| ||||||||||||||||||||
Produktinformation
|
Geboren 1737, erhielt Edward Gibbon aufgrund häufiger Krankheit keine kontinuierliche und reguläre Schulausbildung, machte dies durch persönliches Interesse und enormes Lesepensum jedoch mehr als wett. Nach kurzer und erfolgloser Zeit in Oxford hielt er sich mehrere Jahre in Lausanne auf, in denen er fließend Französisch lernte und seine historischen und philologischen (Altgriechisch, Latein) Privatstudien intensivierte und perfektionierte. Gegen Ende des hierauf, auch zu Studienzwecken, folgenden Aufenthaltes in Italien, fasste er den -- vielleicht literarisch stilisierten -- Entschluss zur Darstellung der Geschichte des Verfalls und Untergangs des (zunächst einmal antiken) Römischen Reiches. Die Originalausgabe umfasste schließlich jedoch auch noch, sicher mitinitiiert durch den großen Erfolg der ersten Bände, die Zeit bis zum Fall Konstantinopels 1453; er griff hier das Selbstverständnis des Byzantinischen Reiches als direkter Nachfolger des Römischen Reiches auf und führte sein Projekt damit konsequent zu Ende; auch wenn das Quellenmaterial hier dürftiger und die Darstellung gröber wird.
Die Kapitel I bis XXXVIII, von der Skizzierung der Regierungen Traians (98-117) und Hadrians (117-138) und dann ausführlich ab Antoninus Pius (138) und Marc Aurel (161-180) bis zum Ende des weströmischen Reiches (476), sowie die "General Observations" liegen nun in deutscher Übersetzung im dtv-Verlag als Kassettenwerk in sechs Bänden vor. Auch die fremdsprachigen Zitate in den Fußnoten wurden übersetzt. Die Fußnoten sind ein Lektüremuss bei Gibbon, denn er nutzte sie zu einem wahren Feuerwerk an Aperçus, Anekdoten sowie ironischen bis anzüglichen Kommentierungen, aber vor allem als Ort für zeitgenössische gesellschaftspolitisch heikle Bewertungen. Die Frage, warum Gibbon seine Geschichte nicht bereits mit dem Principat des Augustus bzw. Caesars begann, erklärt sich aus seiner Verehrung für das historische Werk des Tacitus, das die Zeit der Flavier im ersten Jahrhundert n. Chr. zum Gegenstand hat und mit dem er nicht konkurrieren zu können glaubte.
Ob seiner Sprachgewalt avançierte The History of the Decline and Fall of the Roman Empire rasch zu einem Klassiker der englischen Literatur. Doch Gibbon erntete auch harsche inhaltliche Kritik, besonders aufgrund der berühmt gewordenen Kapitel XV und XVI des ersten Teils, in denen er die Geschichte des Christentums und der Christenverfolgung darlegte. Seine theologisch unangreifbare und persönlich strikt neutral gehaltene Schlussfolgerung, die Ausbreitung der christlichen Religion sei mitverantwortlich für den Verfall und Untergang des Reiches sowie seine Süffisanz hinsichtlich deren Inkonsequenzen, Habgier und Absolutheitsanspruch sorgten für Furor, sind von gewollten Überzeichnungen abgesehen jedoch auch heute noch zutreffend.
Gibbon war nicht nur der erste Historiker, der eine Gesamtdarstellung der römischen Geschichte über 14 Jahrhunderte wagte, sondern der dieses Unterfangen auch durch seine Synthese der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mit geschichtsphilosophischen Betrachtungen und historischer Faktizität meisterte. Der Lektüre abträglich ist leider der Antisemitismus Gibbons. Seine Quellenauswertung ist bei aller Durchdringung des Materials nicht immer überzeugend, da er sich teils zu sehr auf seine Gewährsmänner verlässt, monumentale Zeugnisse nicht aufnimmt und, um die Darstellung voranzutreiben, auch offen zugibt, nur Vermutungen anzustellen und nicht genau zu zitieren.
Lobenswert und zu Beginn allen Lesern zu empfehlen ist der sechste Band mit der konzisen und erhellenden Einführung in Leben und Werk von Wilfried Nippel. Der Band enthält darüber hinaus u.a. Auszüge aus Gibbons Memoirs sowie Bibliografien zu seinen Werken und Quellen, Angaben und Daten zu den Regierungen römischer Kaiser und ein sorgfältiges Register. Wünschenswert bei dieser verdienstvollen und professionellen Ausgabe bleibt nur noch die Weiterführung einer Übersetzung bis zum Ende des Byzantinischen Reiches. --Osseline Kind -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Gibbons Opus Magnum ist ohne Zweifel das bedeutendste, jemals in englischer Sprache verfasste Geschichtswerk. Und es entbreitete eine ungeheure Breitenwirkung. Im deutschsprachigen Raum fühlten sich Historiker im 19. Jahrhundert berufen, eine eigene Geschichte des römischen Reiches zu verfassen, welche in vielen Punkten andere Wege ging. Mommsens "Römische Geschichte" befasste sich (bis auf seine Nachlässe und den "Provinzen") nur mit der römischen Republik. Und Oswald Sprengler verfasste im 20. Jahrhundert, von Gibbon inspiriert, das Werk "Das Ende des Abendlandes".
