Pressestimmen
Susanne Reith-Franz, Marja Niklander, Leo Lensing (unikon, 04/08)
Christian Beuker (vaeter-netz.de, 10.04.2008)
Kurzbeschreibung
Klappentext
Die veränderten Erwartungen an heutige Väter und wie diese damit klarkommen, stehen im Zentrum weiterer Beiträge: - zur Stärkung der Kompetenzen der Väter im Alltag, - zur konkreten Unterstützung von Hilfe bedürfenden Vätern.
Entstanden ist ein kompetentes Buch für Tätige in den Bereichen Psychotherapie, Beratung und Sozialprävention sowie für Männer und Frauen, welche die egalitären Rollen von Müttern und Vätern ernst nehmen.
Die Autorinnen und Autoren: Andreas Borter, Ursula Bück, Peter Bünder, Margret Bürgisser, Bettina Egger-Honegger, Wilhelm Felder, Jürgen Grieser, Regula Maag, Christoph Popp, Eva Rass, Hans-Werner Reinfried, Eberhard Schäfer, Annegret Sirringhaus-Bünder, Heinz Walter
Über den Autor
Auszug aus Vater, wer bist du? Auf der Suche nach dem "hinreichend guten" Vater (Leben Lernen 211) von Heinz Walter. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wenn ein Sohn kurz nach seiner Geburt den Vater durch plötzlichen Tod verliert, wie dies in der nachfolgenden Kasuistik dargestellt werden wird, stellt sich aus psychoanalytischer Sicht die Frage nach der Bedeutung des fehlenden Vaters für die unbewusste Dynamik in der psychischen Struktur des erwachsenen jungen Mannes. Der junge Mann erkrankte in einer erstaunlichen biografischen Koinzidenz an lebensbedrohlichen akuten Magenblutungen im Zusammenhang mit der Geburt seines ersten (erwünschten) Sohnes. Es stellt sich daher die weitere Frage, inwiefern die Bewältigung der Schwellensituation »Vaterschaft« für diesen jungen Mann aufgrund der spezifischen psychischen Strukturbildung besonderen unbewussten Belastungen unterlag. Vor dem Hintergrund von D.W. Winnicotts Verständnis seelischer Entwicklung wird im Folgenden die Situation von Herrn S., die zur Behandlung führte, dargestellt und dabei das Augenmerk auf die unbewusste Psychodynamik gerichtet, die auf der Schwelle zur Vaterschaft aktualisiert wurde.
Das äußerlich Sichtbare und das Schicksal der primären Angewiesenheit
In der Vorbereitung dieser Arbeit ist mir der folgende Satz eingefallen, der von Paul Klee stammen soll: »Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.« Dieser Gedanke in seiner nur scheinbaren Widersprüchlichkeit trifft nach meinem Empfinden den Kern der Psychoanalyse und ihrer klinischen Anwendungskunst, der analytischen Psychotherapie. Das Verbindende zwischen so verstandener Kunst und der Betrachtung psychischer Vorgänge sehe ich dabei in der Anerkennung des Unbewussten als eines immer wirksamen seelischen Stroms, der sichtbare äußere Formen in einen für den Betrachter ungewohnten und daher neuen Bedeutungszusammenhang bringen mag. Bezogen auf die psychoanalytische Theorie und Praxis liegt es auf der Hand, dass - vor dem Hintergrund eines Krankheitsverständnisses, das die Symptomatik als unbewussten Selbstheilungsversuch versteht - Psychoanalytiker die Frage nach den Entstehungsbedingungen von seelischen und psychosomatischen Erkrankungen nicht im Sinne einer direkt von »außen « nach »innen« schädigenden Kausalkette beantworten können. Allgemeines menschliches Interesse, Zeit, professionelle Empathie im Verbund mit theoretischen Grundlagen und klinischer Erfahrung bilden die Zugangsvoraussetzungen zu der inneren Welt des Patienten. In der Begegnung und im Austausch mit dem Psychoanalytiker wird der Patient diese innere Welt als subjektiv empfundene Wahrheit allmählich erleben, »entschlüsseln« und symbolisieren.
Im Diskurs mit verwandten wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit der Entwicklung des Menschen und ihren Störungen befassen, aber auch im Diskurs mit der somatischen Medizin steht die klinisch-psychoanalytische Forschung somit vor der Aufgabe, ihre tiefenhermeneutische Sichtweise der Wirkung unbewusster Prozesse in der menschlichen Entwicklung und in den Entstehungsbedingungen von Krankheit zu vertreten und sich in einer Sprache auszudrücken, die den Austausch über den Verständigungsgraben hinweg ermöglicht.
