Das ist ein Othello, wie ich ihn mir vorstelle. Es gibt ein ordentliches Bühnenbild, die Kostüme gefallen mir ausgezeichnet und musikalisch ist nichts zu bemängeln.
Placido Domingo ist für mich der Othello. Er kann dessen Gefühle mehr als glaubhaft darstellen. Zuerst die übersteigerte Liebe zu Desdemona, dann der durch Jagos Einflüsterungen erfolgte Umschwung in überschäumenden Zorn, in Rachsucht, Hass, Verzweiflung und Reue. Er spielt ihn nicht heroisch, nein, er zeigt, dass Othello ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der selbst unter seinem Verdacht leidet, dem es das Herz zerreißt. Und der sich doch immer wieder, ohne wirklich darüber nachzudenken, ob sein Verdacht wirklich begründet ist, von Jago in die Eifersucht und das Mißtrauen treiben läßt, bis er selbst daran zugrunde geht.
Domingo meistert stimmlich die Partie hervorragend und immer wieder ergreifend ist seine Sterbeszene, als er mit letzter Kraft versucht, sich zu Desdemona zu ziehen und sie noch einmal zu küssen, als er nur noch ihre vom Bett herabhängende Hand erreicht und dann stirbt. Für mich ist Domingo Othello. Fantastisch.
Renee Fleming ist eine berührende Desdemona. In dieser Rolle wird ein Dramatischer Sopran gefordert und dem wird sie gerecht. Sie ist für diese Rolle ein Traumbesetzung. Ein lyrischer Sopran wäre mit dieser Rolle überfordert.
Frau Fleming spielt auch sehr gut und geht in jeder Rolle auf, so auch hier. So berührend schlicht, wie sie das Lied von der Weide singt und später so kind-gläubig das Ave Maria, hört man das sehr selten. Und ihre Sterbeszene habe ich noch nie so dramatisch gespielt erlebt, wie hier. Es gibt einen regelrechten Zweikampf zwischen ihr und Othello, in dem sie letztendlich unterliegt. Die Donnerschläge im Orchester zeigen ihren Tod an.
Dem hervorragenden Domingo steht in James Morris als Jago ein gleichwertiger Darsteller gegenüber. Man könnte sich darüber streiten, ob seine Stimme für diese Partie zu tief ist. Dann dürfte aber kein Bassbariton die Partie des Athanael in Thais singen, die liegt nämlich genauso hoch wie die des Jago. Morris bewältigt die Rolle ohne irgendwelche Drücker, es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie ihm zu hoch ist. Mir hat im Gegenteil gefallen, dass diese rabenschwarze Figur von einer tieferen Stimme gesungen wird. Das untermauert das Böse. Ich hatte immer das Gefühl, ihm fehlen nur noch die Hörner, dann steht Mephisto auf der Bühne. Morris ist ein hervorragender Schauspieler. Es ist beeindruckend, mit welcher Ironie er Othello beobachtet, ihn lenkt, in seine Intrige einspinnt und ganz bewusst in den Untergang treibt. Für mich ist der Höhepunkt seiner Darstellung am Ende des 3. Aktes, als er neben dem ohnmächtigen Othello steht und voller Verachtung sein "Ecce Leone!" mit ungeheurer Wucht singt. Er gestaltet diesen Charakter mit Intelligenz und stellt mal nicht einfach nur den primitiven Soldaten dar, der sich irgenwie zum Fähnrich hochgeschmeichelt hat und nun vor Rachsucht förmlich platzt, als er nicht Capitano wird. Man sieht ihm an, wie er aus der jeweiligen Situation seine Schlüsse zieht und diese in seine Intrige mit einflicht. Morris ist großgewachsen und gibt seinem Jago auch dadurch eine bedrohliche Ausstrahlung. Das erkennt man sehr gut in seiner Szene mit seiner Frau, als er ihr das Taschentuch entreißt, seine Drohung wirkt sehr glaubhaft. Ebenso, wie seine Feigheit, die sehr gut zu sehen ist, als im 2. Akt Othello ihn körperlich angreift und fast umbringt. So, wie Morris den Jago singt und spielt, sieht man das selten.
Auch die anderen Rollen sind top besetzt. Das Orchester spielt Verdis Musik unter der Leitung von Levin mit unheimlicher Spannung und Dramatik. Ganz hervorragend ist der Chor,der an der MET ja auch immer schauspielerisch gefordert wird.
Ich kann diese DVD nur wämstens weiter empfehlen.