Gibbons süffisante, dabei doch klare Sprache und Stil, waren prägend. Das Buch war bereits zu seinen Lebzeiten ein ungeheuer Erfolg, und gerdezu skandalös, gerade was die Kapitel über das Christentum betraf.
Heute ist es ein Stück Literaturgeschichte und noch immer beeindruckend, aber keinesfalls mehr ein Standardwerk. Dies liegt nicht zuletzt an Gibbons extremen Subjektivismus. Seine überzogenen und ungerechtfertigten Äusserungen über Byzanz sind heute haltlos, auch seine "Christentum" Theorie kann heute selbst von Agnostikern nicht vorbehaltslos unterstützt werden. Der Zusammebruch Roms hatte keine EINE, monokausale Ursache. Es waren viele Bedingungen (mangelnde Stärke der Armee, Barbarisierung des Heeres, Überspannung der Ressorcen, Zusammenbruch der Grenzen und innere Aushölung).
Und dennoch: Gibbon sollte und müsste auch heute noch gelesen werden. Denn seine Schlussfolgerung bleibt bis heute gültig: Imperine, egal wie mächtig sie scheinen, zerbrechen irgendwann. So ist es dem mächtigen Perser und Alexanderreich ergangen, so erging es Rom und Byzanz, dem römisch-deutschen Kaiserreich, dem britischen Empire...so wird es ohne Zweifel auch eines Tages den USA ergehen. Doch man kann wertvolle Lehren ziehen: ein Zusammenbruch setzt durchaus auch positive Energien frei. Auf dem Perserreich folgte Alexander, auf ihm Rom, auf Byzanz die Osmanen, auf ihnen teilweise die Briten (und darüber hinaus).
DTV hat nach dem Wagnis "Lexikon des Mittelalters", Mommsens "Römischer Geschichte", Gregorovius "Geschichte der Stadt Rom" und "dem kleinen Pauly" nun weiteren Mut bewiesen. Zwar wurde in der hervorragenden Neuübersetzung nur der erste Teil von Gibbons Mammutwerk übersetzt, doch wurde dieser samt den "Tischgeflüster" (den Fussnoten nach Burys Edition) und mit einer hervorragenden Einleitung versehen. Kurz: kaufen sie es und tun sie ihrem kulturellen Horizont etwas Gutes. Es bleibt zu hoffe, dass Gibbon Bohlen, "Naddel", Becker und all die anderen im Weihnachtsgeschäft ein Schnäppchen schlägt...schließlich leben wird och im Land der "Dichter und Denker"...wenigstens hieß es mal so.
Das erste Jahrhundert stand ganz im Zeichen der julisch-claudischen Dynastie. Augustus hatte das Prinzipat eingeführt und seine Statuten und Gesetze waren das Maß, an dem sich seine Nachfolger orientierten. Gibbon erblickt aber bereits hier die Wurzeln kommenden Übels. Dadurch, dass Augustus in seinem Testament den Rat aussprach, das Reich nicht über die bestehenden Grenzen, den Atlantischen Ozean im Westen, den Rhein und die Donau im Norden, den Euphrat im Osten und die afrikanischen Wüsten im Süden auszudehnen, endete eine mehr als 700 jährige Expansionsphase und führte zu einer konservativen Regierungspolitik. Mit der Eroberung Draziens und weiten Teilen Persiens unter Trajan erreichte das römische Reich seine größte Ausdehnung. Trajan war der einzige römische Kaiser, dem es vergönnt war, den Indischen Ozean zu befahren und damit den Spuren Alexander des Großen nachzueifern. Bereits sein Nachfolger Hadrian vermochte nicht die Zugewinne in Asien zu stabilisieren. Aus dem Angreifer wurde ein Verteidiger!
Das zweite Jahrhundert ist untrennbar mit den Namen der Antoninen verbunden. Antoninus Pius und Marc Aurel werden als die beiden Kaiser beschrieben, deren Charakter vortrefflich und über jeden Zweifel erhaben erscheinen. Doch das sittliche Vorbild Aurels wurde von seinem Sohn und Nachfolger Commodus entehrt. Römische Tugend und philosophische Weisheit zierten nicht länger die kaiserliche Würde. Am ende des zweiten Jahrhunderts blickte die Welt auf den ersten Brudermord eines römischen Herrschers. Caracalla, der Sohn des Septimus Severus, war nicht länger gewillt, das Reich mit seinem Bruder Geta zu teilen. Sicherlich war die Ermordung des Britannicus durch seinen Stiefbruder Nero nicht minder bestialisch. Die Grausamkeit des Nero mag man aber auf sein einfältiges Wesen zurückführen. Caracallas Schritte dagegen erscheinen kaltblütig und wohlüberlegt. Der Frau des Septimus Severus, Julia Domna, die in Syrien geboren wurde, verdankte der östliche Mittelmeerraum seinen zunehmenden Einfluss. Mit Bassianus oder Heliogabal, wie er sich als Oberpriester des Sonnengottes nannte, bestieg der erste Orientale den römischen Thron. Gibbon ergreift gerne die Gelegenheit, die asiatischen Eigenarten anzuprangern: ‚Künste der Üppigkeit ... männlichen Tugenden mit Spott verfolgt ... Verachtung weiblicher Züchtigkeit ... allgemeine Verderbtheit' wirft er den östlichen Reichsbewohnern vor. Dem äußeren Zerfall des Reiches folgte der innere Verfall der Moral!
