Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein neuer Wurf von Helge Schneider? Oder hat Gott selbst einem unserer Pop-Literaten die Feder geführt, wie der durchgängige Pluralis majestatis der Erzählerstimme nahelegt? Gar nicht so daneben. Else Buschheuer, ewiges Enfant terrible der deutschen Literatur- und Internetszene, lässt erneut ihren Fabulierkünsten freien Lauf. Man muss schon bereit sein für das Zufallsprinzip, nach dem die Autorin Personal und Handlungsstränge frei aus dem Hut zaubert. Im Tempel des Bliss Swami, dem Gods Motel, wartet alsbald allerlei schellenklimperndes und heiligmäßiges Gelichter auf Venus (wie sie inzwischen getauft wurde). Hare Krishna, Hare
Normalos haben keinen Zutritt. Nur das absolut Grelle und Ausgeflippte erhält bei Frau Buschheuer die allerhöchsten Weihen, ihren Kosmos betreten zu dürfen. In Gods Motel, einer Art ökumenischer Sozialstation für Geläuterte und Erleuchtete, begegnen wir Toga, dem haarigen Zwergen, Mau, dem Indianer und Glücklichen Sklaven Gottes, Sun Baba, einem scheintoten Maharishi-Double, sowie Bringfriede, die sich wechselweise für Buddha oder Satan hält. Angesichts dieser Traumbesatzung beschließt Venus, sich schnell und heftig in Bliss Swami zu verlieben.
Buschheuer-Report aus dem Big Apple. Das heißt Eso-Sprüche, Zeitgeistiges und jede Menge Knallchargen-Bios, die den Fortgang der Story oft behindern. Schließlich gilt es, einen Mord aufzuklären, oder? Am Ende dieser in ihrer Supercoolness oft unfreiwillig komischen Liebesgeschichte gewahrt unser göttliches Späherteam auf seinem Weiterflug über Berlin einen potentiellen Selbstmörder. Stoff für die Herbstausgabe. What a bliss! --Ravi Unger
Kurzbeschreibung
Else Buschheuer erzählt die ungewöhnlichste Liebesgeschichte, die man sich denken kann: zwischen einer mutmaßlichen Mörderin ohne Gedächtnis und einem Mönch ohne Vergangenheit in einer Stadt, die sich jeden Tag neu erfindet.
Am Anfang steht eine Frau über der sehr blutigen Leiche eines Mannes und weiß nicht, wer und warum und wohin. Wie unter Schock läuft sie barfuß in ihrem roten Kleid durch die gleichgültige Stadt, bis rettende Arme sie auffangen und entführen. Der Ort, an dem sie sich wiederfindet, ist God's Motel, eine skurrile Mischung aus Touristenlager und Tempelkirche, in der Zeitungen und Fernsehen verboten sind, dafür ist jedwede Form von Gottsuche erwünscht. God's Motel ist wie eine stille Insel in der tosenden Großstadt, ein Hort der Ruhe und Besinnung. Zu viel Ruhe und Besinnung für Venus, die schon bald versteht, dass sie in einem »kleinen Irrenhaus inmitten eines großen, inmitten eines ganz großen« gelandet ist. Doch da hat sie sich schon besinnungslos in ihren Retter verliebt, einen riesigen, meist stummen, orangen Mönch. Darum treten brennende Fragen, wer sie ist und ob sie einen Mord begangen hat, für sie schnell in den Hintergrund. Nicht jedoch für die Polizei. Denn der Tote war reich und prominent, und die barfüßige Frau im roten Kleid ist bekannt. Während Venus überlegt, wie man einen Mönch rumkriegt, sucht die Stadt eine Mörderin.
Klappentext
Jana Hensel über "Masserberg"
Am Anfang hat man Else Buschheuer belächelt. Seit Masserberg lächeln die Kritiker, weil sie so gut schreiben kann.
Die Zeit
Über den Autor
Auszug aus Venus von Else Buschheuer. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Es ist ein dampfend heißer Frühsommertag, als wir durch Manhattan fliegen, auf der Suche nach unserer Sommergeschichte. An der Upper East Side werden wir fündig. Durch ein riesiges blitzblank geputztes Fenster sehen wir eine nackte Frau stehen, reglos neben einem nackten Mann, dieser auch reglos, aber liegend, blutend, aus vielen Wunden, zwischen ihnen ein Messer.
