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"Wie also hängt ein Leben zusammen?"
Man stelle sich das einmal vor: Thomas Gottschalk kommt von einer Reise nach Hause und findet seine Frau, hingemeuchelt, in ihrem Blut, und natürlich auf dem Eisbärfell. Der Gottschalk des norwegischen Romanciers Jan Kjaerstad heißt Jonas Wergeland -- ein fiktiver Medien-Held, der in seiner Fernsehreihe "Groß denken" mit überraschend neuartigen Portraits berühmter Norweger, über Nansen und Hamsun etwa, die Nation verzaubert. Und da steht er nun also, gerade zurück von der Weltausstellung in Sevilla, vor der Leiche seiner Frau und kann es einfach nicht fassen.
Wo man den Ausgangspunkt kriminalistischer Spurensuche vermuten möchte, kommt die Handlung allerdings zu einem abrupten Stillstand. Plötzlich befindet sich Wergeland in den Stromschnellen des Sambesi: Mit einem Sprung in eine weit zurückliegende Episode im Leben Wergelands nimmt der Roman die Lebensgeschichte seines Helden und das Problem ihrer Erzählbarkeit in den Blick.
Während sich das Problembewusstsein literarischer Tradition um das Individuum und die Gesellschaft sorgte, sich zuständig erklärte für alle Seelenlagen und Klassenkämpfe, scheint es dem letztjährigen Henrik-Steffens-Preisträger Kjaerstad nachgerade anstößig, in der Literatur den großen Zusammenhang herzustellen. Diesen wichtigen poetologischen Grundgedanken hat der 46-jährige Norweger schon in früheren Romanen, etwa Homo Falsus (dt.1996) und Rand (dt.1994), die nur vordergründig dem Kriminal-Genre zuzurechnen sind, zum Gestaltungsprinzip gemacht.
Hier nun, auf der Suche nach der "Grundgeschichte, die mehr erzählt als jede andere, wer man ist", entlarvt Kjaerstad die althergebrachte Überzeugung, was uns in jungen Jahren passiert, müsse auch die Ursache sein für Ereignisse in unserem späteren Leben. Im Gegenteil, so die Pointe: Kindheit und Jugend werden zu Auswirkungen einer Ursache, die erst viele Jahre später liegt. Was unserem ewig in schicksalsdunkler Vergangenheit wühlenden Selbstverständnis eine Zumutung scheint, pfeift auf allzu wohlfeile Chronologien und begeistert in gewagten Sprungfiguren.
Am Ende sitzt ein 10-jähriger Jonas mit seiner Freundin staunend vor einem Kuhfladen und beobachtet einen Mistkäfer bei der Arbeit, und Jonas begreift, dass alles passieren kann von dem Augenblick an, in dem er davon erzählt, und dass er gerade das Leben in einer Nussschale gesehen hat. Man stelle sich das einmal vor. --Oliver Jahn
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Jonas Wergeland kommt von einer Reise zurück und findet seine Frau ermordet vor. Im ersten Schock des Nichtwahrhabenwollens zieht sein Leben an ihm vorüber, mit all den für ihn entscheidenden Ereignissen. Kindheit und Jugend in eine typisch norwegischen Familie, Studium, wilde Abenteuerreisen, erotischen Erfahrungen, die Karriere beim Fernsehen.'Groß denken' heißt nach einem Ibsen-Zitat seine Serie über große Norweger. Dort und für sich stellt er immer wieder die Frage, wie das Leben denn zusammenhänge.
Ein mit raffinierter Spannungstechnik verknüpfter Roman.