Zunächst ein paar Worte zur Oper: Komponiert wurde sie 1850, direkt vor dem Rigoletto und damit zum Ende jener Phase der Fließbandproduktion, die Verdi selbst als seine "Galeerenjahre" bezeichnete.
Die Handlung ist sehr ungewöhnlich für eine italienische Oper, sozusagen der Anti-Otello: Hier ist die Ehefrau des Helden (eines evangelischen Pastors!) ausnahmsweise einmal wirklich untreu, wird dafür aber nicht von ihrem Ehemann hingemeuchelt. Statt dessen bietet er ihr erst die Scheidung an, und versöhnt sich dann mit ihr. Wenigstens darf dann der Schwiegervater in Opernkonventionen schwelgen und den Verführer der Tochter umbringen - aber nur hinter der Bühne, sozusagen en passant.
Musikalisch entfernt sich Verdi weiter von der italienischen Opern-Konvention als je zuvor: Keine Aneinanderreihung von konventionellen Arien mehr, sondern viele Ensembles, aus denen sich dann kurze Soli entwickeln. Nur der Stankar - der erwähnte Vater der Ehefrau - bleibt auch musikalisch beim alten Schema, während die Ehefrau sich parallel zur Entwicklung der Figur hiervon wegentwickelt - von der klassischen zweiteiligen Arie hin zum formal freien Ensemble. Das alles ist höchst spannend und mitreißend - und würde ich unheimlich gerne mal auf der Bühne sehen.
Die Aufnahme verbreitet sehr herben Charme: José Carreras singt die Titelrolle mit enormer Energie, in der mittleren und tiefen Lage auch mit der hinreißend schönen Stimme, die ihn zu einem der "drei Tenöre" gemacht hat. Daneben hört man dann allerdings schon einige recht enge und heisere Spitzentöne - erste Zeichen des Raubbaus, den der Tenor durch zu dramatische Rollen und zu offene Stimmführung mit seiner Stimme getrieben hatte. Trotzdem ist dies eine seiner besten Rollen und Aufnahmen - rein stimmlich war er etwa in Gardellis Aufnahmen von Il Corsaro oder Il Giorno di Regno noch besser in Form.
Sylvia Sass als Lina zeichnet sich durch ausgezeichnete (Koloratur-)Technik und ein kühles, klares Timbre aus, was zur Rolle ausgezeichnet passt. Einzige Kritik sind einige stark von unten angeschliffene Spitzentöne.
Matteo Manuguerra als Stankar imponiert mit seiner kernigen, metallischen Stimme. Auch wenn man sich einige Passagen sensibler gesungen vorstellen könnte - seine temperamentvolle Interpretation passt zum Charakter perfekt.
Die Nebenrollen sind ausgezeichnet besetzt. Ein Sonderlob gilt dem Tenor Ezio di Cesare in der kleinen Rolle des Verführers, von dem man gern mehr hören würde.
Lamberto Gardelli leitet wie immer das Ensemble stilsicher, wenn auch etwas konventionell. Und so ist dies eine Aufnahme, die in keiner Verdi-Sammlung fehlen sollte!