Lebensbagatellen
Katja Lange-Müllers «Verfrühte Tierliebe»
Im Fremdwörterbuch heisst es, dass eine Bagatelle eine unbedeutende Kleinigkeit sei. Und von solchen handeln Katja Lange-Müllers zwei Erzählungen «Verfrühte Tierliebe»; das heisst, von Bagatellen gehen die Geschichten aus. Ihre Handlungen berichten davon, wie aus unbedeutenden Kleinigkeiten Schicksalswendungen werden. Solche dramatischen Steigerungen sind klassische Fälle der Komödie.
Verbotene Spiele
Bagatellfall Nummer eins: Eine Gymnasiastin, biographisch angelangt im Schatten problematischer und spinnerter Mädchenpubertät, gerät in den Sog eines seltsamen erotischen Reizes. Eines Tages taucht in der Schule ein Mann namens Bisalzki auf, der den Schülern seine Sammlung von toten und lebenden Reptilien und Insekten vorführt. Das Spektakel, halb Biologieunterricht, halb Zirkusnummer, wirkt auf das Mädchen als Initiation. Denn als einzige Zuschauerin besitzt sie genügend Mumm und Neugier, sich Bisalzkis Amazonas-Anakonda um den Hals legen zu lassen. Die Lust am Getier ist geweckt.
Vom ersten schaurigen Prickeln bis zu verbotenen Spielen ist es nicht weit. Bisalzki kommt auf die Idee, seine Insektensammlung der Schülerin zu vererben. In überdrehter Schöpferstimmung und von Omas Eierlikör angeschickert, macht sie sich mit Schere und Kleber an den toten, aufgespiessten Tierchen zu schaffen, schneidet da Köpfe und dort Flügel ab, tauscht aus und bastelt neu zusammen. Was ein Kunstwerk, die Natur weit übertreffend, sein soll, stellt in den Augen der Schulautorität Unzucht und Sakrileg dar, ja ein regelrechtes Delikt. Der Rest ist schnell erzählt, das heisst, Katja Lange-Müller erzählt das böse Ende der ersten Geschichte gar nicht, sie rekurriert lapidar darauf in der zweiten Geschichte. Das Mädchen fliegt von der Schule, die Schullaufbahn ist damit beendet und die erste Schicksalsweiche in eine ungünstige Richtung verstellt.
Bagatellfall Nummer zwei: Der Leser trifft das Mädchen als junge Frau, Kettenraucherin und kleine Diebin wieder. Der Leser bekommt auch einen ersten Hinweis darauf, dass sich die Geschichten in der Deutschen Demokratischen Republik abspielen, da die junge Frau, die kein Abitur hat, in einem «Druckkombinat» untergekommen ist. Der Verdacht, dass die Dramaturgie der Bagatellensteigerung ins Schicksalshafte mit dem absurden Theater des sozialistischen Apparats in Verbindung steht, wird in der zweiten Geschichte zur Gewissheit, obwohl das Wort DDR in dem ganzen Büchlein nicht vorkommt.
Die junge Frau klaut in einem Kaufhaus zwei Kerzenpackungen und wird prompt von einem Kaufhausdetektiv erwischt. Man kennt diesen Typ von grauer Maus, der sich einbildet, zwischen Wühltischen wichtig wie Grenzschutz und Minister in einem zu sein. Der Typ ist in Filmen und Büchern sehr beliebt. Die Fallhöhe zwischen realer Position und fiktivem Selbstwert sorgt für Komik. Doch Katja Lange-Müllers Kaufhausdetektiv hat literarische Sonderqualität. Er trägt alle Züge eines Melancholikers, und sein Porträt ist der Höhepunkt der Erzählungen.
Seltsame Geschichten
Bis zum Ende bleibt der Mann undurchschaubar wie eine durchcodierte Stasiakte. Er führt die junge Frau in den Kaufhauskeller, jagt ihr Ängste ein, sie werde angezeigt, macht ihr Hoffnungen, sie werde nicht angezeigt, verwickelt sie in immer seltsamere Geschichten und Inszenierungen (ein anwerbender Offizier der Staatssicherheit könnte nicht geschickter und effizienter sein), die in folgendes groteskes Bild münden: Die junge Frau steht splitterfasernackt in einer Toilettenzelle, die von aussen abgesperrt ist. Ihre Kleider hat sie dem Detektiv durch die Tür hinausgereicht.
Der Detektiv ist mit den Kleidern verschwunden, angeblich um sie von einer Kaufhausangestellten auf weiteres Diebesgut hin untersuchen zu lassen, da weibliches Personal zur direkten Leibesvisitation nicht abkömmlich sei. Der Detektiv kommt nie wieder. Statt dessen kommen spät nach Geschäftsschluss Putzfrauen in den Keller zu der Nackten und daraufhin die Polizei. Zum zweitenmal wendet sich das Schicksal in die Verschlechterung und die berufliche Laufbahn der Protagonistin in eine Abwärtskurve. Man sieht sie, einige Zeilen vor dem Ende der Erzählung, am Fliessband eines Glühlampenwerks sitzen. In den allerletzten Zeilen gibt sie sich als Schriftstellerin zu erkennen, die es vorzieht, den abstrusen Kaufhausdetektiv in den Höhlen ihrer Erinnerung zu suchen anstatt in den Katakomben der Gauck-Behörde.
Grammatikalische Knochenbrüche
Der Zoo und der Keller, die Orte, mit denen die beiden Geschichten spielen, sind klassische Topoi der DDR-Darstellung. Indirekt und komisch erzählt Katja Lange-Müller von Zensur, Behördenwahn und Instrumentalisierung. Die Autorin beherrscht die Kunst des subtilen Witzes und besitzt bisweilen einen unglücklichen Hang zum Kalauer und zur Drastik. Sie glänzt mit einem Kontrastprogramm aus Jargon und Kunstsprache und beschädigt ihre Prosa andererseits mit gebastelten, ja erzwungenen Hypotaxen. Zumal in der ersten Erzählung sollen die hypotaktischen Sätze wohl einen anachronistischen Literaturstil nachahmen und die jugendliche Vergangenheit der Protagonistin abbilden. Aber die Sätze hören sich, vor allem ihrem Ende zu, wie grammatikalischen Knochenbrüche an. Das ist zuviel gekünstelte Kunst für so schöne Lebensbagatellen.
Ursula März
Ein Buch über die Einsamkeit des Erwachsenwerdens, über die Macht und Ohnmacht zwischen Männern und Frauen, aber auch über ein Land, das es seit 1989 nicht mehr gibt.
Katja Lange-Müller ist 1951 in Ostberlin geboren. Sie lernte Schriftsetzer, arbeitete später als Hilfspflegerin auf psychiatrischen Stationen, lebte ein Jahr in der Mongolei und verließ die DDR 1984, fünf Jahre vor dem Mauerfall. 1986 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 1995 den Alfred-Döblin-Preis für ihre zweiteilige Erzählung "Verfrühte Tierliebe".
Bisherige Veröffentlichungen: "Wehleid - Wie im Leben", 1986.