Im Jahr 2001 landete die in den USA lebende Engländerin Mo Hayder mit ihrem Erstling "Birdman" (2002 auf Deutsch als "Der Vogelmann" erschienen) einen fulminanten Einstieg in die Literaturszene. Ein internationaler Verkaufsschlager und Bestenlistenstürmer. Protagonist dieses Romans ist der Kriminalpolizist Jack Caffery, Anfang Dreißig, sehr talentiert, aber meist wenig teamorientiert. Ein Eigenbrötler mit privaten Problemen, die vor allem auf einem traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit beruhen.
2002 erschien mit "The Treatment" (Die Behandlung) ein weiterer Jack Caffery-Roman aus der Feder Mo Hayders. Danach schrieb sie zwei Romane ohne Caffery, nämlich "Tokio" und "Pig Island" (Die Sekte), bevor 2008 Jack Caffery in "Ritual" wieder zum Einsatz kam, erstmals mit der Spezialistin für Taucheinsätze Phoebe "Flea" Marley an seiner Seite. "Ritual" wurde mehr oder minder nahtlos in "Skin" (Haut) fortgesetzt.
Nun also "Gone", mit "Verderbnis" etwas seltsam ins Deutsche übersetzt. Auch hierbei handelt es sich um eine Fortsetzung der Jack Caffery-Reihe bei der mit Bezügen zum Vorgänger (also "Haut") nicht gespart wird. Das ohnehin immer etwas unklare Verhältnis zwischen Jack und Flea ist aufgrund der Vorkomnisse in "Haut" angespannt und mehr oder minder zum kompletten Nichtverhältnis geworden. Ich hoffe, ich nehme nicht zu viel vorweg, wenn ich verrate, dass Jack und Flea im ganzen Roman vielleicht zehn Sätze wechseln.
Auch der aus "Haut" bekannte Walking Man, ein auf permanenter Wanderschaft befindlicher entlassener Ex-Straftäter, den Jack als eine Art Orakel ansieht und den er gerne aufsucht, um seine Gedanken und Emotionen zu sortieren ist wieder mit von der Partie.
Zur Handlung: Mo Hayders Krimis hatten sich im Grunde allesamt bisher durch die große Skurrilität des Themas ausgezeichnet. Da spielten rituelle Praktiken kanibalischer Volksstämme eine Rolle, schwere körperliche und natürlich schwere psychische Deformationen. "Verderbnis" ist da klassischer. Es geht um Kindesentführung und die große Angst vor sexueller und anderer physischer und psychischer Misshandlung. Ein Mann kapert das Auto einer Mutter, das diese nur kurz verlassen hat und in dem noch ihr Kind sitzt und fährt damit davon. Das Auto taucht relativ bald wieder auf, das Kind bleibt verschwunden. Kaum sind die Ermittlungen angelaufen wiederholt sich die Tat. DI Caffery ermittelt fieberhaft und engagiert, doch die Ergebnisse sind zunächst niederschmetternd. Nichts passt zusammen, der Täter ist der Polizei immer einen Schritt voraus und antizipiert deren nächste Züge gut (ist er gar über sie informiert?), legt falsche Fährten, spielt mit der Angst der Familien und lässt die Polizei reichlich alt aussehen.
Flea Marley geht es nicht gut. Die Vorkomnisse in "Haut" haben ihr psychisch schwer zugesetzt. Sie führt ihre Einheit nicht mehr richtig, wirkt abwesend und gleichgültig. Die Unterwassersucheinheit reiht Fehler an Fehler. Erst die Suche nach der kleinen Martha, dem ersten entführten Kind, weckt ihren Kampfgeist wieder. Doch wie so oft, steht Flea sich selbst im Weg, da sie einfach dickschädelig und ohne Rücksprache mit ihrer Einheit und der übrigen Polizei ihr eigenes Ding macht. Aber gerade sie ist es, die der Wahrheit vergleichsweise schnell einigermaßen nahe kommt. Doch dann steckt sie fest....
"Verderbnis" ist in der Exposition gut gelungen. Die Grundkonstellation wird spannend und glaubwürdig erzählt. Mo Hayder wechselt auf sinnvolle Weise häufig die Perspektive und beleuchtet das Innenleben vieler Personen, so dass man nach und nach ein besonders intensives Bild der psychischen Situation von Jack, Flea, teilweise einiger Kollegen von Jack und Flea und den Familien der Opfer bekommt.
