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Venushaar: Roman [Gebundene Ausgabe]

Michail Schischkin , Andreas Tretner
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
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Kurzbeschreibung

8. März 2011
Warum haben Sie Asyl beantragt? Diese Frage muss der namenlose Erzähler mehrfach täglich ins Russische übersetzen. Er arbeitet als Dolmetscher für die Schweizer Einwanderungsbehörde bei Vernehmungen von Flüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion. Doch beim Übersetzen des fremden Leids legt sich seine eigene Lebensgeschichte wie eine zweite Schicht um die Worte. Auch er ist ein Emigrant, der sich nach denen sehnt, die er nicht mehr um sich hat: nach seiner Frau und seinem Kind. Und plötzlich treten dem Dolmetscher neben seinen eigenen Erinnerungen und Gefühlen auch Geschichten aus anderen Welten und Zeiten entgegen. Auf faszinierende Weise erzählt Schischkin ein Jahrhundert russischer Geschichte und bettet außerdem das Leben des Dolmetschers durch Verweise in einen Kosmos der gesamten Weltkultur ein. „Venushaar” ist eine vielstimmige Parabel auf das verlorene Paradies – kunstvoll komponiert, stilistisch virtuos.


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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt; Auflage: 2 (8. März 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3421044414
  • ISBN-13: 978-3421044419
  • Originaltitel: Venerin volos
  • Größe und/oder Gewicht: 22 x 14,4 x 4,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 16.124 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

«Venushaar» ist einer der wichtigsten Romane der russischen Gegenwartsliteratur. Literarisches Stilempfinden, psychologischer Scharfblick und kompositorisches Gefühl bilden gemeinsam die Grundlage für einen meisterhaften Text, der das Romangenre neu definiert. Michail Schischkin verfügt über ein feines Gehör für die Selbsttäuschungen seiner Protagonisten (inklusive der Erzählerfigur) und verbindet ihre Geschichten zu einer raffinierten Konstruktion, bei der auch ein Vladimir Nabokov vor Neid erblassen könnte. (Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher Zeitung)

»Michail Schischkin ist ein mächtig ausgreifender Erzähler und Wortgläubiger mit Klassikerpotenz, wie man ihn schon lange nicht mehr sah in der russischen Weltliteratur.« (NZZ am Sonntag, 24.04.2011)

"Michail Schischkin erweist sich als einer der originellsten Autoren der russischen Literaturszene - zumal er es verstanden hat, abseits aller Moden eine eigene Schreibweise und eine eigene Literaturkonzepzion zu etablieren." (Neue Zürcher Zeitung)

Über den Autor

Michail Schischkin ist einer der meist gefeierten russischen Autoren der Gegenwart. Er wurde 1961 in Moskau geboren, studierte Linguistik und unterrichtete Deutsch. Seit 1995 lebt er in der Schweiz, Moskau und Berlin. Seine Romane wurden national und international vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er als Einziger alle drei wichtigsten Literaturpreise Russlands. 2011 wurde ihm der Internationale Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen. Für seinen neuesten Roman Briefsteller, der weltweit in über 20 Ländern erscheint, bekam er den hoch dotierten Bolshaja kniga ("Das große Buch") zum zweiten Mal.

Andreas Tretner, geb. 1959 in Gera, Übersetzer u.a. von Boris Akunin und Vladimir Sorokin, ist schon längst die "deutsche Stimme" von Viktor Pelewin. Zu Pelewins letztem Buch schrieb Wladimir Kaminer: "Die deutsche Fassung ist noch besser als das Original - innovativ und durchgeknallt."

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5.0 von 5 Sternen beeindruckendes zeitloses Werk 14. März 2011
Von Christian Döring HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Michail Schischkin hat 1995 der Liebe wegen Russland verlassen. Er lebt heute in der Schweiz und arbeitet als Dolmetscher in der Einwanderungsbehörde. Er ist Zeuge wenn Menschen zu Asylanten gestempelt werden und als Akte in einem schweizer Ordner verscheinden.

Viele Einzelpersonen aus vielen Jahrhunderten zeigt der heutige schweizer Staatsbürger, sind und waren schon immer auf der Wanderschaft. Sie flüchteten vor Krieg oder sozialer Not. Schischkin hält all dies fest und verliert dennoch nicht den Blick fürs Ganze.

Besonders authentisch wird der Autor dort, wo er sich selbst zum Asylanten macht. Was er vorher nur beobachtete, durchläuft er nun selbst. Er muss Rede und Antwort stehen um seinen Stempel zu bekommen.

