Vorab: Ich bin selbst seit 25 Jahren Vegetarierin und veganisiere gerade schleichend meine Ernährungsgewohnheiten. Ich bin also nicht kontra Veganismus eingestellt. Mit geht es rein um das Buch und folgende Punkte:
1. Ich habe mehrfach nachgesehen, weil ich es nicht glauben wollte, ob mein Exemplar wirklich die "6. aktualisierte und ergänzte Auflage" ist. Tatsache. Was mich dabei wundert, ist die falsche bzw. ambivalente Darstellung des Vitamin B12-Problems. Es ist längst anerkannt, dass die Vitamin B12-Versorgung über pflanzliche Nahrung nicht gedeckt werden kann. Auf S. 51f ist unverändert ein Kapitel zum Thema abgedruckt, das noch so gefährliche Behauptungen wie Hefextrakt (ohne Anreicherung) und fermentierte Lebensmittel wie Tempeh, Miso und Shoyu enthielten Vit. B 12. Das sind aber nur die sog. Analoga, die sich sogar gefährlich auswirken können, weil sie dem Körper - einfach formuliert - vorgaukeln, er hätte genug Vitamin B12. So was hat in einer seriösen Infoschrift zum Veganismus nichts mehr zu suchen! Nicht in einer 2008 aktualisierten Ausgabe. Es steht nach dem Kapitel ein kleingedruckter Absatz, dass es neuere Erkenntnisse gibt und B12 unbedingt supplementiert werden muss - aber warum kleingedruckt und bei vollständigem Erhalt des veralteten Textes? Und in der "Nährwertübersicht" auf S. 122 finden sich wieder unter Vit. B12 die Hefeextrakte, Tempeh, Miso. Das ist ein grober Mangel.
2. Ich habe noch keine Hülsenfrüchte auf einem Baum wachsen gesehen (S. 31).
3. Die Darstellung ab S. 39 über "Unsere natürliche Nahrung" halte ich für schlecht geschrieben, sehr vage und unbegründet in ihren Behauptungen. Schlicht. Schimpansen würden vor allem bei Stress z.B. Zurückdrängung durch die Zivilisation oder das Auftauchen von Kamerateams eine Tötungsneigung entwickeln, ist reine Phantasie. Es wird auch wie meist beim Vergleich der Ernährung Mensch - andere Primaten unterschlagen, dass diese fleissig kleines Krabbelgetier wie z.B. Termiten futtern. Die Spekulationen darüber, ob denn der Mensch in grauer Vorzeit ein keulenschwingender Blutdürstling war oder nicht - auch wieder ohne jeglichen Beleg, ohne nachvollziehbare Argumentationskette. In Fußnote 27 wird das Thema "Völker, die traditionell einen hohen Konsum von tierlichen Produkten haben" (z.B. Inuit und Massai) mit dem Hinweis auf ein Buch mit einem "interessanten Abschnitt" über deren Gesundheit abgehakt. Nicht sehr überzeugend. Einen so wichtigen Punkt, auf den jeder, der nachdenkt, in dem Zusammenhang kommt, mit einem lapidaren Hinweis auszulassen - wen soll das vom Vegansimus überzeugen? Zudem sind die negativen Auswirkungen des Fleisch- und Milchproduktekonsums, die da genannt werden, ein Problem der Überflussgesellschaft. Dass es ungesund ist, zu viel zu essen und dann mit 40 Kilo Übergewicht durch die Gegend zu japsen, ist klar. Dass Veganer eher zum Normal- bis Idealgewicht neigen, auch klar. Aber das tun sie nicht allein deswegen, weil sie auf Fleisch- und Milchprodukte verzichten, sondern insgesamt sehr aufgeklärt sind hinsichtlich gesunder, bewusster Ernährung, und sich wohl in den seltensten Fällen mit XXL-Popcorn-Portionen und 2-l-Cola-Eimern ins Kino setzen. Das hat noch nichts damit zu tun, ob Menschen von Natur aus Karnivoren oder Frugivoren sind. Da werden die Symptome der gemästeten Bevölkerung, die denaturiertes Futter (S. 44) in sich hineinstopft, zum Argument, dass man ja eh gar kein Fleisch essen solle, gemacht.
4. Who, the f..., are Andrew Tyler (S. 34) und Kathleen Jannaway (S. 85)? Tauchen die sonst noch auf im Buch? Wenn Aphorismen zitiert werden, sollte per Erläuterung auch ersichtlich sein, wer das von sich gegeben hat, wenn es nicht gerade Schweitzer oder Tolstoi waren, die auch zitiert werden und welche zu kennen man voraussetzen darf.
