Wer hätte das gedacht. Sie sind wieder da - die Themen der "alten" liberalen Theologie - Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung. Diesmal ein wenig mehr durchgestylt, im evangelikalen Gewand auftretend und unter einem neuen Namen: "Emerging church". Der Autor dieses Buches ist einer der Hauptvertreter dieser Richtung und hat in vorliegendem Buch seine Vision einer Kirche skizziert, an der Dorothee Sölle ihre wahre Freude gehabt hätte, auch wenn ihr vielleicht viele fromme Versatzstücke überflüssig vorgekommen wären.
Rob Bell (Jahrgang 1970) gründete 1998 zusammen mit seiner Frau und ein paar Freunden eine Gemeinde in Grand Rapids (Michigan). Schnell gehörte diese Gemeinde zu den am schnellsten wachsenden Gemeinden in den USA. Heute besuchen 11.000 Menschen die Mars Hill Gemeinde, die schon im zweiten Jahr ihres Bestehens ein leer stehendes Einkaufszentrum erworben und zu einem Gemeindezentrum umgebaut hat.
Der Autor dieses Buches gehört sicherlich zu den rhetorisch besten Predigern seiner Generation. Bell wirkt durch seine Ehrlichkeit sympathisch. Er lädt zum Fragen ein und präsentiert keine fertigen Antworten. Damit trifft er voll den modernen Zeitgeist. Er möchte nicht diskutieren, sondern zu Erlebnissen mit Gott einladen. Seine Sprache ist kurz, prägnant und überaus kreativ. Nicht umsonst bezeichnete "The Chicago Sun Times" ihn als neuen Billy Graham. Doch eines trennt ihn von dem großen Evangelisten. Man darf Zweifel haben, ob Rob Bell das gleiche Verständnis des Evangeliums hat wie Billy Graham.
Bells Ziel mit seinem Buch ist klar. Er möchte einen neuen Blick auf das Christentum eröffnen. Vieles sei dem heutigen (postmodernen) Menschen nicht mehr verständlich. Wir müssen deshalb, nach Bell, das Gemälde des christlichen Glaubens weitermalen (das Buch trägt im Englischen nicht umsonst den Titel "Velvet Elvis - Repainting the Christian Faith"). Dabei geht es ihm nicht um rein kosmetische, oberflächliche Veränderungen; er möchte die Theologie verändern "den Glauben an Gott, Jesus, die Bibel, Erlösung und Zukunft"(10). Für Bell bedeutet dies, den Kern des christlichen Glaubens freizulegen, indem alles Störende und Hindernde entfernt wird. Das, was bisher als christlich galt, "passt nicht" und ist "überholt" (10).
Dass dabei auch gewisse Elemente der Tradition des christlichen Glaubens hinderlich sind, wird bei der Beschreibung seines Verständnisses des christlichen Glaubens deutlich. Bells Fokus ist ganz postmodern darauf gerichtet, nicht zu fragen "Wer hat Recht?", sondern "Wer lebt richtig?" (17). Dabei spielen das Geheimnis und die Größe Gottes die entscheidenden Rollen, und nicht bestimmte, in bloße Worte gefasste Lehrsätze.
Ausdrücklich wehrt Bell sich gegen Leute, die einzelne Lehraussagen wie Backsteine um sich bauten. Ziehe man bei diesen Leuten einen Backstein heraus, falle das ganze Gebäude ein. Bei der Lehre der "6 x 24 Stunden-Kreationisten" mag er damit Recht haben, doch lässt folgendes Zitat den Rezensenten unwillkürlich an sein NT-Proseminar an der Universität denken: "... was wäre, wenn man sich mit den Ursprüngen des Wortes Jungfrau befasst und herausfindet, dass das Wort Jungfrau im Matthäusevangelium eigentlich aus dem Buch Jesaja stammt und dass es im Hebräischen damals mehrere Bedeutungen haben konnte. Und wenn man entdeckte, dass sich 'von einer Jungfrau geboren'' im ersten Jahrhundert auch auf ein Kind bezog, dessen Mutter beim allerersten Geschlechtsverkehr schwanger wurde" (22).
Das Fazit dieses Abschnitts: Lehrsätze sind Bell nicht so wichtig - es kommt auf den Glauben an! Das kann zwar in jedem Einleitungsbuch Neues Testament nachgelesen werden, doch solche Aussagen von jemandem zu lesen, der in Amerika mittlerweile zu den bedeutendsten und einflussreichsten Evangelikalen gehört (nicht umsonst hat Brunnen dieses Buch so schnell übersetzt und in Deutschland verlegt), lässt den Rezensenten doch ins Nachdenken kommen.
Natürlich bekennt sich Bell einige Sätze weiter zur Historizität der Jungfrauengeburt usw., doch folgende Frage lässt einen aufhorchen: "Doch wenn der Glaube zerfällt, sobald wir eine Feder (hier: Dogma) neu untersuchen und überdenken, dann kann er doch so stark auch nicht gewesen sein, oder?" (23)
Bell geht im Weiteren zur Auslegung der Bibel über. Fragen sind ihm wichtig. Deshalb greift Bell auch die schwierigen Fragen auf. "Wie kann Gott bei der Landnahme befehlen "unschuldige Frauen und Kinder zu töten?" (36) Oder wenn Paulus in seinem Brief an die Korinther zwischen eigenen Ratschlägen und Befehlen des Herrn unterscheidet - handelt es sich dann um Gottes Wort oder nicht?