Mit diesem Buch hat sich Michail Schischkin den deutschsprachigen Lesern ins Gewissen geschrieben, vielleicht nur so wie es Russen können. In diesem Buch steckt nicht nur der Hilferuf aller Verfolgter an die satte Menschheit, es ist auch eine Hommage an die russische Sängerin Isabella Juriewa und nicht zuletzt besitzt dieses Buch eine literarische Schönheit, auch wenn Michail Schischkin einzelne Szenen zumindest sprachlich sehr deutlich beschreibt.

Dieses Buch ist für uns hier im noch reichen Westen geschrieben. Nicht nur um einen neuen Blick auf Asylanten zu werfen, sondern um unsere eigenen Defizite zu erkennen.

Lesen Sie dieses zeitlose Buch, Sie werden es nicht bereuen!

Nachtrag vom 14. Mai 2010:

wie gestern vermeldet hat die Jury des 'Internationalen Literaturpreis ' Haus der Kulturen der Welt' den Roman Venushaar von Michail Schischkin, übersetzt von Andreas Tretner, auf die diesjährige, insgesamt sechs Titel umfassende Shortlist gewählt. Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.hkw.de/de/programm/2011/ilp2011/projekt_detail_53764.php
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Winfried Stanzick HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Dieses schwergewichtige Werk, der Roman "Venushaar" des 1961 in Moskau geborenen und 1995 in die Schweiz emigrierten russischen Schriftstellers Michail Schischkin ist das, was man einen großen Wurf nennt. Ein Buch, das einen packt, das komplex angelegt ist und doch mit einfachen und poetischen Worten erzählt von der Liebe, die den Tod überwindet.

Der namenlose Erzähler, der aber viele Züge des Autors selbst trägt, arbeitet als Dolmetscher für die Schweizer Einwanderungsbehörde. Unzählige Male am Tag fragt er seine ehemaligen Landsleute, die wie er vor langer Zeit aus Russland emigrieren, fliehen in ein besser gewähntes Leben, warum sie Asyl beantragen.

Und während er da Geschichten unendlichen Leids sich anhört und für seine Arbeitgeber übersetzt, legt sich wie ein Film seine eigene Lebensgeschichte darüber. Die Sehnsucht nach seiner Frau und seinem Kind, die er verloren hat, aber auch zahllose Erinnerungen, Gefühle und Geschichten im Zusammenhang mit anderen Welten und Zeiten.

Und so erzählt Schischkin mit philosophischer und ästhetischer Tiefe und Leidenschaft nicht nur seine eigene Geschichte, sondern die seines Heimatlandes. Er wechselt dabei virtuos die Perspektiven, spielt mit unterschiedlichen Erzählsträngen und variiert dabei immer wieder das Thema der Liebe, die den Tod überwindet, die etwas vorscheinen und nachscheinen lässt von einem Paradies, das schon lange verloren ist.

Ein monumentales Werk eines Schriftsteller von internationalem Format, mit dem er die Literaturszenen in vielen Ländern erobern wird.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschichten sind Lebewesen 23. Juli 2011
Von Heike G HALL OF FAME REZENSENT TOP 50 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
"Frage: Ich schreibe, damit etwas von Ihnen bleibt.
Antwort: Sie meinen, was Sie da aufschreiben ist das, was von mir bleibt, wenn ich weg bin?
Frage: Jawohl.
Antwort: Wogegen das, was Sie nicht aufschreiben, mit mir verschwindet? Nichts davon bleibt?
Frage: So ist es. Nichts bleibt."

Derartige Frage-Antwort-Dialoge gibt es in Michail Schischkins Roman viele. Aufgeschrieben hat der in Moskau geborene Autor viel. 555 Seiten umfasst sein sprachgewaltiger Roman. Seinem monumentalen Buch hat er einen Auszug aus dem Alten Testament, dem "Buch der Offenbarung Baruchs" vorangesetzt: "Und angerufen wird der Staub und zu ihm gesagt: 'Gib zuru'ck, was dir nicht gehört; offenbare, was du bewahrt für seine Zeit.' Denn durch das Wort ward die Welt erschaffen, und durch das Wort werden wir einst auferstehen." Und genau diesen Epigraph versucht Schischkin auf den folgenden, höchst anspruchsvollen Seiten mit atemberaubender Eloquenz, Fantasie, Fabulierlust und erzählerischer Kunstfertigkeit zu belegen.