Wir nähern uns der Wohnung, dem Zimmer, betrachten die beiden. Es ist nicht viel Ausdruck im Gesicht des Mannes, denn er ist ja tot. Das ist offenkundig, dass er tot ist, und jeder, der schon mal einen Toten gesehen hat, wird bestätigen, dass der Unterschied zwischen einem lebenden nackten Mann und einem toten nackten Mann derselbe ist wie zwischen einem Fisch im Wasser und einem Fisch in der Dose. Erloschen, entseelt, nichts als der Verwesung ausgesetztes Fleisch.
Auch im Gesicht der Frau ist nichts zu lesen, und das, obgleich sie lebt. Sie ist schön gewachsen, zweifelsohne, ausgestattet mit einem milchweißen Körper, an dessen Hals hektische Flecken wie Klatschmohn wachsen. Breitbeinig steht sie da, Füße nach außen, vor sich hin starrend, nicht direkt zum Toten am Boden, eher hindurch, vorbei, woanders hin, dorthin, wo keiner ihrem Blick folgen kann, wir jedenfalls nicht. Die Geburt der Venus fällt uns ein, und wir spüren brennenden Hunger auf die ganz große Tragödie.
Erst nach Minuten öffnet sich Venus Hand, spreizen sich spillerige Klavierfinger, als würden sie das Messer fallen lassen wollen, wenn es nicht schon am Boden läge. Sie läuft einige Schritte zum nächsten Zimmer, Staubflocken tanzen zwischen ihren nackten Füßen, als sie ihren etwas zu dünnen Körper über den Marmorfußboden balanciert, sie reckt ihren ohnehin etwas zu langen Hals, greift nach einem roten Büstenhalter, einer roten Unterhose, einem roten Sommerkleid, rot wie das Blut am Körper des Mannes, am Messer, auf dem Boden, das frische Blut, dessen metallener Geruch in der Luft hängt. Sie zieht sich an, mit den eckigen Bewegungen einer Gliederpuppe, und verlässt die Wohnung.
Wir gehen ihr natürlich nach, denn an diesem Eckpfeiler der Geschichte ist unser Interesse erwacht, wir heben an ihm das Bein wie ein Hündchen; was passiert ist, wollen wir wissen, und natürlich auch, warum, warum eher als wann, und ob die beiden einander geliebt haben oder nur Liebe gemacht oder nicht einmal das. Wir wollen wissen, was nun wird aus der Frau, denn was aus dem Mann wird, ist ja klar. Der Mann wird in eine Tüte gepackt, in eine Kühltruhe geschoben, er wird aufgeschnitten, ausgenommen, wieder gestopft und später vergraben. Wir gehen also ihr nach, weil uns das interessanter erscheint, als neben ihm hocken zu bleiben und auf die Herren von der Spurensicherung zu warten, wir sind von Neugier gepeinigt, von Schadenfreude, Mitleid, Sensationslust, wir wollen alles, alles über die schöne bleiche Venus wissen.
Sie aber läuft nur, und wenn wir nicht von dem Toten wüssten, würden wir vielleicht das Interesse verlieren, eine Frau, die die First Avenue hinunterläuft, barfuß, Block für Block, im flammend roten Kleid, auch wenn sie dabei fabelhaft aussieht, auch wenn ihr Spaghettihaar wie eine weiße Flagge im Sommerwind flattert, auch wenn dieser Langlauf vor der atemberaubenden Kulisse von Manhattan geschieht, so erschöpft sich doch der Anblick nach und nach, nur unser Herrschaftswissen hält uns bei der Stange. Niemand, der die milchweiße hellblonde Frau sieht, weiß, was wir wissen. Niemand kann in ihrem blassen Gesicht lesen, dass es gerade den Tod geschaut hat.
1 Verliebung
Eine halbe Stunde später ist die Protagonistin unserer Sommergeschichte schon fünfundzwanzig Blocks downtown gelaufen, und uns beruhigt die Vorstellung, dass kein Mensch New York zu Fuß verlassen kann, weil das Wasser ihn früher oder später aufhalten wird, in welche Himmelsrichtung er auch immer zu fliehen versucht.
Die Venus wird über kurz oder lang den Südzipfel der Insel erreichen, und dann ist nämlich Sense.
