William Beckfords 1786 erschienener Roman "Vathek, an Arabian Tale" zählt zu den frühsten Werken im Genre der Gothic Novel. Aber nicht nur zu den frühsten, sondern auch zu den gewagten. Die Eigenart der ersten Schauerromane ist es, dass sie in der Regel an exotischen Orten spielen, die in einer entfernten Vergangenheit liegen. Man denke etwa an Horace Walpole's "Castle of Otranto" oder Ann Radcliff's "The Mysteries of Udolpho". Und so lässt auch Beckford die orientalische Geschichte um den Kaliphen Vathek im Stile der "Märchen von Tausendundeiner Nacht" in einer imaginären, exotischen Vergangenheit spielen.
Vathek ist Herrscher über den Palast der fünf Sinne, wo jeder Sinnesdurst Erfüllung finden kann. In dieser exotisch-sinnlichen Welt der erotischen, lukullischen, musischen und vielen weiteren Genüsse, gibt es scheinbar keine Grenzen. Bis eines Tages ein mysteriöser Fremdling Vatheks Sinnsuche nach dem Ursprung aller Dinge anstachelt. Nach diversen Opfergaben, mit denen Vathek - von Sehnsüchten und Wissensdurst getrieben - die Gunst des Wesens immer zu beschwichtigen sucht, begibt sich der Kaliph schließlich auf eine Pilgerreise. Ziel: der Palast von Eblis, jener Ort, an dem Vathek auf die einzig wahre Stillung all seiner Leidenschaften hofft. Mit kompromissloser Grausamkeit bahnt sich Vathek seinen Weg dorthin.
Als Vathek und Nouroninhar, seiner jugendlichen Geliebten, die Pforte zum Palast aufgetan wird, mischt sich die üppigste und prächtigste Ausstattung mit extremsten Qualen und Schmerzen der Bewohner. Erst jetzt beginnen Vathek und Nouroninhar zu begreifen, an welchem Ort sie wirklich angelangt sind: in der Hölle.
"Vathek" ist ein beachtliches Stück Literatur, das man keinesfalls unterschätzen sollte. Der kurzweilig anmutende Roman entführt - oder besser: verführt - den Leser in eine farbenprächtige Welt der Gegensätze. Schönes und Hässliches, Helles und Dunkles, Erhabenes und Grässliches liegen hier Seite an Seite, vermischen sich, bedingen einander. Beckford spielt mit diesen Gegensätzen und komponiert sie aus. Trotz großem Überfluss ist Durst ein Leitmotiv des Romans. Wer es philosophisch mag, der kann hier ein Spiel zwischen sokratischer und epikuräischer Philosophie entdecken. Ein Leben gemäß den Prinzipien der Sittsamkeit oder denen der Lust. Und Vathek, der die Wahl zwischen beiden Möglichkeiten hat, erliegt seiner Schwachheit. Er macht sich auf eine Pilgerfahrt, die, von zahlreichen Abenteuern begleitet, schließlich in der Hölle endet.
Der Legende nach will William Beckford "Vathek" innerhalb von 3 Tagen und zwei Nächten geschrieben - im Anschluss an eine wilde Weihnachtsorgie. Das Original wurde übrigens in französischer Sprache niedergeschrieben. Der Stoff inspirierte insbesondere Byron und viele weitere Künstler. Beckford selbst musste sich Zeit seines Lebens um eines niemals sorgen: Geld. Denn das hatte er im Überfluss. Eine psychobiografische Deutung von "Vathek" drängt sich auf. Die Frage, was einer mit all dem Geld macht, beantwortete Beckford seiner Zeit auch für jedermann sichtbar: Sein Anwesen "Fonthill Abbey" erhielt einen gigantischen gotischen Turm und wurde selbst zu einem Palast der Sinne, bis das Gebäude schließlich einstürzte. Den Architekten dieser Lust verschonte es, so dass dieser bald "Lansdowne Hill" errichtete. Es ging das Gerücht, dass hier Ausschweifungen aller Art begangen würden, im berühmt-berüchtigten "Lansdowne Tower".
Was William Beckford hinterlassen hat, ist ein opulentes Feuerwerk der Farben und der Sinnlichkeit, dessen Anti-Held mehr und mehr in die Einsamkeit gerät. Nachhegeben hat er immer wieder den dunklen Wünschen, dem Lustprinzip, den Trieben. "Die Gier des Menschen" könnte unter diesem Roman stehen, der sich unter den gothic novels als ungewöhnlich herausnimmt - und deswegen durchaus wertvoll ist.