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Veit
 
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Veit [Gebundene Ausgabe]

Thomas Harlan
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

Leseprobe Jetzt reinlesen [64kb PDF]
  • Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
  • Verlag: Rowohlt (11. März 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498030124
  • ISBN-13: 978-3498030124
  • Größe und/oder Gewicht: 21 x 13,2 x 1,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 103.096 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Seine Prosa hat, mit den üppig wuchernden Satzgebilden, der kraftvollen Wortwahl und der ungeheuren Präzision, wohl nicht ihresgleichen in der Nachkriegsliteratur." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Kurzbeschreibung

«Mein Sohn, ich glaube, ich habe Dich verstanden. » Im April 1964 ruft Veit Harlan seinen Sohn Thomas nach Capri an sein Sterbebett, doch für das Gespräch, das mit diesem Satz hätte beginnen können, ist es zu spät. Drei Tage dauert das Sterben, drei Tage erinnert Thomas Harlan sich an die gemeinsame Geschichte. Wir erleben eine Familie, die nicht an «Jud Süß» allein zerbrach. «Seine Prosa hat, mit den üppig wuchernden Satzgebilden, der kraftvollen Wortwahl und der ungeheuren Präzision, wohl nicht ihresgleichen in der Nachkriegsliteratur.» Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ulrich Gellermann TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Ein Buch wie ein Messer, in den Rippen eines Deutschland steckend, von dem das plätschernde Feuilleton nichts mehr wissen will, in Wahrheit nie hatte etwas wissen wollen. Wohl geschmiedet, in einer Sprache gehämmert, die in der deutschen Literatur kaum Gleiches findet, berichtet Thomas Harlan vom Sterben und Leben des Vaters: Veit, so lautet auch der Titel des Buches, das vom Ende des Regisseurs Harlan handelt, von dessen Film "Jud Süß" und auch vom Vater-Sohn-Konflikt und eigentlich vom Konflikt der Söhne mit ihren Nazi-Vätern. Nicht alle hatten Väter, die mit einem Film der Judenvernichtung Vorschub leisteten. Aber fast alle beerbten treue Soldaten, brave Mitläufer, kleine Rädchen im Kriegs- und Vernichtungsapparat. Und die Westrepublik beerbte, auch daran lässt Thomas, der Sohn, keinen Zweifel, das Henker-Reich.
"Deine erste Frau", schreibt Thomas am Sterbebett seines Vaters auf, "war Dora Gerson. Dora, Jüdin, Mutter aller ungezeugter Kinder, wurde in Auschwitz ermordet. Hast Du sie nicht gesucht?" Immer noch liebt der Sohn den Mann, den er hassen gelernt hat, ihm doppelt verbunden, an ihn gekettet, wie all die Söhne und Töchter an der Kette deutscher Geschichte liegen, kein Schlussstrich, niemals. In Capri stirbt Veit Harlan, der Freund von Goebbels, der Lieferant von Nazi-Filmen, von Jud Süß bis hin zu Kolberg, dem Durchhalte-Drama, im Januar 1945 in Berlin und dem eingeschlossenen Kriegshafen La Rochelle aufgeführt. "Veit", schreibt der Sohn, der bei den Dreharbeiten dabei war, "probte den Kessel. Er probte den Tod." Tausende abkommandierte Soldaten singen für diesen Film "Das Volk steht auf. . . ". Bald sollte es auf der Schnauze liegen.
