Skeptische Tagebuchaufzeichnungen über die Oktoberrevolution und den anschließenden Bürgerkrieg sind erstaunlich selten bekanntgeworden, standen meist im Schatten berühmt gewordener Romane und Erzählungen (z.B. Bulgakows "Die weiße Garde", Pasternaks "Doktor Shiwago", Babels "Reiterarmee") oder Filme (z.B. Eisensteins "Oktober"). Iwan Bunins Revolutionstagebuch "Verfluchte Tage" erscheint sogar erst 2005 in deutscher Übersetzung, und es gehört zu den noch selteneren Werken jener, die der Revolution von Anfang an skeptisch gegenüberstanden: Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen sympathisierte Bunin in keiner Phase seines Lebens mit der Revolution -- trotz oder auch gerade wegen seiner liberalen Einstellung.
Die Revolution hatte Bunin noch in Moskau erlebt, übersiedelte 1918 aber nach Odessa, das während des Bürgerkrieges mehrmals umkämpft war, und von wo aus vor allem eine Emigration eher möglich war. Hier hält er mit wachsender Verbitterung alles fest, was er selbst beobachtet oder von anderen erfährt: Wüste Plünderungen des Mobs unter dem Deckmäntelchen der hehren Revolution; kaum vorstellbare Brutalität; Raffgier von Kriegsgewinnlern, die unter Revolutionsflagge segeln; antisemitische Auswüchse auch auf Seiten der Bolschewiki; die Hungerkatastrophe in der Ukraine; "proletarische Massen", die pogromartige Exzesse als "Revolution" zelebrieren (Tags drauf lautet die offizielle Bezeichnung "Tag des friedlichen Aufstandes") -- Bunin schreibt es auf, beschönigt nichts, entschuldigt nichts als leider pervertierte Revolutionsideale oder Kinderkrankheiten, sondern sieht die Revolution bzw. deren Protagonisten als bewusste Täter, zieht sie zur Verantwortung.
Die Aufzeichnungen vermitteln den Eindruck spontanen Erlebens, erweisen sich aber bei genauerem Lesen als exakt durchkomponiertes Werk, das wie ein tobsüchtiges Kaleidoskop auf Speed daherkommt: elende Straßenszenen vor heruntergewirtschafteter Odessaer Architektur besserer Tage; das Wüten eines rasend gewordenen Mobs; ständig wechselnde Gerüchte über die militärische Lage im Bürgerkrieg; Reflexionen darüber, wo das alles enden soll; Mitleid, Erbarmen und beißender Spott Arm in Arm. Zitate aus der offiziellen Lesart (manche davon verkünden mit stolzgeschwellter Brust unglaublichen Schwachsinn, andere bersten schier vor Zynismus) stehen unvermittelt neben realistischen Schilderungen des soeben Erlebten und Bunins persönlichen Stellungnahmen und Analysen. Man liest zahlreiche frühe Beispiele dafür, wie in Geschichtsschreibung mit zweierlei Maß gemessen wird (von wegen "unbestechliche Geschichtsschreibung"!) -- und dazwischen stehen melancholische Naturschilderungen, scheinbar von all dem unbeeindruckt und daher noch wirkungsvoller.
Aus seiner Parteilichkeit macht Bunin kein Hehl; die ein oder andere süffisante Anmerkung ist auch nicht frei vom Dünkel des Gebildeten, und dennoch sind seine "Verfluchte[n] Tage" kein Gift und Galle speiendes Pamphlet. Vieles dürfte die historischen Ereignisse sehr faktentreu wiedergeben. Eingeständnisse, dass nicht alle Bolschewisten wildgewordene Teufel waren, finden sich eher zwischen den Zeilen und in Nebensätzen. Bunin verschweigt sie nicht, gewichtet aber anders als das Gros der Zeitzeugen-Literatur und wird damit ein umso schwerwiegenderes Gegengewicht gegen etliche fast schon kanonisch gewordene Lesarten der Revolutions-Parteigänger.
Strenggenommen handelt es sich bei "Verfluchte Tage" freilich nicht um ein Tagebuch im engsten Sinne, sondern um die nachträgliche Bearbeitung damaliger Aufzeichnungen durch ihren Verfasser. Dennoch vermitteln diese Aufzeichnungen immer noch Bunins unmittelbare Eindrücke und Erlebnisse. Bezeichnenderweise wirkt "Verfluchte Tage" nirgends geglättet, macht auch nicht den Eindruck, der Autor habe sich nachträglich in ein vorteilhaftes Licht gesetzt. Zahlreiche spontane Gefühlregungen wurden nicht getilgt (es sei denn, Bunin hätte im O-Ton geflucht wie ein sternhagelvoller Bierkutscher, was ich mir aber aufgrund seiner Persönlichkeit nicht vorstellen kann).
Dorothea Trottenbergs meist sorgfältige Übersetzung wirkt lebendig, berücksichtigt auch die verschiedenen Stilebenen und Spezifika der Zitate. Verbesserungsfähig hingegen ist die mangelnde "Kooperation" zwischen Anmerkungsapparat und Namensregister. Zwar vermisst man gelegentlich Erläuterungen, und etliche Erläuterungen glänzen durch dürftigen Inhalt. Dafür ist anderes redundant und könnte gut wegfallen: Wenn im Text ein einziges Mal von einem Antiquar namens Wolnuchin die Rede ist, dann muss man den guten Mann im knapp kommentierten Namensregister nicht noch mal kommentierend als "Antiquar" bezeichnen -- leider kein Einzelfall. Dafür muss man sich bei der Suche nach wichtigen Informationen zu wichtigen Personen erst umständlich vom Namensregister zum Anmerkungsapparat hangeln. Sowas geht besser und verkauft Trottenbergs gute Arbeit unter Wert. Meist wurde nämlich gut, wenn nicht sogar vorbildlich recherchiert.
Außerdem sollte man Thomas Grobs Nachwort unbedingt lesen -- am besten vor der "eigentlichen" Lektüre, und danach noch einmal; Grob verbindet hier Bunins Biographie mit den spezifischen Merkmalen seines Revolutionstagebuchs und macht auch auf nicht sofort erkennbare Besonderheiten aufmerksam.
"Verfluchte Tage" gehört jedenfalls nicht nur zu den wenigen Augenzeugenberichten über die russische Revolution, sondern sogar zu den noch selteneren Berichten jener, die sich zu keinem Zeitpunkt mit der Revolution identifizieren konnten. Bunin steht nicht nur literarisch in der Tradition der Realisten des 19. Jahrhunderts, sondern auch protokollarisch -- ein fassungsloser Beobachter mit eigener Meinung, nicht unfehlbar, aber klug und empört reflektierend; einer, der hilflos mit anschauen muss, wie sein Land vor die Hunde geht. Das Tagebuchschreiben vermutlich als letzte Zuflucht, um nicht ganz zu verzweifeln.