So sehr ich Sir Georg Soltis Aufnahmen von Verdis Opern RIGOLETTO (RCA), DON CARLOS (Decca) und EIN MASKENBALL (Decca, 1961) schätze, so wenig kann ich mich für seine vielgerühmte und hochgelobte AIDA, die er 1962 in Rom aufgezeichnet hat, begeistern. Ganz eindeutig gebe ich, um nur Stereo-Aufnahmen zum Vergleich heranzuziehen, Karajan (Decca, 1959), Leinsdorf (RCA, 1970), wieder Karajan (EMI, 1979) und Abbado (DGG, 1982), den Vorzug.
Das hat nicht nur mit dem Dirigenten zu tun. Ich kann mich schon mit der Besetzung der Hauptpartien bei Solti nur wenig anfreunden. Natürlich singt Leontyne Price, die große amerikanische Sopranistin, eine großartige Aida, mir scheint jedoch ihre Leistung in der oben erwähnten Leinsdorf-Aufnahme noch besser und ausgereifter zu sein. Den Kanadier Jon Vickers schätze ich sehr als Florestan, als Othello und auch in den meisten Wagner-Partien, aber als Radames kann er mich in keiner Weise überzeugen. Den direkten Vergleich mit Carlo Bergonzi oder Plácido Domingo hält er nicht aus, weil sein Timbre für diese Rolle nicht geeignet ist, und die Amneris der Rita Gorr kann m.E. neben Giulietta Simionato, Grace Bumbry, Fiorenza Cossotto oder auch Agnes Baltsa ebensowenig bestehen. Robert Merrill singt hier seinen einzigen Amonasro im Studio, und er bietet durchaus eine runde Leistung, aber erstens stimmt das gesangliche Ambiente nicht, und außerdem kann er die Partie nicht in so einzigartiger Weise ausformen wie seine berühmten Vorgänger Tito Gobbi oder Leonard Warren. Da hilft es dann auch nicht viel, daß die Rollen des Ramphis und des Königs mit Giorgio Tozzi und Plinio Clabassi erstklassig besetzt sind und der Chor des Opernhauses Rom ausgezeichnet singt.
Nun zu Solti: Natürlich ist er ein hervorragender Operndirigent, daran gibt es gar keinen Zweifel, und er heizt das Orchester der Römischen Oper auch tüchtig an, ohne bei aller Brillanz aber kaschieren zu können, daß es sich nur um einen mittelmäßigen Klangkörper handelt. "Soltis kaltes Feuer blendet, wärmt aber nur wenig", bemerkt der gestrenge Wiener Kritiker Karl Löbl sehr treffend zu dieser Einspielung.
Alles in allem: Eine gute Produktion, die aber wegen ihrer sängerischen Unausgewogenheit nur in Teilen zu überzeugen vermag und auch keine Sternstunde Sir Georg Soltis darstellt. Besonders bemerkenswert ist, daß dieser unbeugsame Präzisionsfanatiker sogar einige Unsauberkeiten im Orchestralen schlicht überhört hat.
Die DECCA hat eine knappe Textbeilage erstellen lassen. Das Libretto fehlt aber gänzlich, was wohl mit dem niedrigen Preis zu erklären ist.