Doch schneller als irgendjemand glauben konnte, sollten die Deutschen sich wieder erheben: In zwei Prozessen, angeklagt wegen "Beihilfe zur Verfolgung", wird der Regisseur freigesprochen. Ein Hamburger Richter sprach ihn frei, notiert der Sohn, der als Nazi-Sonderrichter zwanzig Todesurteile fällte: "Der Mordgehilfe blieb Richter in Deutschland." Verheiratet mit einer Ärztin, die, im Rahmen der "Euthanasie" für die Ermordung von mindestens fünfzig behinderten Kindern verantwortlich war, bekam der Mann eine ordentliche Pension. Der Harlan-Sohn hat ein unerbittliches Gedächtnis: "Heilig waren auch, unschuldig, die Kriegsverurteilten, die Mörder aus der Union der Sowjetrepubliken, die KZ-Schergen, die Buchenwalder, die Gestapo-Beamten aus den weißrussischen Kommandozentralen, die Blutrünstigen, die sich in Friedland um Adenauer scharten," weiß der Dichter aufzuzählen, so heilig wie dem Vater das Andenken an seine Werke, seine Karriere ist.
So machen die Worte Töne im Buch des Thomas Harlan und erzeugen zugleich eine Stille des Grauens, eine Schmerzensstille, aus Verlust und Verrat, aus Lüge und Trauer geboren. Kaum wahrgenommen hat das Feuilleton, dass der Sohn Waffen aus der Slowakei nach Israel geschmuggelt hatte, "wegen Dir", dem Vater. Dass er nach Frankreich floh, um nie wieder Deutsch zu sprechen, dass er vier Jahre in Polen lebte, um deutsche Kriegsverbrechen zu dokumentieren, dass man ihm daraufhin den westdeutschen Pass entzog, dass man ihn "kommunistischer Tendenzen" zieh, lange bevor er der Gruppe "Lotta Continua" angehörte, der linken, radikalen Vereinigung von italienischen Arbeitern und Studenten. Wie lächerlich klingt das Wort "Wiedergutmachung", das den Versuch die deutschen Verbrechen mit Geld zu sühnen benamst, angesichts eines solchen Lebenslaufs.
Bald bekommt das neue Deutschland ein Museum der Vertreibung. Ob sie dort auch von der Reise Erika Manns berichten, "durch Pommerland" wie Thomas Harlan erinnert, ". . . und in ihren Artikeln für britische Zeitungen die Vertreiber beklatschte, die Güterwagen beklatschte, die tollwütigen Hunde beklatschte, welche fremde Länder gequält hatten." Alles, alles erinnert der junge Harlan: Den Kiesinger, den er in der scheinbar neuen Republik als Nazi-Strippenzieher erlebt hat, die FDP jener Zeit, die ein Sammelbecken von Nazis war und eine Generalamnestie für alle NS-Vebrecher forderte, auch das Zu-Schweigen der Schuld: "Mein Vater wollte das alles nicht wissen." - Thomas Harlan starb im Oktober des letzten Jahres , kurz nach der Vollendung des Buches. Wir müssen ihn vermissen.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Sturmangriff auf den Leser 5. September 2011
Von Carl-heinrich Bock HALL OF FAME REZENSENT TOP 500 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Thomas Harlan, Sohn von Veit Harlan und der Schauspielerin Hilde Körber, hat dieses absolut bestürzte und verstörende Buch, das in sich schon so etwas wie ein Riesenbekenntnis ist, in nur wenigen Tage, Wochen vor seinem Tod in einem Lungensanatorium, geschrieben und teilweise diktierend geschrien. Es handelt von seinem Übervater Veit Harlan, dem Regisseur des nationalistischen bzw. antisemitischen Hetzfilms "Jud Süß", der seinen Sohn lebenslänglich in eine Hassliebe stürzte und ihn trotzdem im April 1964 an sein Sterbebett nach Capri beorderte.

