An Jean-Luc Godards Film "Le Mépris" ("Die Verachtung", 1963) dürfte in den vergangenen Jahrzehnten wohl kaum ein Programmkino vorbeigekommen sein. Weniger als eine Million US-Dollar hat es den erst 33-jährigen Meister gekostet, aus dem Roman Alberto Moravias ein namhaftes Kunstwerk zu schaffen und den großen Stars Michel Piccoli und Brigitte Bardot Denkmäler zu setzen.
Filmlegende Fritz Lang - er spielt sich selbst, mit Godard als Assistenten - dreht im Auftrag von Jeremy Prokosch (herrlich eklig: Jack Palance, 42) einen Film über Odysseus. Paul (Michel Piccoli, 38) soll das Drehbuch schreiben. Doch Prokosch beansprucht, mit seinem großzügigen Scheck auch Camille (Brigitte Bardot, 27), Pauls aufregende Frau, mitgekauft zu haben. Camille erwartet von Paul ein Bekenntnis zu ihr, doch er taktiert. Zudem bemerkt sie, wie Paul in einer Begegnung mit Francesca (Giorgia Moll, 25), der mysteriös-faszinierenden Assistentin seines Produzenten, einer intimen Berührung nicht widerstehen kann. Im Mittelpunkt des Films erleben wir die große Auseinandersetzung der Liebenden - mal blond, mal schwarz. Doch bald, während der Dreharbeiten auf Capri, enttäuscht Paul seine Frau ein zweites Mal in einer ähnlichen Situation: Aus der großen Liebe wird Verachtung.
Mehrschichtigkeit ist Programm. Besondere Raffinesse erhält der Film durch die Parallelen zwischen der Drehbuch-Diskussion und der Realität der Dreiecksgeschichte: War Penelope ihrem Odysseus untreu? Ist Odysseus nur deswegen der Heimat fern geblieben, weil ihn keine Liebe erwartete? Das Spiel mit den großen Wirkungen kleinster Entscheidungen fasziniert noch heute. Aber auch die Entscheidung zwischen der Liebe und Geld spielt in zwei Ebenen hinein: Nicht nur Paul fällt es schwer, sich gegen das Geld zu seiner Liebe zu bekennen, sondern auch dem Filmschaffenden, wenn Hollywood hineinregiert. Godard konnte ein Lied davon singen, saß ihm die Produktion doch ständig auf dem Pelz, um mit möglichst viel Haut von Brigitte Bardot das voyeuristische Publikum anzulocken.
Denn Godard nutzte den Hintergrund der Filmproduktion auch zu einigen Seitenhieben auf die amerikanische Film-Industrie, was aber dezent geschieht, ohne zum Selbstzweck auszuufern. Gekonnt sorgt die Szenerie des Sets von Beginn an für eine Verfremdung, führt die Technik des Film im Film, des Buchs im Buch für ständige Standortwechsel des Betrachters zwischen subjektivem Erleben und Reflexion.
Gedreht wurde der berühmte Film in Rom und auf der Insel Capri, wo die traumhafte Avantgarde-Architektur der Villa des Schriftstellers Curzio Malaparte liebevoll abfotografiert wird. Godard war der Wegbereiter der modernen Kameraführung. Es muss nicht wundern, dass die Bilder durch besonderen Präsenz und Realität beeindrucken. Man ist schon fasziniert dadurch, dass man zwar durchgehend ein Gefühl der Unwirklichkeit empfindet, dennoch aber stets verlockt ist, das Geschehen als echt, gegenwärtig und hier zu erleben, so, als wäre man in einem Wachtraum gefangen.
Die legendäre Verbalerotik zwischen den Liebenden - das Titelzitat der Bardot: "Qu'est-ce que tu préfères? Mes seins ou la pointe de mes seins?" ging in der deutschen Synchronisation "leider verloren" - findet man unmittelbar zu Beginn des Films. Ich meine übrigens, mich an eine ähnliche Szene zu erinnern, in welchem dieser Quiz plagiiert wird - oder umgekehrt. Wenn mir jemand in dieser Frage weiterhelfen kann, wäre ich für einen Hinweis dankbar.
film-jury 4* A0403 5.12.2010eg 6A Genre: Drama