Sie sind ein echter Klassiker: Obwohl sie weit über 60 Jahre alt sind, kennt die drolligen Bildergeschichten von "Vater und Sohn" noch heute jedes Schulkind. Für Liebhaber der so genannten "Stehenden Figuren", einer Ur-Form des Comics, gibt es jetzt anlässlich Erich Ohsers 100. Geburtstags am 18. März 2003 eine Gesamtausgabe der insgesamt 157 Geschichten, die im wöchentlichen Turnus zwischen Dezember 1934 und Dezember 1937 in der "Berliner Illustrirten"" (das fehlende "e" war ihr Markenzeichen) erschienen.
So beliebt sie auch sind - so unbekannt ist die Entstehungsgeschichte der bebilderten Kurzgeschichten. Dabei haben die humorvoll-charmanten Episoden mit Titeln wie "Aus - der Traum!", "Der Schul-Schwänzer" oder "Erziehung... aber etwas spät" einen weitaus bewegteren Hintergrund als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Verknüpft ist dieser insbesondere mit ihrem Zeichner Erich Ohser: Einst Karikaturist für das sozialdemokratische Parteiorgan "Vorwärts", wurde Erich Ohser im Jahr 1934 von den nationalsozialistischen Machthabern das Berufsverbot erteilt. Dennoch nahm er an einem Wettbewerb der "Berliner Illustrirten" teil und überzeugte die Jury mit seinem zeichnerischen Können. Auch Reichspropagandaminister Joseph Goebbels konnte mit den humorvollen Geschichten ein Schmunzeln abgerungen werden, weshalb er Erich Ohser trotz Berufsverbot erlaubte, "unpolitische Arbeiten" unter einem Pseudonym - für das Erich Ohser die Anfangsbuchstaben seines Namens und seinen Geburtsort wählte - zu veröffentlichen.
Von all jenen aufregenden Begebenheiten dieser Zeit erzählt auch das mit sieben Seiten leider recht kurze, aber dennoch prägnante Vorwort von Hans Joachim Neyer vom "Wilhelm-Busch-Museum" in Hannover. Hierin ist auch die Information zu finden, dass die Bildergeschichten trotz ihrer gänzlich unpolitischen Ausrichtung für nationalsozialistische Propaganda eingesetzt wurden. So schreibt Hans Joachim Neyer: "Die NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude propagierte ihr Familienförderprogramm mit einer Vater und Sohn-Klapperstorchgeschichte. Und das Winterhilfswerk warb mit dem gezeichneten Paar wie mit dem Zeichner und seinem Sohn auf der Straße, wo sie mit ihren Sammelbüchsen klappern gehen mussten. Die Spender erhielten ein Vater und Sohn-Abzeichen, das bei den Sammlern ebenso begehrt war wie die Max und Moritz-Figuren, die bei ähnlichen Einsätzen verteilt wurden". Spannend ist auch der Hinweis darauf, dass "Vater und Sohn" dem ansonsten so vehement propagierten Riefenstahlschen Schönheitsideal zwar durchaus widersprachen, dennoch war man sich auch von offizieller Seite sicher, das Geschichten wie "Der Kugelstoßer als Olympiagast" durchaus der Ideologie nutzen konnten: Die Geschichten, so Hans Joachim Neyer, "entlasteten den normalen Leser, der die staatlich propagierte Körpernorm niemals erreichen würde".
Fundierte Rahmeninformationen und die hochwertig gestaltete Schmuckausgabe aller Geschichten machen "Vater und Sohn" zu einem wertvollen Buch für Liebhaber und echte Fans!