"Veit" ist ein atemloses Abrechnungsbuch, bei dem der Sohn Thomas durchaus auch mit der Auslassung von Redeteilen die für das Verständnis entbehrlich sind, den Versuch startet mit seinem Vater ins Reine zu kommen. Drei Tage hatte er am Sterbebett seines Vaters über die gemeinsame Geschichte der Familie reflektiert. Die Vater Sohn -Beziehung ist sicher nicht allein an dem Film "Jud Süß" zerbrochen, aber dieser Film hatte wesentlichen Anteil daran. Harlan war am Drehbuch beteiligt und er führte Regie in diesem von Joseph Goebbels in Auftrag gegebenen entsetzlichen Judenhetzfilm, in dem neben Heinrich George und Hilde Körber Werner Krauß fünf verschiedene Juden spielte und damit zur Stärkung des Antisemitismus dokumentieren sollte, dass nicht der einzelne Jude das Problem ist, sondern dass das Judentum an sich die "Urwurzel alles Bösen" in sich trägt.

Thomas Harlan wanderte 1948 als neunzehnjähriger nach Paris aus, wollte nichts mehr von seinem Vater wissen, verlor im wahrsten Sinne des Wortes seine Sprache, schrieb nur noch auf Französisch, verfasste Gedichte, Theaterstücke und Drehbücher. Zu seinen preisgekrönten, wenn auch sehr umstrittenen Filmen gehörten "Verrat an Deutschland" und "Wundkanal". Nicht nur in seinen Filmen, sondern auch in seinen Büchern, insbesondere in seinem unglaublich komplexen Roman gegen die Naziverbrechen Heldenfriedhof" hat er sein Leben dem Kampf gegen die schuldvolle Uneinsicht seines Vaters gewidmet. Als sein Vater 1964 am Sterbebett ihm sinngemäß sagte, ich habe in gewisser Weise deinen lebenslangen Kampf verstanden, da kam dieses Bekenntnis eigentlich zu spät. Und trotzdem ist dieses Bekenntnis der Auslöser für dieses aufwühlende Buch, in dem er noch einmal an seinen Vater und dessen lebenslange Irrungen und Wirrnisse erinnert, um dann final in einer unsagbaren (mirabile dictu) Art und Weise die frevelhafte Schuld seines Vaters sühnevoll zu übernehmen. Thomas Harlan hat nicht nur sein ganzes Leben gegen diesen Schatten Vater gekämpft, konnte nicht ausweichen, sondern das Verhalten seines Vaters hat auch sein ganzes Leben bestimmt. Jahrzehnte lang hat er gegen das Unrecht gekämpft, hat die Antisemiten in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft gejagt, den Vater gehasst und nun kommt dieser irrwitzige Monolog, dieses mea culpa, "Ich habe Jud Süß geschrieben". Damit stellt er alles für was er ein Leben gekämpft hat in Frage. Eine direkte Widerlegung seiner Widerlegung. Es ist unangemessen, ja nahezu impertinent, denn er nimmt eine Schuld auf sich, die er gar nicht mehr auf sich nehmen kann.

Das kann man sicher kritisieren, aber dieser Akt purer Verzweiflung passt zu diesem verrückten Buch mit seinen überbordenden, opulent keimenden Satzkonstruktionen, einer Prosa wie man sie heutzutage kaum noch findet. Der Stil ist eine Mischung aus Gesang, Gedicht, Fürbitten- und Anrufungsgebet, bei dem im Fokus trotz allem, immer die Liebe zu seinem Vater erhalten bleibt. Es ist nicht nur eine Liebe Kind - Vater, sondern er betet seinen Vater förmlich wie einen Gott an. Das ist frappant, wenn auch zum Schluss in der Pflege in faktisch der Sohn der Starke ist.

Es ist ein Buch in dem sich in großer Peinlichkeit Genialität und Debilität grenzgängig begegnen, wenn man liest wie dieser 82 jährige Thomas Harlan noch auf dem eigenen Totenbett versucht als Grenzgänger zwischen Hass und Liebe, sprachlos, immer wieder nach Atem ringend mit seinem lange verstorbenen Übervater ins Reine zu kommen. Zugleich ist es natürlich in einer Weise auch faszinierend, dass ein Mensch den Mut hat so weit zu gehen, von persönlichen Gefühlen bestimmt unsachlich zum Kitsch und zur peinlichen Übertriebenheit bereit zu sein. Und dennoch hat er den Kampf verloren, weil er bis zum Schluss eigentlich in seinem wahren Verhalten ratlos bleibt. Es sind törichte Bekenntnisse und dabei macht er in seiner grenzenlosen, weinerlichen Hilflosigkeit eigentlich den Fehler, genau so zu werden wie sein Vater, fühlt sich in einer Phantasmagorie von Macht, offenbart seine Sehnsucht nach dieser Übermacht des Vaters. Eigentlich ist diese Auseinandersetzung mit dem Übervater nicht nur sinnlos, sondern sie ist peinlich weil er damit, gewollt oder ungewollt, den Tod des Vaters verherrlicht parenthetisch überhöht.

Eigentlich sprengt dieses Buch den Rahmen jeglicher Literaturkritik, weil jedwede Redebegabung da an unbekannte Grenzen stößt. Die Theaterkritikerin Barbara Villinger Heilig findet, dass dieses Buch, in dem Hass und Liebe in privaten Familienkonstellationen verquickt sind und bei denen außerdem politische Ereignisse und Umstände gespiegelt werden, den Stoff "griechischer Tragödien" hat. Iris Radisch empfand bei der Lektüre eine "Lustqual". Ich meine "Veit" gehört zu den beeindruckendsten, Atem raubenden und für mich lange Zeit nachwirkenden Leseerlebnissen, dennoch kann ich keine uneingeschränkte Leseempfehlung geben.
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