Leonard Bernsteins Einspielungen von Werken Verdis kann man an einer Hand abzählen. Eine der wenigen Aufnahmen entstammt den 70er Jahren, in denen der Dirigent eng mit dem London Symphony Orchestra zusammen arbeitete.
Die vorliegende Einspielung versammelt neben dem Orchester und dem zugehörigen London Symphony Chorus vier namhafte Solisten der Zeit, und zwar Martina Arroyo, Josephine Veasey, Placido Domingo und Ruggiero Raimondi.
Und doch: Trotz der versammelten Spitzenkräften kam eine Aufnahme heraus, die - wenngleich an vielen Stellen schön - in ihrer Gesamtheit nicht in allen Punkten überzeugen kann.
So sind die großen Chöre zwar durchaus von stimmlicher und orchestraler Wucht und zusätzlich so gut ausgesteuert, dass man das Geflecht der einzelnen Stimmgruppen gut verfolgen kann (auch im doppelchöigen "Sanctus"), dafür bringen nicht alle Solisten das Maß an technischer und gestalterischer Leistung, das man gewöhnt ist.
Sicher, der junge Domingo singt bisweilen mit Kopfstimme ein herrlich knabenhaftes Piano ("Hostias"), dafür wirkt er an anderer Stelle immer wieder angestrengt und ergeht sich in etwas abstruser Tongebung ("Lux aeterna"). Schlicht uninspiriert gibt sich die sonst grundsolide Verdi-Sängerin Martina Arroyo, deren recht harte und kaum gestaltete, die dynamischen Möglichkeiten der Partie bisweilen völlig ignorierende Darstellung wenig Hörgenuss bietet. Glänzend präsentiert sich Mezzo Josephine Veasey, deren stimmliche Kraft und interpretativen Willen man ebenso positiv hervorheben muss wie die Leistung Raimondis, die ebenfalls überzeugt.
Und Bernsteins Anlage?
Nun, der gesamten Interpretation liegt eine geradezu getriebene, düstere Grundstimmung unter, die wenig Raum zur Ausformung der langen Belcantopassagen bietet, was bisweilen schlicht schade ist. Stattdessen geht es bei Bernstein immer mit Druck vorwärts, irgendwo lauert immer der nächste "Dies irae"-Ausbruch, der deutlich macht, dass die schönen Melodien nicht von Dauer sind und sich der Mensch/der Hörer sich in einem unaufhaltsamen Studel zum Jüngsten Gericht befindet.
Und so ist auch der an sich eher versöhnlich-kontemplative Schluss mit dem in der Regel lang, hier jedoch nur verhältnismäßig kurz ausgehaltenen "Libera me" hier nur wenig tröstlich.