Aber das scheint sie nicht zu stören. Sie läuft. Sie läuft. Sie läuft wie jemand, dessen Ziel es ist, zu laufen, den steinharten Boden Manhattans mit sorgsam manikürten Zehen abzumessen, wie jemand, der kapriziös ist oder wütend oder ganz und gar gedankenversunken. Wir sind fest davon überzeugt, dass es nicht zum Tagesgeschäft dieser Frau gehört, mit nackten Füßen über New Yorks heißen Asphalt zu laufen, dazu sieht sie zu elegant aus und die Füße zu verhätschelt, aber wir begegnen ihr ja im Moment ihrer Lebenswende, das allein macht sie für uns interessant, also folgen wir ihr weiter.
Doch weil dieser New Yorker Sommer sich besonders schwül anfühlt, so wie jedes Jahr, weil sie erschöpft ist, weil sie keinen Hitzschlag erleiden soll, schicken wir ihr Angebote entgegen. Wir schicken einen Polizisten, einen Feuerwehrmann, einen Soldaten, einen Bodybuilder, einen Skilehrer, starke, potente Männer. Sie kommen in kurzen Abständen auf sie zugelaufen, lächeln, sagen hi, suchen ihren Blick, aber sie sieht sie nicht, sie sieht sie nicht, sie läuft weiter. Also schicken wir ihr einen Akademiker, einen Dichter, einen Studenten, aber auch diese Männer sind offenbar unsichtbar für sie.
Etwa zehn Blocks vor der Houston Street biegt sie urplötzlich nach links ab, läuft ostwärts, zwei Blocks weiter, dann wieder downtown, vorbei an Paolos Deli, Laptop Repair, Dolphin Gym, Ugly Coyote Thrift Shop, Kings Pharmacy, Theodoro Grocery, Dry Cleaner and Landromat, Hairdresser unisex. Vor Paolos Car Repair jedoch strauchelt sie und fällt. Wir sehen, dass ihre Fußsohlen bluten. Wir sehen, wie ein kahl rasierter Riese in einer orangen Kutte sie aufhebt, auf sie einredet. Wir sehen, wie sie kurz Gegenwehr leistet, wie ihr Gesicht sich höhnisch verzieht, wie sie aber dann aufgibt und nachgibt und sich auf seine starken Arme heben und wegtragen lässt. Wir frohlocken. Eine gefallene Prinzessin und ein Bettelmönch. Eine Mörderin und ein Heiliger. Ihr Anblick und wie sie gemeinsam in einer kleinen Barockkirche auf der Avenue B verschwinden, hat unsere Phantasie angeregt, so sehr angeregt, dass wir alle Termine absagen, dass wir es als unumstößlich betrachten, diesem Paar weiter zu folgen, in ein Treppenhaus, in einen Fahrstuhl, in ein mit Goldbrokat und rotem Samt ausgeschlagenes Zimmer mit niedriger Decke, voll gestopft mit Buddhastatuen, Kruzifixen und kitschigen indischen Göttergemälden.
Schon sitzt sie auf einem Stuhl, der Kopf hängt nach unten, das weißblonde Spaghettihaar hat sich wie ein Schleier vor ihrem Gesicht geschlossen. Sie bietet ein Bild des Jammers, das muss man schon sagen, aber selbst im Jammer ist sie noch anmutig. Jetzt, langsam, hebt sie den Kopf, der etwas Gläsernes hat, der Vorhang öffnet sich, mit flaschengrünen Augen unter dichten weißen Wimpern sieht sie sich unwillig um. Was soll man sagen, wenn man aufwacht und sich alles wie ein Traum anfühlt, in diesen Dingen ist selten einer originell.
»Wo bin ich?«, fragt sie da auch schon.
»In Gods Motel«, säuselt ein Stimmchen. »Willkommen!«
Wir werfen nun einen Blick hinter ihre helle Stirn, in das Chaos in ihrem Kopf. Eben denkt sie, sie sei tot und im Himmel. Eine Vorstellung, die ihr gefällt.
»Was ist passiert?« Sie kräuselt ihre perfekte Nase, findet sich umringt von Aschenputteln. Das ist ja ekelhaft, denkt sie. Das kann unmöglich der Himmel sein.
Man kann sich vorstellen, wie fremd sich jemand fühlt, der sonst auf der Upper East Side verkehrt, in Penthäusern mit spiegelblanken Fenstern, die diese Menschen vermutlich niemals betreten werden, es sei denn, sie putzen sie, die Fenster und die Penthäuser.
