Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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36 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Weltgeschichtlich bedeutendes Fiasko, 20. Juli 2009
"Aber ich bin nicht so einfältig, den Ehrgeiz zu unterschätzen, der diesen Arminius antreibt, und den Stolz, der in ihm brennt".
(Publius Quinctilius Varus; Seite 36)
Das Cover, des im Oktober 2008 in seiner Erstauflage erschienenen Romans, zeigt den Helm eines römischen Optio in seiner Formvollendung, wie er sie jedoch erst in der zweiten Hälfte des 1 nachchristlichen Jahrhunderts erreichen sollte. Für den schmucken, für den Spatsommer des Jahres 9 zu früh gekommenen Helm ist der Heyne Verlag verantwortlich.
Iris Kammerer beginnt ihren Roman mit einem lateinischen Zitat aus Velleius Paterculus' Römischer Geschichte (das erst auf Seite 452 ins Deutsche übersetzt wird) und zwei historischen Landkarten der "Germania Magna" und Belgica mit Städten, Militäranlagen, Flüssen und den ansässigen Stämmen....
....um zwei Seiten später sofort in das erste, ihrer insgesamt 15 Kapitel einzusteigen. Neben einer angemessenen Anzahl historischer Personen, macht der Leser Bekanntschaft mit fiktiven Gestalten, allen voran den Protagonisten Titus Annius, einem Legionär und seiner Sklavin Thiudgif aus dem Stamm der Brukterer. Originell ist auch Flavia Amra, deren Familie aus Tarsos stammt und deren Vater römischer Bürger ist. Weitere Andeutungen (S. 176, 288, 361) lassen den Schluss zu, dass sie mit ihrer Tochter Sura und Eheman Lucius Statilus in der Diaspora lebt.
Die Stärke des Romans liegt neben der stimmigen Geschichte seiner fiktiven Protagonisten in den Schilderungen der germanischen Guerillataktik und der schonungslosen Kampfbeschreibungen. Barbaren, die aus dem Nichts auftauchen, über kleine Truppenteile herfallen wie Marder über ihre Beute und ebenso wieder in den Wäldern verschwinden (S. 208). Nur vereinzelt, in kleinen Gruppen auftretend, versuchen sie den Heereszug zu spalten (S. 210). Zur psychologische Kriegsführung (S. 257) dieses Buschkrieges (S. 450) gehört auch eine besondere Grausamkeit. Beim gewaltsamen requirieren von Vieh und Getreide wird auch das eigene germanische Volk nicht geschont (S. 431). Gezielt wird das römische Schanzzeug zerstört (S. 271) und Hauptleute gefangen genommen (S. 301). Das Geschehen wird den Römern aufgezwungen, denen keine Möglichkeit für eine offenen Feldschlacht geboten wird. Wetter und Gelände tun ein Übriges, dass die Legionen nicht kämpfen können, wie sie es gewohnt sind. Das schonungslos beschriebene Kampfgeschehen (S. 232, S. 278 ff., S. 323) mit seinen dramatischen Einzelkämpfen, bei dem die Nässe durch alle Fasern dringt, ist jedoch nicht das Ende. Noch auf dem Schlachtfeld und später in den Heiligen Hainen erfüllt sich die barbarische Drohung "Ich war was Du bist. Ich bin was Du sein wirst".....