So schwierig die Fragen auch sind, so einfach ist doch Bells Antwort: Die Bibel ist immer Auslegungssache, und das wahre Wesen Gottes ist die Liebe (40).
Damit sind für Bell nicht alle Schwierigkeiten vollständig beseitig, aber die allzu dunklen Stellen in der Schrift können anhand der innerbiblischen Hermeneutik der Liebe entschärft und im Kontext der damaligen Zeit erklärt werden.
Es kann damit natürlich auch keine endgültig "richtige" Bibelauslegung mehr geben: "Wenn wir die Bibel als Gemeinschaftswerk betrachten, dann müssen wir auch gegenüber unseren Auslegungen ehrlich sein. Jede Auslegung ist im Wesentlichen eine persönliche Meinung. Niemand ist objektiv" (49). Niemand könne den Anspruch erheben, den jeweiligen Inhalt der Schrift wirklich verstanden zu haben: "... wenn ihnen jemand sagt, er erkläre Ihnen einfach, was die Bibel bedeutet, ist das nicht wahr. Er erzählt ihnen, was er denkt, dass sie bedeutet" (50).
Diesen Relativismus erkennt Bell schon in der frühsten Christenheit wieder.
Mit diesem Bibelverständnis einhergehend ist bei Bell ein Defizit bei ethischen Fragen erkennbar. Die Aussagen Jesu zur Ehescheidung im Matthäusevangelium werden von Bell relativiert. Jesus habe, so Bell, mit seiner Antwort zu dieser Frage Stellung in einer Debatte zwischen den Rabbis Hillel und Schammai genommen. Diese Aussage ist also nach Bell in einer bestimmten und sehr speziellen historischen Situation entstanden. Es ist, nach Bell, nicht sinnvoll, ein "paar Zeilen von Jesus herauszugreifen und sie 2000 Jahre später auf jemandem herabfallen zu lassen, ohne zuvor die Welt zu betreten, in der sie erstmals auftauchten" (60).
Ein solches Bibelverständnis impliziert natürlich auch eine weitere Konsequenz: Es braucht Fachleute für die Schriftauslegung. Ohne eine gewisse Bildung über das erste Jahrhundert nach Christus wird das Bibellesen sehr schwierig. Laut Bell ist es sogar gefährlich, einzelne Aussagen der Bibel ohne ihren Kontext herauszugreifen. Aus den jeweiligen Schriften "saugt [man dabei] regelrecht das Leben ' heraus" (58). Es gebe in der Schrift "zu allererst keine zeitlosen Wahrheiten" (58).
Ein weiteres wichtiges Thema des Buches ist Heiligkeit, und es scheint mir nicht übertrieben, festzustellen, dass Bell unter Heiligkeit eine Art "schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl" im Sinne von Friedrich .D.E. Schleiermacher versteht. Bell erzählt von verschiedenen Erlebnissen, u.a. auf einem U2-Konzert, die für ihn eine quasi religiöse Bedeutung hätten. Er beschreibt diese Erlebnisse als "überwältigend", "wahr" und "echt". Die Erfahrung eines "Glücks", so dass er "auf der Stelle zerspringen" wollte. "Außergewöhnliche Erfahrungen", ein "Gefühl, dass wir es trotz all des Schrecklichen schaffen können". Ein Überwältigtsein "von der Heiligkeit dieser Begegnung" (67). Wohlgemerkt: Keine dieser Situationen hat mit Jesus zu tun, und doch deutet Bell diese Gefühle als Begegnung mit dem Heiligen. "Heilig" definiert Bell dann auch ganz im Goethischen Sinne als "das Schöne, Gute und Wahre" (86).
Eine weitere Geschichte aus dem Buch macht diese spiritualistische Tendenz noch deutlicher. Bell erzählt, wie er von einem befreundeten Paar gefragt worden sei, ob er ihre Trauung halten wolle. Bedingung dieses Brautpaares sei allerdings gewesen, dass nicht "über Jesus oder Gott oder die Bibel oder Religion gesprochen würde" (71). Es solle nur "bedeutsam" und "geistlich" sein. Bell beschreibt dann diese Zeremonie, die an einem Waldrand mit See stattgefunden habe, als heiligstes Erlebnis in seinem Leben, wo alle gespürt hätten: "Etwas hält all dies hier zusammen" (71).
Was bedeutet das nach Bell für die Wahrheit? "Für die Verfasser der Bibel ist die Wahrheit überall. Sie ist hier. Sie ist dort. Sie ist überall" (73). Das sich aber die Wahrheit an einen bestimmten Ort, nämlich am Kreuz festnageln ließ, schreibt Bell nicht.
Ein weiterer großer Schwachpunkt im Buch ist die Behandlung der Sünde. Für Rob Bell ist die Sünde eher ein Nebenthema. Jesus sei nicht gekommen, um das Sündenproblem in letzter Minute zu lösen. Nach Bells Ansicht war für die Christen "Jesus irgendwie mehr, war er schon vor der Schöpfung da und die ganze Zeit in der Geschichte gewesen" (78). Da Jesus in allem sei, kann Bell den Zustand der Schöpfung als gut deklarieren und somit das Heilige und Gute überall entdecken. Die Meinung, dass die Bibel die Sünde nicht als Hauptthema behandle, kann jedoch nur jemand machen, der den Römerbrief des Paulus noch nicht gelesen hat. Der Grund für die Nachfolge ist nach Bell daher auch nicht die erfahrene Sündenvergebung, sondern das Leben "in Einklang mit der Wirklichkeit" (79).
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