5. Die Kapitel "Nahrung und internationale Verflechtungen" und "Die Zukunft" sprühen vor Phantasterei und Naivität statt handfeste, richtungsweisende Entwürfe zu bieten. Für mich klingt das nach: Veganes Lieschen Müller klärt auf (wenn es nicht gerade träumt). Beispiel S. 83 f - es geht um Autarkie, (Um-)Verteilung von Argrarland: "Leider sieht es nicht so aus, als ob unser Agrarland für Umverteilungen zur Disposition stünde. Programme für Bodenreformen sind nicht Thema dieses Buches, dennoch möchte ich hier erwähnen, dass wir mit Sicherheit weit von einer Situation entfernt sind, in der jede Familie ihre eigene Parzelle besitzt und selbstversorgend lebt." (Hoi! Das musste mal gesagt werden.) Weiter: "Ich selbst befürworte dieses Modell auch nicht. Es scheint mir sinnvoller, Landwirtschaft und Gartenbau auf Gemeinde- statt auf Familienebene zu betreiben, denn nicht alle möchten den Großteil ihrer Zeit auf dem Feld verbringen." (!) "Es gibt allerdings härtere Arbeiten, und vegane Kulturen bringen - vor allem im Winter - wesentlich weniger Plackerei mit sich als Tierhaltung." (Danke für den Hinweis.) "Vielleicht findet sich das Ideal irgendwo zwischen den Zeilen von Fritz Schumachers "kantonisiertem System weitgehend autarker Kommunen", beschrieben in seinem einflussreichen Band Small is beautiful. Zuerst einmal sollten wir unsere Regierungen dazu bewegen, die regionale Autarkie anzustreben. In der Zwischenzeit können wir die Bauern durch Marktmechansimen dahingehend lenken, dass sie das produzieren, was gut für uns ist." Aha! Simpel eigentlich. Bleibt zu hoffen, dass die überregionalen Handelsbeziehungen dann wieder einsetzen, wenn die Ernte schlecht ausfällt, Landstriche veröden und die Völkerwanderung einsetzt! Und in der Zwischenzeit können wir ja auch die Nuklearwaffen, die Atommeiler, die Ausbeutung der dritten Welt, die Weltwirtschaftskrise und den ganzen anderen Schmonz bewältigen, dann wird das schon. Genau! -
Der zitierte Abschnitt ist leider kennzeichnend für weite Strecken des Buches - es werden große Fragen gestellt, Komplexe angerissen und dann mit Unwissen, leerem Geblubber behandelt. Da übernimmt sich die Autorin, über die ich dann gern etwas mehr erfahren würde ...
6. Die Verfasserin (S. 126) "besitzt ein Diplom in Ernährungsberatung (VTCT) und ist Fachfrau für Massagen und Reflexzonentherapie." Das kann heißen: Hat ein paar Wochenendseminare gemacht. Klingt mir nicht nach fundierter Ausbildung.
7. Die Autorin träumt im Kapitel "Zukunft" dann auch noch von paradiesischen Zuständen (s. 87): "Eine vegane Kulturlandschaft würde große Areale freisetzen, die sich nahezu oder ganz in Wildnis zurückverwandeln würden und in denen sich Tiere und Menschen frei bewegen könnten. Wir könnten sogar annähernd paradiesische Zustände erreichen, weil die Tiere vielleicht einen großen Teil ihrer Scheu vor uns Menschen verlieren würden." Ja, genau. Mann, das klingt nach diesem Bärenmann, der samt Freundin von Bären gefressen wurde, der meinte, man müsse zurück in die Wildnis und die rechte Gesinnung dem Bär gegenüber würde schon reichen, um in friedlicher Koexistenz zu leben. Ohne mich.
8. Kommen wir zum praktischen Teil, zu den Nahrungsempfehlungen, ein paar Beispiele:
a) "Kaffee und Tee sind auf den Export ausgerichtete Anbauprodukte (...) mit einer langen Geschichte von Unrecht und Ausbeutung, aber da sie eher Genuss- als Nahrungsmittel sind, sollen sie nicht Gegenstand dieses Buches sein (obwohl zugegebenermaßen eine Tasse Tee mit einem Schuss Sojamilch ein feines Getränk ist.) Krätertees, Weine, Fruchtsäfte und einige Biersorten sind als Getränke wesentlich bekömmlicher - nicht zu vergessen natürlich Wasser (...)." (S. 89f) - Wein, der nicht selten mit tierischem Eiweiß geklärt wird, und Bier als Ersatz für Kaffee oder Tee, die ohne Kuhmilch nun mal nicht soooo lecker schmecken. Grandios. Da freut sich die Leber (und der Arbeitgeber, wenn man morgens mit Weinfahne in die Arbeit kommt).
b) Vegane Babys: "Früher kauten die Mütter die Getreideflocken vor - eine ausgezeichnete Methode, sie für das Baby vorzubereiten, weil die Verdauung von Stärke bereits unter Einwirkung von Speichel im Mund beginnt." (S.106) - Kein Kommentar. In den Rezepten für Babys ist jeweils keinerlei Fett/Öl enthalten - schwerer Fehler.
c) Der "unglaubliche Schokoladenkuchen" wird in zwei Sandwich-Backformen gebacken (S. 116). Was ist das? - Und was ist "selbsttreibendes Mehl", das immer wieder auftaucht?
d) Ich habe keine Ahnung, was "Hack mit Blubber und Quietsch" sein soll - auch nicht nach der Beschreibung (S. 95).
9. Aufmachung: Vorne Johannisbeeren drauf - da zieht es einem alles zusammen. Für die meisten Menschen kein Hinlanger. Innen Hundepfötchen, Hand - und Fußabdrücke ... Warum? Wenn Deko, dann passen bei dem Thema eher Zeichen aus der Welt der Nutztierhaltung. Es geht hier doch in erster Linie um das Leid der Rinder, Schweine, des Geflügels. Zudem ist das Layout eher auf "Strecken" angelegt - Zitate aus dem Text werden großräumig wiederholt, so dass von den 144 Seiten Buch abzüglich Werbung, Infos zu Adressen, Literatur, dürftigen Rezepten und Nahrungsmittelübersichten wenig eigentlicher Text bleibt. Aber da der ja eher zu wünschen übrig lässt, wollen wir nicht auf mehr davon beharren nach dem Motto: "Das Essen war echt mies - und dann auch noch so kleine Portionen!"
Okay, das reicht.
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