Neben ihr sitzt ein indisch aussehendes Mädchen, das fast aus seinem Sari platzt, mit hüftlangem schwarzem Haar, glänzend wie Rabengefieder. Sie tätschelt Venus Wangen, knetet ihre zarten hellen Hände, stellt ihr mit schwarzem Mund irgendeine Frage, die sie aber nicht beantwortet. Eine Asiatin mit Kopftuch ums ungeschminkte Gesicht bringt eine Tasse Tee, die die Venus aber nicht trinkt. Das wäre ja noch schöner. »Ich trinke einen doppelten Espresso«, lässt sie die Anwesenden wissen, da sie ein verwöhntes Zicklein ist. Die Asiatin schüttelt stumm den Kopf, geht wieder weg, kommt mit einem Glas Wasser zurück.
Ein feister Indianer mit einer dicken dunklen Hornbrille wäscht Venus Füße und reinigt sie mit Jod. »Aua!«, schreit sie und zieht die Füße weg. Die Sätze des Indianers beginnen mit »Anyway«. Er macht aufmunternde Scherze, über die nur er selbst lacht, im Falsett, während er geziert abwinkt. Ein Orientale mit einem hohen Korkhut und einem bunten Flickenmantel steht an der Tür, die schmutzigen Hände über der Brust gekreuzt, unwirklich wie eine Märchenfigur. Oder ist das ein Traum, denkt unsere Venus. Bin ich etwa auf Drogen?
Noch mehr Menschen sind da, aber sie bleiben schemenhaft. Nur dass ein haariger Zwerg in weißer Toga ihr immer wieder das Wasserglas hinschiebt, es ihr sogar an die Lippen hebt, nimmt sie wahr. Sie trinkt. Sie verzieht das Gesicht. Das Wasser schmeckt nach Chlor. Das Zimmer riecht nach Räucherstäbchen. Der Magen des Toga-Zwergs knurrt vernehmlich.
Sie muss raus aus diesem Kostümfundus, raus aus dieser Gesindekammer, in der man ihr sogar den Espresso verweigert.
»Wo kann ich telefonieren?«, fragt sie und sieht sich um. Natürlich ist es pikiert, unser Uptown-Girl mit seinem Marc-Jacobs-Kleidchen aus der neuen Kollektion. Noch greifen wir nicht ein. Im Gegenteil. Wir sind sehr gespannt, wen sie nun anrufen wird. Sie sieht blass aus, vielleicht ist es das sie umspülende Rot des Kleides, vielleicht ist es der unsortierte Farbenwust des multireligiösen Zimmers, aber unsere Venus wirkt durchsichtig, als hätte der Tod des nackten Mannes alle Farbe aus ihr herausgewaschen, als hätte sie gleichsam mit ihm alles Blut verloren, als hätte die Sonne sie gebleicht, anstatt sie zu bräunen.
Der Haarzwerg reißt ein schnurloses Telefon aus dem Holster und reicht es ihr. Sie nimmt es huldvoll in ihre spillerigen Klavierfinger, hält aber inne.
»Neun vorwählen«, sagt Toga mit leiser, eingecremter Stimme und immer noch penetrant knurrendem Magen. Der feiste Indianer, der rote Kriegsbemalung im Gesicht hat, tupft immer noch an ihren Füßen herum. Sie zieht sie weg, woraufhin er eingeschnappt zischt.
»Neun vorwählen«, haucht das Männchen noch mal. Sie tippt mit ihrem perfekt geformten perlmuttlackierten Zeigefingernagel die Neun vor. Aber es ist nicht die Neun, um die es hier geht. Die Neun ist es nicht. Es ist der Rest. Sie kann sich nicht erinnern, was dann kommt. Nicht an die Nummer. Nicht einmal daran, wenn sie anrufen will.
»Wo bin ich hier eigentlich? In einer Klapsmühle?«, ruft sie. Die hektischen Mohnblumen wachsen wieder auf ihrem Hals. Unsere Venus will aufstehen, aber sie schwankt, sie fällt.
Hände, dunkle, raue, abgearbeitete, kräftige Hände, fangen sie auf, kurz sind wir besorgt, man könne unser neues Spielzeug zerbrechen, aber nein, sehr sorgfältig wird es auf ein Sofa gelegt.
