Vor dieser Aufnahme sei ausdrücklich gewarnt:
Das Orchester spielt zwar berückend schön, aber das ist auch der einzige Pluspunkt der Aufnahme: Der todkranke Dirigent badet in den Klängen des Orchesters und scheint jedes Gefühl für die Dramatik verloren zu haben. So wird Verdis große Tragödie quälend zäh.
Dazu können von den Sängern nur zwei wirklich überzeugend: Zum einen Placido Domingo, der den König Gustav routiniert und ohne Verschleißerscheinungen darbietet. Trotzdem klang er 20 Jahre vorher unter Muti und zehn Jahre früher unter Abbado - mit in jeder Beziehung besseren Mitstreitern und dramatischeren Tempi - noch jugendlicher und glaubhafter als Objekt der Begierde der Amelia.
Sumi Jo ist als Oscar ebenfalls ausgezeichnet, aber das sind Konkurrenten in anderen Aufnahmen (Donath, Grist, Gruberova) auch und ist kein Kaufargument.
Völlig überfordert klingen die beiden anderen Hauptdarsteller: Josefine Barstow singt mit dünner, schriller Stimme und einem geradezu schmerzhaft starken Vibrato - eine alte Frau, für deren Leidenschaften man sich in keiner Phase interessiert. Da war sogar die Tebaldi in ihrer letzten Aufnahme besser. Kein Vergleich etwa mit der Callas, Margaret oder Leontine Price oder auch nur der etwas zu edlen, aber schön singenden Martina Arroyo unter Muti.
Leo Nuccis Stimme klingt rau und brüchig - ebenfalls nur die Ruine einer Interpretation.
Anständige Nebendarsteller - Florence Quivar klingt allerdings eher wie eine gute Tante als wie eine Seherin - retten da nichts mehr. Also: Wer Domingo in dieser Rolle hören will (und das lohnt sich, besser war nur Bergonzi), sollte zu Abbado oder noch besser zu Muti greifen.
Diese Aufnahme gehört in die Mottenkiste - auch um den Ruf des Dirigenten nicht zu schädigen.