In ihrem Nachwort (S. 446 ff.) schreibt die Autorin, wie aus Arminius schließlich "Hermann der Cherusker" geworden ist. Diese Geschichte beginnt bei Ulrich von Hutten und Martin Luther, die den "Kult des deutschen Helden, an dem die welsche Tücke zerbrach" begründeten, bis dieser erst für den preußischen Kulturkampf und schließlich durch NS-Ideologie missbraucht wurde. Weiterhin nennt sie die antiken Quellen. Während die Annalen des Tacitus den Boden für die Heldenverehrung des Arminius bereiteten, schmähte Velleius Paterculus die "clades varianae". Dem gegenüber bezeichnete Flavius Josephus Varus als einen strengen, überlegt handelnden Statthalter. Diesem Ansatz und dem literarisch besonders interessanten Aspekt des Verrats ist Iris Kammerer gefolgt. So wird Varus als umsichtiger Mensch, der es bevorzugte, anstelle der Waffen, das Recht sprechen zu lassen, vorgestellt (S. 121). Während sich Tauta, der Brukterer bei Varus über die Forderungen der Steuerpächter und die Praxis römischer Rechtssprechung beklagt (S. 63), hatte der Cherusker Iulius Arminius in römischen Diensten eine beispiellose Karriere bis zum "tribunus militum" hingelegt, bevor er mit anderen Führern des germanischen Kriegsadels den römischen Gegner mit dessen eigenen Waffen schlug. Aus ihrer konsequent römischen Sicht gerät die Tat des Arminius - entgegen in einer großen Zahl von Vorläuferromanen - nicht zu einer patriotischen Heldentat, sondern zu einem niederträchtigen Verrat, der im bloßen Interesse einer germanischen Führungsschicht lag.
Als kleine Schönheitsfehler haben sich in die direkte Rede der Akteure zwei Anachronismen eingeschlichen, wenn Varus von einer "Schlappe" (S. 267), einem militärischen Begriff aus dem 16. Jahrhundert, und Fausta von "schäkern" (S. 363), einem im 18. Jahrhundert aus dem jiddischen entwickelten Terminus, sprechen. Auch Varus Aussage, dass Arminus aus "königlichem Geblüt" stamme (S. 81) ist unzutreffend, denn außer dem Markomannen Marbod gab es keinen "germanischen" König. Die im Roman häufig verwendeten Begriffe "Gefreiter", "Obergefreiter", "Mannschaftsoffiziere" lassen eher an spätere Armeen der Weltgeschichte erinnern. Miles gregarius, Immunes, Principales, Tessarius und Cornicen wären im Hinblick auf die anderen gewählten Bezeichnungen authentischer.
"Varus" endet mit einem 10seitigen Anhang. Hierzu gehören ein Personenverzeichnis, in dem die historischen und die fiktiven Personen besonders gekennzeichnet sind, eine Zeittafel (historische Daten) und ein Glossar, das leider die Begriffe Austro (S. 37), Bellona (S. 211), Idisen (S. 37), Moretum (S. 109), Publicani (S. 64), Vexillum (S. 51), Valetudinarium (S. 438), Voluntarier (S. 119) vermissen lässt.
Zum 2000ten Jahrestag einer Schlacht, deren genaue Lokalität noch immer lebhaften Diskussionen unterliegt, ist Iris Kammerer ein spannender, begeisternder und sehr gut recherchierter Roman gelungen, der das Attribut "historisch" voll und ganz verdient hat. Es könnte durchaus so gewesen sein! Die bekrittelten Kleinigkeiten fallen nicht ins Gewicht , so dass eine Bewertung mit 5 Amazonsternen adäquat ist.
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56 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Untergang im Schlamm - beklemmend und spannend!, 8. November 2008
Was Kammerer in ihren ,Tribun' ausspart, serviert sie uns Lesern nun im Vorfeld des 2000-jährigen Jubiläums der ,Schlacht im Teutoburger Wald' (9 n.Chr.): Eine beklemmend-eindringliche Schilderung des Untergangs dreier römischer Legionen unter dem Statthalter Varus. Man spürt förmlich den Regen vom Helmrand tropfen, hört die Pfeile aus dem Hinterhalt heransurren, sieht die düsteren Wälder drohen und riecht den Angstschweiß der Soldaten, die unter einem leichtgläubigen Feldherrn ihrem Ende entgegen marschieren.
