In "Der Vater eines Mörders" blickt der Autor Alfred Andersch auf das Ende seiner eigenen Schullaufbahn zurück und lässt an seiner Stelle den Schüler Kien nocheinmal eine Griechisch-Stunde im Jahre 1928 durchleben. So banal dieses Erlebnis auf den ersten Blick auch scheinen mag, so wird es doch durch das Auftreten seines Rektors in dieser einen Schulstunde mit einer großen Brisanz gefüllt. Wer ist dieser Mann? Weshalb ist er von so großer Bedeutung? Der Rektor ist niemand geringerer als ein Herr Himmler, seines Zeichens Vater des Reichsführer-SS Heinrich Himmler.
Trotz dieses Wissens erscheint der Verlauf der Stunde auf den ersten Blick nicht allzu außergewöhnlich: Rektor Himmler prüft unangemeldet Schüler auf ihre Kenntnisse der griechischen Grammatik hin. Streng und mit herrischem Gebahren weist er dabei seine Schüler und ihren Lehrer zu recht, ja wirft schließlich sogar einen besonders vorlauten Schüler von der Schule. Die Grundmotivation die Himmler dabei an den Tag legt, scheint aber zunächst recht humanistisch. Es wird sogar erwähnt, dass er bewusst jegliche politischen Symbole als den Unterricht störend deklariert und aus den Klassenräumen verbannt hat. Was jedoch als Strenge beginnt, schlägt alsbald in puren Sadismus um, in die Freude an der Demütigung und Bloßstellung der Schüler vor der Klasse. Letztlich ruft er den Schüler Kien an die Tafel, quält diesen mit pedantischen Aufgaben, wohl wissend, dass dieser sie nicht zu lösen vermag, nur um ihn dann unter dem noch demütigeren Hinweis auf sein armes Elternhaus von der Schule zu verweisen.
Drei Facetten des Buches tragen dabei entscheidend zur Güte des Gesamtswerkes bei.
Zum einen ist dies die gekonnte Sprachverwendung Anderschs, die vor dem Auge des Lesers ein erschreckend plastisches Bild dieser einen besonderen Stunde zeichnet. Die Liebe zum Detail, die Andersch dabei an den Tag legt, reicht sogar so weit, dass er bewußt orthographische Fehler in den Text einbaut, um so den Eindruck zu verstärken, das Buch sei ein vom Schüler Kien geschriebener Aufsatz.
Die zweite Facette ist die wirklich gelungene Rekonstruktion des damaligen Schulalltags, der weit entfernt war von modernen pädagogischen Idealen. Stattdessen, so macht Andersch eindrücklich deutlich, herrschte ein streng hierachisches Klima in den Klassenzimmern, ja fast schon eine Verpflichtung der Schüler zur Unterwerfung unter den als absolut geltenden Willen des Lehrers.
Als finale hervorzuhebende Seite des Buches ist, wie könnte es anders sein, das Psychogramm des Rektors Himmler nicht zu vergessen. Mit beeindruckend begrenzten Mitteln (nämlich im Zeitraum nur einer Stunde und mit dem Sprachgebrauch eines Jugendlichen) schafft es der Autor dieses so auszugestalten, dass am Ende der Lektüre der Charakter Heinrich Himmlers zumindest etwas weniger verworren erscheint: Der Vater säte mit seiner Pedanterie, seiner Mitleidslosigkeit und seinem Sadismus das ein, aus dem später der Mörder von Millionen erwachsen sollte. Dass Anderschs, obwohl er wichtige Denkanstöße gibt, in der Kürze des Buches keine komplette Erklärung für die "Bestie Himmler" geben kann, versteht sich fast schon von selber.
Was Anderschs mit dieser Schulnovelle liefert, ist ein exellent geschriebenes Psychogramm des Vaters eines Mörders. Ein in jeder Hinsicht lesenswertes Buch!