Mit "Band on the Run" hatte Paul die Wings endgültig als Top-Band der Siebziger etabliert und seine Selbstsicherheit wieder gewonnen, und das spürte man dem Nachfolger, "Venus and Mars", deutlich an. Mit dem "Gitarren-Wunderkind" Jimmy McCulloch (zuvor unter anderem bei Thunderclap Newman an dem Hit Something in the Air beteiligt) und dem Schlagzeuger Geoff Britton (der nach kurzem Gastspiel durch Joe English ersetzt wurde) hatte Paul die Wings wieder zur festen 5-"Mann & Frau"-Band aufgestockt, und mit frischem Schwung ging es in Nashville (und später in New Orleans) an die Aufnahmen, wie die bereits 1974 veröffentlichte rockige Single Junior's Farm (mit der Country-B-Seite Sally G.) eindrucksvoll belegte.
Die Vorab-Auskoppelung Listen to what the Man said war ein typischer McCartney-Ohrwurm (mit einem Klarinettensolo von Tom Scott, der zu dieser Zeit auch mit George Harrison arbeitete), woran man sah, mit welchem Selbstvertrauen Paul wieder zusätzliche Musiker integrierte, wie überhaupt die satten Bläserarrangements auf diesem Album zeigen.
Weitere Hit-Singles, wie man sie von "Band on the Run" kannte, warf das Album nicht ab, was seine Qualitäten aber nicht schmälerte; es funktioniert sehr gut als Ganzes, gleich angefangen mit dem Eröffnungsmedley Venus and Mars/Rock Show (das in gekürzter Form auf Single ausgekoppelt wurde und, ergänzt um Jet, die ideale Startnummer bei der Tournee darstellte (s. "Wings over America"). (Ich fand nur immer erstaunlich, wie laut der Folksong Venus and Mars im Vergleich zu dem direkt daran anschließenden Rocker Rock Show war; das war aber bereits auf der LP so.)
Love in Song ist ein weiterer McCartney-Ohrwurm, und mit You gave me the Answer streunt Paul in ähnlichen Gefilden wie sieben Jahre zuvor mit Honey Pie. In Magneto and Titanium Man besingt er seine Vorliebe für bestimmte Comic-Figuren; ich fand immer die Ähnlichkeit mit Queens You're my Best Friend aus demselben Jahr ('75) im Intro und im Tempo witzig.
Wie auch ein Jahr später noch einmal (mit Wino Junko auf "Wings at the Speed of Sound") singt Jimmy McCulloch mit Medicine Jar einen zusammen mit Collin Allen komponierten Anti-Drogensong, bezeichnend angesichts seines (vermutlichen) Drogentodes 4 Jahre später. Letting go (verdient als Single-Edit veröffentlicht) bleibt einer meiner McCartney-Lieblingssongs (hier sogar besser als auf "Wings over America"). Nicht zum ersten Mal ("Sgt. Pepper's", "Ram", "Band on the Run") gibt es vom Titelsong eine Reprise. Call me back again sowie das Medley Treat her gently/Lonely old People schwelgen gekonnt in McCartneys Melodieseligkeit, und das Album endet ganz witzig mit Crossroads, dem Titelthema einer englischen TV-Serie.
Als willkommene Bonustracks gibt's drei Songs: Zoo Gang war die britische B-Seite von '74er Band on the Run-Singles und ist vermutlich auch erst bei den Sessions zu diesem Album entstanden, ebenso wie die anderen beiden Outtakes, das Instrumental Lunch Box/Odd Sox (1980 auf der B-Seite von Coming up) sowie My Carnival (erst 1985 B-Seite von Spies like us). Allerdings fehlen hier vier weitere Songs: für oben erwähnte Single Junior's Farm muss man weiterhin auf "Wings Greatest", die US-CD "all the best!" oder (für den DJ-Edit) auf "Wingspan" zurückgreifen, hier war Paul etwas knickerig. Die B-Seite Sally G. landete blödsinnigerweise als Bonustrack auf "Wings at the Speed of Sound", ebenso wie die beiden mit den Wings und Gastmusikern als "The Country Hams" eingespielte (nur für McCartney-Fanatiker wichtige) Single Walking in the Park with Eloise/Bridge over the River Suite; vielleicht hatte diese CD auch ein paar Bonustracks als Kaufanreiz nötiger als "Venus and Mars".
Das Coverdesign samt Texten etc. ist im Booklet schön wiedergegeben, und obwohl ich von McCartneys '93er Remasters nicht angetan bin, klingt diese CD-Ausgabe doch erstaunlich gut. "Venus and Mars" war das letzte wirklich überzeugende Wings-Studioalbum und stellte zusammen mit "Band on the Run" und "Wings over America" ihren kreativen Höhepunkt dar.