So präsentiert sich dieses Buch, dessen Titel zwar auch die obligate Reitermaske ziert, das sich inhaltlich aber deutlich von der Vielzahl der zu diesem Thema erschienenen Bücher abhebt. Bestehend aus einer Sammlung von Einzelartikeln, ist es zugleich der offizielle Katalog für die am 16. Mai beginnende große Dreifach-Ausstellung zum 2000-jährigen Jubiläum der Varusschlacht. Von daher mussten die Herausgeber einen nicht immer leichten Spagat bewältigen: Wissenschaftliche Korrektheit einerseits, auf Breitenwirkung ausgerichtete Aufmachung andererseits. Diese Gratwanderung ist insgesamt ausgezeichnet gelungen. Manchmal treibt die wissenschaftliche Vorsicht zwar seltsame Blüten: So wird in mehreren Beiträgen Kalkriese als der Ort der Varusschlacht identifiziert, doch teilweise in der gezierten Umschreibung als "ausgedehntes militärisches Ereignis der spätaugustäischen Zeit". Dafür ist die grafische Aufmachung sehr suggestiv und kompensiert die manchmal etwas wissenschaftlich-nüchternen Texte.
Wie eingangs angedeutet, hält sich das Buch strikt an die Faktenlage. Von daher verzichtet es völlig auf eine Auswertung der antiken Textquellen, um den dramatischen Schlachtverlauf zu rekonstruieren. An Hand von Bildwerken wird zuerst das Germanenbild der Römer skizziert, das stark durch Cäsars politisch motiviertes Bedrohungsszenarium geprägt war, das wiederum seine gallischen Eroberungen rechtfertigen sollte. Anschließend folgt eine archäologische Bestandsaufnahme germanischer Siedlungsreste, die Aussagen über Bevölkerungsdichte und Sozialstruktur der Gegner (aber teilweise, wie die Friesen, auch Verbündete!) Roms gestatten.
Doch der bei weitem interessanteste Teil beginnt etwa ab dem zweiten Drittel, wenn zuerst die Vorgeschichte der Kalkriese-Entdeckungen dargestellt wird: Bereits 1789 (!) vermutete man dort gefundene Münzen als vom Varus-Heer stammend, ein Jahrhundert später lokalisierte Mommsen in Kalkriese den Ort der Schlacht und seit 1987 mehren sich die Funde, welche diese These untermauern. Insgesamt rund 5000 Objekte wurden bislang auf einer Fläche von rund 30 Quadratkilometern geborgen. Ein gutes Drittel davon bilden die auf die Zeit bis 9. n. Chr. datierbaren Münzen, der Rest besteht aus relativ unscheinbaren (Militär)Objekten, deren Art, teilweise Beschädigung und Lage jedoch spannende Schlussfolgerungen über den Hergang der Schlacht und die nachfolgende Plünderung gestatten. Hier erschließt die noch junge Disziplin der "Schlachtfeldarchäologie" Neuland, denn Kalkriese ist das erste, mit modernsten Methoden untersuchte Schlachtfeld der Antike. Menschlich fassbar wird die damalige Tragödie durch die Entdeckung von bislang acht Gruben, gefüllt mit wild zusammen geworfenen Menschenknochen. Ihrem Verwitterungszustand zufolge müssen diese einige Jahre an der Oberfläche gelegen haben, bevor sie eingesammelt und beerdigt wurden - ganz wie es Tacitus für die Expedition des Germanicus 15 n.Chr. beschreibt! Einige Fälle, in denen Handknochen noch im Verbund lagen, scheinen dem zuerst zu widersprechen. Doch die logische Erklärung ist umso bedrückender: Es dürfte sich um Verwundete gehandelt haben, deren Hände mit festen Binden umwickelt waren, und die von ihren Kameraden so lange beschützt und mitgeführt wurden, bis alle in dem allgemeinen Zusammenbruch niedergehauen wurden.
Die Varus-Niederlage bedeutete das Aus selbst für große Militärlager wie Haltern oder im entstehen befindliche Städte wie Waldgirmes, beendete also die Phase der friedlichen Durchdringung der "großgermanischen" Provinzen - auch wenn dies machtpolitisch erst 16n. Chr. wirksam wurde, als Tiberius das Elbgrenzenprojekt als nicht lohnend aufgab.
Den Folgen der Schlacht - bis hin zu der deutschen Vereinnahmung des als "Hermann" eingedeutschten Arminius (der vermutlich, wie seine Verwandten, ein Seg/Sig- im Namen führte - Siegfried lässt grüßen!) ist der dritte Teil des Buches gewidmet. Zahlreiche Abbildungen incl. Filmfotos geben Aufschlüsse über das geistige Umfeld ihrer Entstehung, haben mit der eigentlichen Schlacht aber kaum mehr etwas zu tun. Doch auch sie runden in ihrer gelegentlichen Absurdität das insgesamt sehr empfehlenswerte Buch sinnvoll ab. Wer sich für das Thema Varusschlacht interessiert, sollte es sich unbedingt zulegen - auch wegen des günstigen Preises.