In der wechselseitigen Beziehung von »Außen« und »Innen« geht psychoanalytisches Verständnis menschlicher Entwicklung, insbesondere dasjenige der Selbstpsychologie und der Objektbeziehungstheorien, von der unbewussten umwandelnden Verinnerlichung von Selbstobjekterfahrungen beziehungsweise der Introjektion von Objektbeziehungserfahrungen in das wachsende kindliche Selbst aus. Mit dem Begriff »Objekt« ist hier das »Nicht-Selbst« gemeint, also die für das kindliche Selbst entwicklungsrelevante psychische Bedeutung des wichtigen Anderen. Wenn dabei von realen Menschen gesprochen wird, verwende ich den Ausdruck »äußere Objekte«. Dieses tiefenhermeneutische Denken wurde aus der klinischen Arbeit mit Menschen entwickelt, die ihr partiell unbewusst gewordenes Gewordensein in der sogenannten Übertragung zum Psychoanalytiker wiederholen und dadurch emotional verstehen lernen. Was sich in der psychoanalytischen Situation in Abhängigkeit von der Regressionstiefe an Vater- und Mutterintrojekten entfaltet, ist aber im Dienste der Beziehungsregulierung zu den bedeutsamen Menschen über unbewusste Abwehrformatione im Verlauf der seelischen Entwicklung so vielfältig verfremdet, verwoben, vereinseitigt oder verwischt worden, dass eine unmittelbare Zuordnung zur Rolle des realen historischen Vaters oder der Mutter nicht möglich ist. Das Kind erlebt den Vater durch die Mutter und die Mutter durch den Vater und ihre Beziehung oder Nicht-Beziehung als Ganzes in Abhängigkeit von den tagtäglichen Interaktionen. Der reale historische Vater entspricht so verstanden niemals in einem Eins-zu-eins-Verhältnis dem auf einem bestimmten Regressionsniveau aufgefundenen Vaterintrojekt (am ehesten noch bei schwerwiegenden Traumatisierungen durch die Primärobjekte); und dennoch knüpft das Vaterintrojekt an den historischen Vater an und kann über die ehemals makro- oder mikrotraumatisierenden, abgewehrten Beziehungserfahrungen verstanden werden. In solchem Zusammenhang wird als Beispiel das scheinbare Paradox verständlicher, warum psychisch oder physisch überwiegend abwesende Väter vom Kind heftig idealisiert werden können, während es das Gute, das in der Nähe liegen mag, kaum zu beachten scheint. Mit der Idealisierung als Abwehrform schützt sich das Kind unbewusst vor schmerzlichen oder aggressiven Gefühlen, die in seinem Erleben die Beziehung zu dem Menschen, den es braucht, zu sehr gefährden. Die Idealisierung macht es aber auch verletzbarer in Bezug auf Enttäuschungen, sodass der Vater oder die Mutter, die sich in der Pubertät oder Adoleszenz des Kindes plötzlich verstärkt engagieren, auf brüchigem Boden stehen können. Verinnerlichte Objektbeziehungserfahrungen und ihre Abwehrformationen bestimmen aus der Sicht der Objektbeziehungstheorie die psychische Struktur des Menschen. Konflikte mit den wichtigen Menschen der eigenen Geschichte sind so gesehen normal und kommen immer vor. Sie prägen über den Weg der Verinnerlichung unbewusst und vorbewusst die seelische Struktur; dies allerdings in Abhängigkeit von der Heftigkeit, mit der sie anfallen und vom überforderten kindlichen Selbst zum Schutz der lebenswichtigen Beziehungen irgendwie verarbeitet werden müssen.
Verständigungsprobleme zwischen »Außen« und »Innen« ergeben sich nicht nur zwischen der Psychoanalyse und verwandten Disziplinen, sondern auch innerhalb der psychoanalytischen Forschung selbst. Am Beispiel der modernen Säuglingsforschung (Stern, 1985) und ihren Implikationen für die psychoanalytische Klinik und Entwicklungspsychologie wird dies besonders deutlich. In den letzten zwei Jahrzehnten erschienen die ersten Ergebnisse der modernen Säuglingsforschung von Stern und ihrer Übersetzung und Rezeption für den deutschen Sprachraum durch Dornes (1993). Stern (1985, S. 9) erwähnt als Psychoanalytiker seine Unzufriedenheit mit dem klinisch damals vorherrschenden älteren Symbiosekonzept Margaret S. Mahlers als Motor und Ausgangspunkt für seine empirischen Untersuchungen. Ebenso beklagt er die unbefriedigende Aufgabe einer »Rekonstruktion des Säuglings« bei Patienten mit frühen Störungen allein aus der klinischen analytischen Situation (Übertragung). Die Frage »wie es damals wirklich war« (Dornes, 1993, S. 15), die Frage also nach der sogenannten historischen Wahrheit, inspirierte Stern über die Direktbeobachtung von Säuglingen und die empirische Untersuchung der frühen Mutter/Eltern-Kind-Beziehung die frühesten Phasen der postnatalen Entwicklung zu erforschen; einerseits um eine Lücke in der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie zu schließen, andererseits um in der klinischen Situation präsymbolische Übertragungsmodi besser zu verstehen. [...]