschnitte; und dass er später eine Französin als Ehefrau auf sein Heimatdorf bringt, wird nicht wie etwa in Albert Memmis «Die Fremde» zum zentralen Konfliktstoff des Romans.
Dessen Handlung zu resümieren wäre nachgerade Verrat am Buch: Es hiesse, jene leise Widerständigkeit zu brechen, mit der Feraoun die Ereignisse mitteilt; es hiesse auch, die bewegte Oberfläche betonen, wo ganz anderes das Verborgene und Langsame gezeigt werden soll: die Stille, in der einer zwischen traditioneller Mannesehre, gesundem Menschenverstand und einem Quentchen eigener Feigheit abwägen muss; die tuschelnden, zwielichtigen Absprachen, dank denen kinderlose Ehepaare plötzlich doch noch zu Nachwuchs kommen; die lautlosen Botschaften, welche die nahebei beerdigten Vorfahren den Lebenden zukommen lassen. Schöner als der algerische Schriftsteller Tahar Djaout der, 1993 von den Extremisten der Islamischen Heilsfront erschossen, wie Feraoun einen gewaltsamen Tod starb könnte man Feraouns Kunst, die Schilderung seines heimatlichen Mikrokosmos, insgesamt nicht würdigen:
Ein Schriftsteller brauchte das Ingenium eines Akrobaten, um diesem Dorfplatz von der Grösse einer Handfläche eine gewisse Weite zu geben, um Abenteuer und Dramen in diesen Gässchen spielen zu lassen, die so eng sind, dass nicht einmal zwei Gedanken aneinander vorbeikommen.
Angela Schader
Tags(Was ist das?)Bei einem Tag handelt es sich um ein Schlagwort, das zum Produkt passt.
Tags erleichtern allen Kunden die Suche und die Sortierung ihrer Lieblingsprodukte. |
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||