Schwieriger wird es dann, wenn es darum geht, die Handlung voranzutreiben und schließlich auf die Lösung zuzusteuern. Je weiter man vorankommt, um so schlampiger ist der Plot erzählt. Man beginnt sich zu fragen, warum die Polizei bestimmte offenkundig interessante Fragen nicht stellt und relativ engstirnig vorgeht und denkt. Dies ist an und für sich noch kein Kritikpunkt, schließlich ist es menschlich, sich in die eigene Sichtweise zu versteifen und so etwas komplexes wie eine KriPo-Ermittlung ist sicherlich manchmal davon geprägt, dass die Polizisten eine Zeit lang auf dem Holzweg gehen. Dennoch übertreibt Mo Hayder hier für meinen Geschmack. Die schlussendliche Auflösung setzt nur auf Spannung und bietet zu wenig Erklärungen. Häufig fragt man sich, warum die Ermittler jetzt etwas plötzlich wissen, was sie ein paar Seiten zuvor noch nicht wussten. Man liest weiter und gewinnt den Eindruck, dass der Lektor oder andere Korrekturlesende diese Fragen auch gestellt haben, die Autorin keine Lust hatte, den Plot umzubauen und deswegen schnell ein paar erklärende Sätze eingefügt hat. Wer einmal auf diesem Verkaufszahlenniveau angekommen ist, der sollte selbst so klug ein im Grunde derart vielversprechendes Buch erst dann zu veröffentlichen, wenn es stimmiger ist. So wie es hier publiziert wurde, wirkt es etwa ab der Mitte zunehmend unfertig. Natürlich läuft irgendwann die Marketing-Maschine an und dann muss das Buch auch bald auf den Markt, aber hier wurde Potenzial verschenkt.
Auch die Motivation des Täters für sein Handeln muss man sich aus kleinen Nebensätzen und Anspielungen zusammensuchen und zum Schluss bleibt sie eigentlich weitestgehend unklar, denn, so viel erlaube ich mir vorwegzunehmen, Sadismus, Pädophilie u.ä. erklären das Vorgehen des Täters nicht (vollständig).
Ein weiteres Problem ist, dass zu viele Themen angerissen werden. Manche haben nichts direkt mit dem Fall zu tun und dienen mehr als Pausenfüller, was prinzipiell in Ordnung wäre, wenn es nicht oft genug so unmotiviert und aus der Luft gegriffen wirken würde oder wenn es wenigstens Entwicklungen der Nebenthemen gäbe. Aber es passiert eigentlich nicht viel und wahrscheinlich werden sie in der Fortsetzung wieder als Pausenfüller eingesetzt.
Schlussendlich möchte ich kritisieren, dass der Roman seine Längen hat. Hundert Seiten weniger hätten es auch getan.
Insgesamt möchte ich das Buch mit dem Attribut "durchwachsen" versehen. Es ist gut lesbar geschrieben und übersetzt, man kann es flüssig lesen, es ist spannend, es ist anfangs auch ordentlich konstruiert, aber es hat auch so viele kleinere und größere Schwächen, dass das Lesevergnügen gegen Ende doch abnimmt. Phasenweise habe ich mich regelrecht geärgert, mit was für fadenscheinigen Erklärungen ich abgespeist wurde.
Ob zwei oder drei Sterne entscheidet dann letztlich die Frage danach, ob ich das Buch nicht mochte oder okay fand. Ich habe mich für okay entschieden, weil es ein solider Krimi ist, aber es ist nicht der große Wurf, wie es "Der Vogelmann" in Ansätzen war. Obwohl vielfach kritisiert fand ich auch "Die Sekte" ziemlich gut und deutlich besser als die letzten drei Caffery-Romane. Insgesamt schreibt Mo Hayder sehr gute Krimis, aber jetzt auch nicht die großen Knüller, die ihre guten Verkaufszahlen rechtfertigen würden. Wenn Sie "Verderbnis" nicht kennen haben aus meiner Sicht nichts verpasst. Gibt es Krimis, bei denen man etwas verpasst, wenn man sie nicht kennt?
Ja, die Stieg Larsson-Trilogie ist aus meiner Sicht brillant und nicht nur für Krimifans etwas, sondern es handelt sich um exzellente und leider viel zu realitätsnahe Politthriller. Weniger von globalem literarischen Wert, aber dafür als Krimis sehr gut sind meines Erachtens z.B. die Jo Nesboe-Krimis aus der Harry-Hole-Reihe, einige Katzenbach-Krimis (allen voran "Der Therapeut"), die meisten der Fitzek-Bücher und ganz besonders die Krimis von Hakan Nesser.
"Verderbnis" kann ich durchaus empfehlen, natürlich, wenn sie eingefleischter Mo-Hayder-Fan sind, aber auch wenn sie die oben genannten alle kennen und einfach einen ordentlichen neuen Krimi suchen. Da ich die letzten 3 Bücher der Caffery-Reihe nicht für so gelungen halte fällt es mir schwer, dazu zu raten, "Ritualmord", "Haut" und "Verderbnis" alle in Reihenfolge zu lesen. Aber ich muss gestehen, man versteht vieles besser, wenn man "Verderbnis" tatsächlich nach den anderen beiden liest. Wenn Sie "Verderbnis" aufmerksam lesen und dann "Haut" lesen werden Sie merken, dass Sie zumindest über einige sehr spannende Fragen der Nebenhandlung besser Bescheid wissen als Ihnen lieb ist.
Fazit: ordentlicher Krimi, gut lesbar, aber kein Meisterwerk. Kann man lesen, wenn man es nicht tut hat man nichts großartiges verpasst.