Über große Teile siedelt Michail Schischkin seine verschlungene Handlung auf dem Amt für Asylsuchende in Zürich an. Dort übersetzt sein Alter Ego - im Roman Dolmetsch genannt - seinem Vorgesetzten Paulus all die wundersamen, verworrenen, tragischen und grausamen Geschichten der Flüchtlinge aus seiner russischen Heimat, die um Einlass ins schweizerische Paradies bitten. Sie kommen aus Ossetien, waren im Afghanistan-Krieg, im Gulag, sind gerade aus dem Gefängnis entlassen oder vergewaltigt worden, viele von ihnen hochgradig traumatisiert. Schischkin offenbart die ganze Bandbreite menschlicher Gräueltaten. Ob die Berichte dieser Menschen wirklich wahr sind, darum geht es dem Autor jedoch nicht. "Mögen die Sprecher fiktiv sein, das Gesagte ist wahrhaftig. Wahrheit gibt es nur dort, wo es etwas zu verbergen gibt. Gut, die Leute sind vielleicht nicht echt, aber die Geschichten sind es! Wenn sie im Kinderheim nicht den mit den aufgeworfenen Lippen vergewaltigt haben, dann einen anderen! Und die Story von dem verbrannten Bruder und der getöteten Mutter hat der Litauer irgendwo aufgeschnappt. Ist es wichtig, wem genau sie passiert ist? Sie bleibt authentisch, so oder so. Leute sind hier nebensächlich, es geht um die Geschichten, die entweder echt oder unecht sind. Man muss eine Geschichte erzählen, das ist es. So wie sie sich abgespielt hat. Nichts dazuerfinden. Wir sind was wir sagen." Die Gefahr dabei: "Man weiß nie, in welchem Reich man aufwacht und als wer. (...) Die Geschichten suchen sich einen Menschen aus und gehen um mit ihm."

"Diese Menschen, diese Reden - man wird sie nicht los.", stellt der Dolmetsch fest. Zu Hause versucht er sich mit den Texten Xenophons ("Anabasis"), einen der ersten, aus der griechischen Antike überlieferten Schriften, abzulenken. Er schreibt Briefe an seinen in Russland lebenden Sohn oder liest in den Tagebüchern seiner Geliebten Isolde. Wahrheit und Fiktion verschwimmen, alles verschmilzt zu einem einzigen "Welt-Text", einem Lebensgarn, dass Schischkin virtuos vor dem Leser ausrollt. Immer wieder eingeflochten werden die vom Autor meisterhaft gefälschten Tagebücher der 100 Jahre alt gewordenen russischen Estraden-Sängerin und Volkskünstlerin Isabella Danilowna Jurjewa. Deren milder Plauderton steht in krassem Gegensatz zu den apokalyptischen Horrorberichten der Asylbewerber. Alles zusammen ergibt ein riesiges literarisches Gemälde Russlands vom Beginn des 20. Jahrhunderts, dem Ende des Zarenreichs, der Revolution bis in die Gegenwart. Schischkin umspannt mit Worten gewaltige Dimensionen.

Der russische Autor lässt Geschichten zurück und "entlüftet" Menschen. Der Leser pickt sich seinen Teil heraus. Alles in seiner immensen Breite zu erfassen, ist unmöglich und erhöhte Lesekonzentration von Nöten, einhergehend mit einem zwangloses Sichfallenlassen in den Text. Was umso leichter fällt, denn Schischkin bildet Worte, die "aus dem Sprachnebel ausfällen. Wortstaub verwandelt sich auf irgendeine Weise (...) zu Kernlein, die einem auf der Zunge liegen." Die virtuose und zuweilen blumige Sprache lässt die mehrfach verschachtelten Handlungsstränge leichter entwirren und die Vergangenheit, obwohl man sie zu kennen meint, durch die Seiten verändern.

Der Romantitel klärt sich am Ende recht deutlich auf. Denn das unscheinbare grazile Farn mit Namen "Venushaar" bildet in ganz Europa oft große Bestände an steilen Böschungen entlang von Flüssen und Bächen oder überrieselten, gemörtelten Mauern. "Da könnt ihr noch so viel alte Bart- und Chlamysträger auswerfen, die sich die unbefleckte Empfängnis ausdenken, malt und meißelt, was ihr wollt, ich stoße durch alle Leinwände, all euren Marmor breche ich auf. Jede Ruine im Forum besiedele ich, und unter jedem Ziegelstein im Phlox bin ich auch. Wo ich nicht zu sehen bin, dort sind meine Sporen. Wo ich nicht bin, da war ich, da werde ich sein. Ich bin, wo ihr seid."

Fazit:
"Das Vergangene ist nicht mehr da, aber wenn man es erzählt, kann man die Wörter über Tage dehnen oder umgekehrt ganze Jahre in eine Handvoll Buchstaben stopfen."
Michail Schischkin vernäht in seinem Roman virtuos die Zeit wie eine Nähmaschine im Zickzackstich. Der Übersetzer Andreas Tretner hat dem deutschsprachigen Leser diesen "Nähkurs" hervorragend zugänglich gemacht.
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