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Vaterflucht
 
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Vaterflucht [Taschenbuch]

Carmen-Francesca Banciu


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Carmen-Francesca Banciu
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Unter dem Glaskugelblick

Carmen-Francesca Bancius Roman «Vaterflucht»

Der Roman trägt den Titel «Vaterflucht» und beginnt auf einem rumänischen Bahnhof – mit einer Rückkehr. Der erste Satz heisst: «Mein Vater ist ein kleiner, alter Mann mit Glaskugeln in den Augenhöhlen.» Der zweite spricht von einem Wiedersehen, und da weiss man schon, dass dies ein Wiedersehen mit kaltem Blick, ein Wiedererkennen auf sichere Distanz ist.

Sieben Jahre sind vergangen, die magischen sieben Jahre, die in Märchen und Mythen immer vergehen, bis ein Ziel erreicht, eine Liebe möglich, ein Zauberbann gelöst wird. Sieben Jahre war die Tochter in der Fremde, wie es im Märchen heissen würde. Im Roman war sie im Westen, und der Vater glaubt nicht an den Westen. «Mein Vater glaubt an die Zukunft. Mein Vater lebt in Rumänien und glaubt an die Zukunft des Sozialismus.» Immer noch. Und auch an dem Bann der gefühllosen Augen hat sich anscheinend nichts geändert. Später im Verlauf des Romans wird die Distanz zwischen Vater und Tochter einmal metaphorisch beschrieben: das Kind sitzt auf dem Schlitten, der Vater zieht, zieht das Kind in seine Richtung – zu sich her, hinter sich her –, und der Abstand bleibt immer der gleiche.

Rumänische Kindheit

Der Roman der Rumänin Carmen-Francesca Banciu ist ein stark autobiographisch geprägtes Buch. Seit 1991 lebt die Autorin in Berlin, und ihr Rückblick auf die rumänische Kindheit und damit auch auf die rumänische Geschichte der sechziger und siebziger Jahre geschieht also aus sicherer räumlicher und sprachlicher Distanz. Man kann an diesem Buch verschiedene Leseweisen ausprobieren: man kann es lesen wie einen Lebensroman, einen stark autobiographisch geprägten, der die Verletzungen und Traumatisierungen seiner Erzählerin – zugefügt von den Eltern, den Lehrern und schliesslich der Geheimpolizei – zur Sprache bringt im wahrsten Sinn des Wortes. Denn diese Erinnerungen an eine angestrengte Jugend unter dem Glaskugelblick des Vaters und den Forderungen der Mutter werden in einer Sprache reflektiert, die das Stockende, den Bruch, den Widerspruch zum Mitteilungsprinzip macht.

Man kennt diese Knappheit schon aus Bancius früheren Erzählungen: die klug verkürzten Sarkasmen, die überraschenden Wendungen vom Erzählerischen ins Kommentierende auf engstem Raum; die vorzeitig abgebrochenen Sätze, die nach einem abrupten Punkt plötzlich ins Widersprüchliche hinein verlängert werden. Oft diente diese Manier zur Blossstellung einer nur propagandistisch existierenden Wirklichkeit. «Das Wetter am Schwarzen Meer, erfuhr sie, sei gut. Und werde täglich verbessert.» Diese Sätze aus der frühen Erzählung «Das Abenteuer» prägen sich ein als grundlegender Aphorismus zum Thema Propaganda.

In «Vaterflucht» nun, dem ersten Buch, das Carmen-Francesca Banciu auf deutsch geschrieben hat, ist diese Methode stark verfeinert, zugespitzt wie ein Instrument, das in den alten Wunden stochert. So dass man beim Lesen manchmal denkt: Das muss weh tun, so was zu schreiben. Das Lesen allerdings ist schmerzlos. Die Gefühle sind ganz auf seiten der Autorin und zu perfekt umrissen, um sich weiter auszubreiten. Man begreift: Sie schreibt sich hier etwas von der Seele, und dafür gibt es den wenig schmeichelhaften Begriff der Selbstverständigungsliteratur, der Verarbeitungsliteratur. Da sind die Eltern, die das Kind nicht lieben konnten, sondern nur eine Art Projekt mit ihm vorhatten, ein politisches, ein parteilinientreues Projekt. Da war Leistung gefragt, Disziplin, Selbstbeherrschung, Gehorsam. Nichts zu lachen war in einer solchen Kindheit, das wiegt schwer.

