Künstlerisch ist diese Opernaufnahme aus dem Jahr 1957 immer noch erste Wahl, obwohl es inzwischen sehr verdienstvolle neuere Einspielungen gibt. Ich denke besonders an Abbado (DGG) oder Solti (Decca), deren Produktionen nicht nur deutlich besser klingen, sondern auch künstlerisch in weiten Teilen zu überzeugen vermögen. Und trotzdem: Gabriele Santini verfügt über einen Titelhelden, wie ihn in dieser Vollendung die anderen Aufnahmen nicht bieten können. Tito Gobbi, auch stimmlich voll auf der Höhe, zeichnet ein Rollenporträt von einzigartiger Kultur und Eindringlichkeit. Als Amelia steht ihm die unvergleichliche Victoria de los Angeles zur Seite, die ihren Part rührend und ergreifend zugleich gestaltet. Von den übrigen Sängern verdient Giuseppa Campora hervorgehoben zu werden. Er bleibt der Partie des Gabriele Adorno nichts schuldig, wenngleich seine Stimme nicht besonders kräftig ist. Warum die EMI im September 1957 diese Aufnahme noch in Mono produziert hat, ist mir ein Rätsel. Stand die Stereotechnik zu dem Zeitpunkt in Italien noch nicht zur Verfügung? Karajans Londoner FALSTAFF aus 1956 beispielsweise konnte schon von der neuen Technik profitieren.
Ansonsten ist Santinis Aufnahme sehr zu empfehlen; der Dirigent läßt zwar manchmal ein wenig Feinarbeit vermissen, macht seine Sache aber recht gut. Chor und Orchester der Mailänder Scala sind in Ordnung, aber es sind die sängerischen Leistungen, die letztlich zum Kauf der Aufnahme animieren.