Aus der Amazon.de-Redaktion
Die meist so klar gezogenen Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation lösen sich in
Vengo, Tony Gatlifs liebevoller Annäherung an Andalusien und den Flamenco, auf. Die über Jahrzehnte etablierte Differenz dieser beiden Formen des Kinos verliert hier ihre Bedeutung und erscheint schließlich sogar als ein reines Konstrukt, mit dem Filmemacher sich selbst in ihren Möglichkeiten beschnitten haben. Natürlich gibt es schon lange dokumentarische Spielfilme und fiktionale Elemente verwendende Dokumentationen, doch das sind nicht mehr als kleine Schritte auf dem Weg, den Tony Gatlif mit seinem Werk erkundet.
Tony Gatlif erzählt in Vengo eine durch und durch archaische Geschichte, ein archetypisches Drama um Blutrache und Erlösung, Liebe und Verzweiflung. Aber er durchbricht diese Geschichte immer wieder, um die verschiedenen Arten und Stile des Flamencos zu dokumentieren. Immer wenn Caco (Antonio Canales) für seinen behinderten Neffen Diego (Orestes Villasan Rodriguez) ein Fest mit Musik und Tanz gibt, kommt die Handlung praktisch zum Stillstand. Thierry Pougets Kamera widmet sich dann ganz den Musikern und den Tänzerinnen. Der Flamenco, seine Lieder und seine Rhythmen, drückt in diesen Momenten all das, was man eigentlich nicht in Worte oder Bilder fassen kann, und noch viel mehr aus.
Das Dokumentarische und das Erzählende gehen eine beeindruckende Verbindung in Vengo ein. Auf der einen Seite stehen sie fast gleichberechtigt nebeneinander, auf der anderen sind sie untrennbar miteinander verbunden. Der Flamenco mit seinen repetitiven Strukturen liefert eine Folie für das Verständnis der Geschichte und für eine Welt, die gefangen ist in alten Traditionen. So erschreckend die Ereignisse einem auch erscheinen -- um Diego zu retten, dessen Vater nach einem Mord an einem Angehörigen eines anderen Clans untergetaucht ist, muss der melancholische, von Erinnerungen an seine tote Tochter verfolgte Caco sich selbst opfern -- sie besitzen auch etwas Poetisches. Nur eine nach diesen archaischen Vorstellungen und Werten lebende Gesellschaft kann eine Musik und Kultur wie die des Flamenco hervorbringen. Tony Gatlif rechtfertigt die Gewalt nicht, aber er verurteilt sie auch nicht einfach. Er nähert sich vielmehr einer fremden, ganz eigenen Welt mit offenen Augen und macht sie so auch für uns erfahrbar. --Sascha Westphal
Video Jakob Kurzinhalt
""Vengo" Weil der den Tod der Tochter nicht verwinden kann, flieht Caco in den Rausch der Musik und setzt alles daran, seinen behinderten, gutmütigen Neffen Diego vor den Mordplänen der verfeindeten Sippe der Caravacas zu schützen."