Die ausgespuckte Bitterkeit, die ätzende Charakterisierung mancher Figuren, der Eltern vor allem, die manchmal schlichte Selbstanalyse sind aber nur eine Seite dieses Romans, und man täte dem Buch unrecht, wollte man es unter einzig diesem Aspekt betrachten.

Eine andere, eine zeitdokumentarische Leseweise betrifft den politischen und historischen Kontext dieser Kindheit. Das Auf und Ab der rumänisch-sowjetischen Beziehungen im Verhältnis zum Aufflammen des Nationalstolzes; die ethnischen Animositäten gegenüber Deutschen und Ungarn; die Stimmung im Sommer 1968, als Rumänien dem Prager Frühling die Treue hielt: all dies, in seiner oft schwer zu vermittelnden Komplexität, bringt Carmen-Francesca Banciu in ihren zielsicheren Stolpersätzen unter, die mehr sagen als langwierige Befindlichkeitsanalysen: «Immer wollten die Russen irgendwas von uns. Sie wollten uns. Sie wollten. Dass es uns nicht mehr gibt.»

Zeitdokument

Die exemplarische Funktionärsfamilie fährt sämtliche Kurven und Schleifen der Parteilinie getreulich nach. Vielleicht wäre Rumänien mit einmarschiert in die Tschechoslowakei, wäre der Vater Dissident geworden. Der Vater wird aber Bürgermeister, bleibt weiterhin ein Eiferer für die Sache, ein unheimlicher Idealist.

Ein Privatleben findet nicht statt: getrauert wird, wenn der Präsident stirbt, und gefeiert, wenn die nationale Agenda dies vorsieht. Lebensabschnitte sind durch die Meilensteine und die Etappen der rumänischen Nachkriegsgeschichte markiert. So sind das Öffentliche und das Private in diesem Roman auf eine Art ineinander verschränkt, dass man den Titel mit der Zeit immer mehr als verdichtete Assoziationskette versteht: Vater / Partei / Vaterland / Rebellion / Verrat. Man kennt diese Folge, man kennt sie aus vielen Biographien Intellektueller, und nicht nur osteuropäischer. Und schliesslich die Flucht, als Konsequenz aus dem Verrat, dem Verrat der anderen wohlgemerkt, der Denunziationen, der Spitzelberichte, der Marginalisierung. Carmen-Francesca Banciu hat sich in ein anderes Land und in eine andere Sprache begeben. Geschadet hat das ihrer Ausdrucksfähigkeit nicht. Allerdings hätte man sich doch ein behutsames und aufmerksames Schlusslektorat gewünscht, um die eine oder andere sprachliche, nun ja, Ungewöhnlichkeit aufzufangen; ganz abgesehen von den vielen unübersetzt gebliebenen rumänischen Wendungen, deren Bedeutung man sich durchaus nicht immer zusammenreimen kann.

Katharina Döbler

Kurzbeschreibung

Lange hat sie ihm geglaubt, dem Vater. Und irgendwann gewußt: Was er ihr einträufelte, war kein heil(s)bringendes Elixier, sondern ein Gebräu aus süßlichen Lebenslügen, falscher Loyalität und verbogenem Gerechtigkeitsgefühl. Das Brennen spürt sie auch jetzt, da sie im Zug ihrer alten Heimat entgegenrollt: Wird sie ihrem Vater - und wird er ihr verzeihen können? Mit -kratzbürstiger, unerbittlicher Kraft- erzählt Carmen-Francesca Banciu von ihrer Kindheit und Jugend in Rumänien, eine aufwühlende Geschichte vom Zusammenprall der Generationen.

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