»Es sind über vierzig Grad draußen«, haucht Toga, von dem wir annehmen, dass seine Sanftheit gespielt ist. »Da sind Kreislaufprobleme ganz normal.« Sie sieht aus, als wäre sie empört, wenn sie nicht so schwach wäre. Man hat ihr vielleicht Drogen gegeben, sie gekidnappt und bestohlen. Sie muss weg. Sie muss ihre Sachen nehmen und weg.
»Meine Tasche«, ruft sie wie ein König, fehlt nur noch, dass sie ungeduldig in die Hände klatscht.
»Da war keine Tasche«, sagt der Orange Riese.
»Du lügst«, sagt sie. »Du hast mich beklaut! Du hast mich gekidnappt! Ich will nach Hause! Was grinst du so?«
Uns gefällt die Idee, sie hier zu behalten, die Prinzessin auf der Erbse, uns gefällt die Idee immer besser, je weniger sie ihr gefällt. Sie will telefonieren, aber sie weiß nicht, wen anrufen. Sie will nach Hause, aber sie weiß nicht, wo das ist. Was sie nicht zu vergessen haben scheint, sind die kleinen Dinge, die das Leben angenehmer machen.
»Hat jemand eine Zigarette?«
»Wir rauchen hier nicht«, sagt Toga sanft. Sie sieht sich zornig um. Niemand erhebt Protest. »Ich sagte nicht, dass ihr rauchen sollt, sondern dass ich rauchen will.«
»Du rauchst auch nicht, du hast es nur vergessen«, predigt sein kleiner Mund, ein sprudelndes Brünnlein im Dschungel seines Vollbarts. Ich werde gleich aufwachen, denkt sie. Und dann ist es vorbei. Und dann rauch ich eine. Aber sie wacht nicht auf. Und es ist nicht vorbei. Und geraucht wird hier nicht.
»Du kannst heute Nacht hier bleiben«, sagt Toga, und wir können nicht fassen, wie dieses Sahnestimmchen zu den wolligen Unterarmen, zu dem wütenden Verdauungsrumpeln in seinem Leib passen soll. »Morgen wird es dir besser gehen.« Unsere Venus ist plötzlich sehr müde. Sie wirft dem Orangen Riesen, der im Weg steht, einen Blick zu und humpelt Toga nach. Schwer, sehr schwer fühlen sich ihre Beine an, ihr ganzes zartes Knochengerüst scheint aus Blei zu sein. Wir können in sie hineinsehen. Ihr Kopf ist leer, das ist der Schock, aber auch ihr Herz ist leer, das wundert uns.
»Wo bin ich überhaupt?«, fragt sie.
»An einem Ort des Friedens«, wispert der kleine Mann an ihrer Seite, »in einer Tempelkirche.«
»Eine
Tempelkirche?«
»Ein Gotteshaus. Tempel, Kirche, Moschee, Synagoge, nenne es, wie du willst.«
Sie folgt ihm, leicht schwankend. »In welcher Stadt?«
Er sieht sie alarmiert an.
»New York«, sagt er, »New York City.« Im nächsten Moment hechtet er sich auf den Boden. »Sieht denn das keiner? Muss ich denn alles alleine machen?« Er nimmt den Zipfel seiner Toga und reibt, das ganze bärtige Männchen rutscht dabei vor und zurück. Der Stein des Anstoßes ist ein Milchfleck, der aber offenbar schon angetrocknet ist. Unsere Venus sieht taktvoll weg. Wir auch, wir sehen uns um, denn wir haben noch nie einen Tempel gesehen, der gleichzeitig eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee ist. Ein skurriles Sammelsurium, verkitscht, ungeordnet, symbolüberfrachtet, ein kleines Irrenhaus inmitten eines großen, inmitten eines ganz großen.
