Vor dieser Aufnahme möchte ich warnen. Es handelt sich um eine Mogelpackung. Der 1933 in Polen geborene Autor Louis Begley, der seit 1947 in den USA lebt und von 1959 bis zu seinem literarischen Durchbruch im Jahre 1991 ("Wartime Lies") als Anwalt tätig war, wird hier zu Unrecht mit dem Etikett "Venedig" beklebt. Das Hörbuch bedient sich der Erzählung "Der Königsweg nach Venedig" aus dem Werk "Venedig unter vier Augen", das Begley zusammen mit seiner Frau geschrieben hat. Doch Venedig ist nur am Rande Thema der Erzählung. Vielmehr die spätpubertären Versuche des Protagonisten, seiner Freundin Lilly an die Wäsche zu gehen. Zwar treffen sich die beiden in Venedig, doch das war es dann auch schon. Der Erzähler trifft einen anderen Bekannten und macht sich nach einem Mittagessen bei ihm und seiner einflussreichen Familie enttäuscht (Lilly lässt ihn sitzen) aus dem Staub. Er verlässt die Stadt und trifft im Zug nach Rom seine neue Liebe. Sieht man einmal davon ab, dass der Herausgeber des Hörbuchs einen mit dem Titel in die Irre führt, so ist auch die Erzählung für sich genommen nicht auf der Höhe von Begleys Schöpferkraft - die saftigen Ausführungen zu den Verführungskünsten des Erzählers sind eher peinlich und halten einen vom Zuhören ab. Lediglich in der zweiten Hälfte blitzt das sanfte Sprachgenie Begleys auf - die feinfühlige, bisweilen melancholische Darstellung der Adoleszenz des Erzählers deckt sich mit den zu Beginn seiner Karriere in "Wartime Lies" meisterhaft heraufbeschworenen Gemütszuständen.