Schnurres Vater und Sohn Geschichten werden in diversen Rezensionen als "Pflichtkauf" einer jeden Büchersammlung angepriesen. Nach dem Lesen des ersten Bandes kann ich mich der Aussage nur anschließen:
Ähnlich wie Erich Kästner verfügt Schnurre über einen locker-amüsanten Schreibstil, der sich jedoch zugleich auch ernsteren Aspekten nicht verschließt. Mit einem Wort ausgedrückt, ist die Sprache einfach "herzerwärmend" authentisch und ganz nah am damaligen Gesellschafts- und Zeitbild.
Das Buch beinhaltet mehrere Vater und Sohn-Geschichten, die allesamt in den dreißiger Jahren in Berlin und Umgebung spielen. Inhaltlich möchte ich nicht zu viel verraten, jedoch etwas detaillierter auf die Charaktere eingehen.
Der Vater ist wohltuend sozial eingestellt, hilft wo er kann und hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Diese Charakteristiken werden umso erstaunlicher, wenn man in den Geschichten nebenbei erfährt, dass der Vater in Folge der Weltwirtschaftskrise arbeitslos ist und kaum Geld für Nahrung oder Kleidung besitzt. Trotz dieser widrigen Umstände, hinzu kommt die Naziherrschaft, weicht er nie von seinen menschlichen Prinzipien ab.
Der Sohn lebt mit seinem Vater unter oben genannten Umständen allein, eine Mutter wird nie erwähnt. Jedoch hat der Vater mit der aktiven Kommunistin Frieda eine neue Freundin, die ein weiteren Aspekt in die Geschichten mit einbringt: die Politik.
So behandeln viele der Kurzgeschichten mehr oder weniger intensiv die damaligen politischen Umstände. Ausgehend von der Weltwirtschaftskrise über die Notverordnungen der Weimarer Republik bis zur "Machtergreifung" der Nationalsozialisten und deren Erhalt bis kurz vor den Zweiten Weltkrieg begleitet der Leser die beiden Protagonisten, die auch unter den widrigsten Umständen nie ihre Menschlichkeit und soziale Einstellung verlieren.
Ein definitiver Kauftipp: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich seit Kästner wieder so herzliche Geschichten gelesen habe.