Wäre dieses Buch ein Schulaufsatz, hätten viele Lehrer darunter geschrieben: "Thema verfehlt!" Der Titel lockt Leser an, die sich nach der Lektüre Aufklärung darüber versprechen, in welchem Umfang und seit wann die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker für den Verfassungsschutz gearbeitet hat, die sich erst mehr als drei Jahrzehnte nach dem Attentat wegen der Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback sowie seine beiden Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster vom 7. April 1977 vor Gericht verantworten muss. Das Erscheinen des Buches ist verkaufsfördernd dem Beginn dieses Mordprozesses in Stuttgart-Stammheim angepasst worden. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn sich der Inhalt mit dem Titelthema beschäftigen würde. In Wirklichkeit geht es aber nicht um "Verena Becker und den Verfassungsschutz", sondern um die Arbeit des Westberliner Landesamtes für Verfassungsschutz zur jener Zeit, als Deutschland noch zweigeteilt und die heutige Hauptstadt unter Hoheit und Kontrolle der Siegermächte stand. Westberliner Terroristen sollten infiltriert werden, Kraushaar führt Schlussfolgerungen, Gedanken und Spekulationen an, dass das wohl gelungen sein könnte. Auch Verena Becker entstammt der Westberliner Terrorszene, das ist einer der wenigen Punkte, wo der Buchtitel gerechtfertigt erscheinen könnte. Der Autor sitzt an der Quelle als Mitarbeiter des Hamburger Institut für Sozialforschung und seinem Archiv über den deutschen Linksterrorismus. Mit heißer Nadel hat er rasch viele dort gefundene Dokumente zusammengestrickt, die in etwa mit Verena Becker zu tun haben könnten. Hauptsächlich stellt er aber die Ermordung des Westberliner Terroristen und Verfassungsschutzagenten Ulrich Schmücker dar. Um den Text in Zusammenhang mit dem Buchtitel zu bringen, spekuliert Kraushaar, dass es bei Verena Becker so ähnlich zugegangen sein könnte, ohne dafür einen Beleg liefern zu können. Als Wissenschaftler versucht er sich berechtigter Kritik erst in den letzten Sätzen seines Textes prophylaktisch zu entziehen. indem er zur Enttäuschung seiner Leser schreibt: "Der Autor dieser Untersuchung hat keinen Beleg für eine Informantentätigkeit Verena Beckers für den Verfassungsschutz vor 1977". Genau diese Frage zu klären verspricht der Buchtitel aber. Im Haupttext hat Kraushaar neben dem Schmücker-Fall nur die bereits vom Sohn des ermordeten Staatsanklägers, Michael Buback, in einem Buch beschriebenen Verdachtsmomente gegen Becker und Zeitungstexte mehrerer Journalisten zusammengefügt. Kennzeichnend für die schlichte Recherche des Autors ist die Beschreibung des Attentats selbst, die von Fehlern strotzt wie keine andere Publikation dazu. Die Täter hätten ein "Maschinengewehr" (damit hätte man niemals von einem fahrenden Motorrad aus schießen können, später im Text schreibt er "MP") benutzt, durch das "rechte Seitenfenster" geschossen, das Dienstfahrzeug Bubacks habe ein "Automatikgetriebe" (statt eines Schaltgetriebes) gehabt, Wurster (und nicht der Fahrer Göbel) sei es zwar noch gelungen, "das Fahrzeug zu verlassen, er bricht jedoch auf der Kreuzung zusammen und erliegt sechs Tage später seinen Verletzungen). Dass Kraushaar den dreifachen Mord auch noch im Jargon der Terroristen als "Hinrichtung" (staatlich gerechtfertigte Tötung eines Menschen nach einem Gerichtsurteil) bezeichnet, muss die Hinterbliebenen der Mordopfer wieder einmal schmerzen.