Unser Blick richtet sich auf den Mönch, der unsere Venus gefunden hat, der ein freundliches langes Gesicht hat, einen knarzigen kahlen Kopf, ein herrisches Kinn. Sein oranger, fast bodenlanger Kittel wird von einem Strick zusammengehalten wie eine Mönchskutte. Ein strammer Bauch hängt über diesen Strick, und auch seine Hände fallen uns auf, die wie Flöße sind, wie Bärentatzen, wie Bratpfannen. Wir sehen am Ausdruck seiner Augen unter buschigen Augenbrauen, dass er die meisten Dummheiten schon hinter sich hat, er ist gezähmt worden, nun zähmt er andere, indem er Ruhe ausstrahlt, ausgleichende Ruhe, er macht sogar uns ruhig, die wir doch ganz aufgeregt sind von den Ereignissen des Tages. Wie muss es erst unserer amnesierten Venus gehen in ihrem kargen Gästebett in ihrem kargen Zimmerchen, in dem sie nun liegt, die milch-weißen dünnen Beinchen angehockt, die Füße in Mullverbänden, das rote Kleid wie eine voll erblühte Tulpe um die schmalen Hüften geplustert, verloren wirkt sie, so ohne jeden Bezug zum Upper-East-Side-Ambiente.
Ihre Augenlider flackern. Es ist Abend oder später Nachmittag. Sie ist immer noch in ihrem goldbrokatenen Albtraum eingesperrt. Sie versucht, sich zu erinnern, an das, was war. Wir sehen sie in ihrem Gedächtnis nach irgendwas suchen, tasten, aber sie denkt gegen eine Mauer. Denn hier haben wir zugegebenermaßen bereits die Hände im Spiel. Sie rüttelt an der Mauer, die wir Stein für Stein um ihre Lebenserinnerung errichtet haben und die so lange stehen bleiben wird, wie wir es wollen. Von nun an werden alle in unserer Sommergeschichte handelnden Figuren unsere Spielzeuge sein, zu unserer Erbauung und auf eigene Gefahr.
Kurz schwanken wir, dann fällt dem Orangen Riesen die männliche Hauptrolle in unserer Sommergeschichte zu. Toga wäre auch infrage gekommen, aber immerhin war es der Riese, der sie auf der Straße fand und herbrachte, nicht der Zwerg. Der Riese wird es auch sein, der sie in Empfang nimmt, wenn sie aufwacht. Er wird ihr Ärgernis sein und später ihr Lehrer und später ihr Mensch. Wir nennen ihn Bliss Swami. Er ist unser Archetyp des keuschen Mönchs, sie die ätherische Versuchung. So schreiben wir mit literarischen Gaumenfreuden am Drehbuch, während unsere Heroine traumlos schläft.
»Willkommen«, sagt lächelnd der Bliss Swami in freundlichem, langsamem Bariton, als Venus verschlafen aus dem Zimmer tritt. »Möchtest du etwas essen?«
Der Bliss Swami spricht so langsam, dass sie gern an seiner Kurbel drehen würde. Sie mustert ihn hochmütig. Sie ist ungeduldig. Sie ist verwöhnt. Offenbar entspricht der Mann nicht im Geringsten ihren Vorstellungen. Hätte mich nicht jemand anders finden können, denkt sie.
Wir haben dir Angebote entgegengeschickt, möchten wir einwenden, einen Polizisten, einen Feuerwehrmann, einen Soldaten, einen Bodybuilder, einen Skilehrer, starke, potente Männer, wir haben auch Sensible geschickt, einen Akademiker, einen Dichter, einen Studenten, aber sie hört uns ja nicht, außerdem ist in unserer Sommergeschichte kein Platz für Rechtfertigung.
Venus wirft einen pikierten Blick in den Topf. Das ist ja ekelhaft, denkt sie.
Wüsste sie von uns, sie würde uns zürnen, da wir im Begriff sind, sie zum Klischee zu machen, aber wir haben Klischees zu schätzen gelernt, sie treffen zu, nichts unterhält uns besser.
»Salat hätte ich gern, Rucola, aber ohne Dressing, nur etwas frisch gepressten Zitronensaft, aber auf einem Extra-Teller«, sagt Venus knapp. Die Art, wie sie die Lippen kräuselt, lässt uns vermuten, dass sie normalerweise bekommt, was sie will. »Und einen Espresso.«
Ȁhm
tut mir Leid«, sagt der Bliss Swami, den es offenbar nicht kränkt, wie ein Kellner behandelt zu werden. Er öffnet langsam, sehr langsam, einige Schränke und Schubladen. »Ich kann dir frische Karotten anbieten und Yogi-Tee.« Es sieht nicht so aus, als würden die beiden kulinarisch ins Geschäft kommen. Genau genommen lässt Venus ihn stehen, geht in ihr Zimmer und knallt die Tür.
Sie sieht sich um. Das Zimmer ist karg wie Karotten und Yogi-Tee.