Das dritte Jahrhundert geht in die Geschichte als das Zeitalter der Soldatenkaiser ein. Die Militärführer erkannten ihre Bedeutung und ihrer Macht. Der Tod eines Kaisers weckte die Begierlichkeit der Legionskommandeure und nicht selten entbrannte unter den Diadochen ein erbitterter Bürgerkrieg. Seit den Zeiten des Claudius war es Brauch, den Soldaten bei Amtsantritt des neune Kaisers ein Geldgeschenk zu geben. Eine besondere Rolle spielte die Stadtlegion, die Prätorianergarde, welche nur all zu oft als Königsmacher - aber auch als Königsmörder - auftraten. Nach der Ermordung des Pertinax erreichte die Moral einen Tiefpunkt. Die Kaiserwürde wurde in der Prätorianerkaserne öffentlich versteigert. Für 6250 Drachmen pro Kopf erkaufte sich Didius Julianus den Kaisertitel. Nach nur 66 Tagen bereuten die Prätorianer ihre Tat und meuchelten ihn. Gibbon urteilt über die Elitetruppe: ‚Die Prätorianer, deren zügellose Wut das erste Zeichen des Untergangs des römischen Reiches bildete ...'
Diokletian beendete gegen Ende des dritten Jahrhunderts die lange Reihe der Soldatenkaiser. An seiner Politik, die von Konstantin fortgesetzt wurde, entzündet sich die Kritik Gibbons: ‚Der Stolz oder vielmehr die Politik Diokletians veranlasste diesen schlauen Fürsten, die zeremoniöse Großartigkeit des persischen Hofes einzuführen. Er wagte es, das Diadem, einen Schmuck, welchen die Römer als das Symbol des Königtums verabscheuten ... Einführung der Herrschaft der Eunuchen über die römische Welt...' Diokletian trifft auch die Anklage, das Reich geteilt und den Staatshaushalt erhöht zu haben, um den Unterhalt für die verschiedenen Höfe in Nikomedia, Mailand und Gallien zu finanzieren. Damit einher ging der Niedergang der Stadt Rom und die Beraubung des ohnehin geringen Einflusses des römischen Senats.
Das vierte Jahrhundert wurde durch die Person des ersten christlichen Kaisers, Konstantin, geprägt. Ihm war nach Augustus die längste Regierungszeit aller römischen Kaiser beschieden. Konstantin vereinte das Reich, aber er führte die Trennung der Zivil- und Militärverwaltung ein. Gibbon folgert: ‚Die von Konstantin eingeführte geteilte Verwaltung bewirkte die Erschlaffung der Kraft des Reiches, während sie den Monarchen sicherte.' Die Verlagerung der Truppen von der Grenze in die Provinzstädte hatte negative Folgen:' Die blühendsten Städte wurden durch die unerträgliche Wucht der Einquartierung gedrückt. Die Soldaten vergaßen allmählich die guten Sitten ihres Standes und sogen nur die Laster des bürgerlichen Lebens ein.' Das Militär klagte auch über fehlenden Nachwuchs an römischen Bürgern:' Die Aufnahme der Barbaren in die römischen Heere wurde jeden Tag allgemeiner, notwendiger und verderblicher.'
Eine ausführliche Beschreibung widmet Gibbon der Ausbreitung des Christentums. Ohne das Christentum direkt anzuklagen, kann man jedoch zwischen den Zeilen lesen, dass Gibbon auch hierin eine Ursache für den Untergang sieht, denn die Christen konnten ‚... nicht bewogen werden, an der Zivilverwaltung oder der militärischen Verteidigung des Reiches einen tätigen Anteil zu nehmen'. Die wortgewandten Bischöfe Asiens und Afrikas schürten innere Unruhen, indem sie über metaphysische Sophismen diskutierten und sowohl den Heiden als auch ihren Glaubenbrüdern entgegentraten. Mit der christlichen Kirche erwuchs eine Gegenkraft in der römischen Gesellschaft, deren Oberhaupt nicht der Kaiser und Pontifex Maximus sondern ein von der Glaubensgemeinschaft gewählter Bischof war.
Einer der Nachfolger Konstantins, Julian, von dem das Eingangszitat stammt, versuchte den Pomp des kaiserlichen Hofes abzuschaffen und den Polytheismus der Väter wieder einzuführen. Doch Geschichte ist nicht umkehrbar. Sein plötzlicher Tod während des Persienfeldzugs führte zu einem schimpflichen Friedensschluss und Verlusten wichtiger Teile Mesopotamiens und ganz Armeniens.
Als die germanischen Völker im fünften Jahrhundert das weströmische Reich überrannten, versetzten sie einem in Auflösung begriffenen Staat den Todesstoß.
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|