Diese in antiken Quellen überlieferte Agonie eines Heerwurms, die sich über mehrere Tage hinzog, bildet den Kern des Buches. Auf Hunderten von Seiten werden die immer wiederkehrenden Scharmützel beschrieben, erlebt man in gleichsam sezierender Detailschärfe, wie disziplinierte, siegesgewohnte Legionen sich in Häufchen verzweifelter Männer auflösen, wie eine Hauptfigur nach der anderen fällt, wie parallel dazu die Frauen und Zivilisten des Trosses abgeschlachtet werden. Trotzdem wirkt der Roman keinen Augenblick voyeuristisch, weidet sich nicht am Elend oder schwelgt in Grausamkeiten. Obgleich man den Ausgang kennt, fiebert man mit den Hauptfiguren, vor allem dem Benefiziarier Annius, der (in einem früheren Krieg verwundet) nun als Schreiber dient, und seiner kurz vor dem Abmarsch beim Würfelspiel gewonnen germanischen Sklavin Thiudgif, die ihn im Tross begleitet. Dazu kommen noch weitere Personen, deren Anzahl (samt ihrer Namen) anfangs etwas verwirren mag, doch die dann jeder ihr eigenes Schicksal erleiden - bis hin zum Statthalter Varus, der alle Warnungen vor dem Verrat seines Vertrauten Arminius in den Wind schlägt. Der Gegensatz dieser beiden Anführer bildet gleichsam die zweite, politische Ebene, und hier rückt Kammerer so manches nationale Klischee zurecht. Weder war Varus der unfähige, überhebliche Vertreter einer repressiven Imperialmacht noch Arminius, der zuvor im römischen Heer zu höchsten Würden aufgestiegen war, der edle Held und Retter deutscher Stammesfreiheit. Nicht nur, dass er allein durch Verrat rund 20 000 Menschen in den Tod schicken konnte, auch die Tatsache, dass die geschlagenen Überlebenden grausam umgebracht wurden (wie im Buch am Beispiel des Tribuns Caldus angedeutet), lassen seinen Charakter in einem düsteren Licht erscheinen. Hier ist die einzige Stelle, an der Kammerer vielleicht etwas mehr auf seine Motive hätte eingehen können, auf seine (keineswegs unumstrittene) Stellung unter den Stämmen, vielleicht sogar auf seine Frau Thusnelda (im heutigen Sprachgebrauch zur 'Tussi' verkommen), die später den Römern in die Hände fallen wird.
Vor allem die Folgen der Schlacht sind es jedoch, die Arminius' Verrat im Urteil der Geschichte so negativ erscheinen lassen: Er zerstörte, ohne Besseres zu schaffen zu können. Durch den Rückzug der Römer auf Rhein und Donau bleibt Germanien zwar für viele Jahrhunderte ,frei' - frei aber auch von allen Elementen der Mittelmeerzivilisation, die unsere europäische Kultur ausmachen: Keine Städte, kein Steinbau, keine Münzen, keine Schrift, kein Gesetzwesen, keine Brücken und Straßen, keine antike Philosophie (und kein Christentum, das erst Karl der Große in die Sachsenschädel prügeln wird.)
Reizvoll ist es zu spekulieren, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn Rom die bereits bis zur Elbe eingerichteten Provinzen hätte integrieren und entwickeln können. Möglicherweise wäre es nie von Germanenstämmen überrannt worden, wären Europa die düsteren Jahrhunderte der Völkerwanderung und die zahllosen Kriege um das Elsass erspart geblieben - und würde stattdessen vielleicht heute eine Frau Cameriera ein Buch über den Sieg des Varus in einer romanischen Nachfolgesprache verfassen. Aber das führt nun wirklich zu weit.
,Varus' ist ein großartiger historischer, zutiefst menschlicher Roman, an dem ich, ehrlich eingestanden, allenfalls eines bedauerlich finden könnte: Dass ich ihn nicht selbst geschrieben habe!
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23 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Spannend, mitreißend, historisch genau, 12. November 2008
Kurz und bündig: Mir hat der Roman um die historisch belegte Varusschlacht ausgezeichnet gefallen!
Gebannt folgte ich den drei römischen Legionen, samt Tross, durch den Dreck und Morast Germanias; bis an ihr bitteres, blutiges Ende ließ mich die Spannung um ihr trauriges Schicksal nicht los. In farbenprächtigen, lebendigen Bildern schildert Kammerer den Verlauf der Schlacht; man spürt den unaufhörlich herabprasselnden Regen, hört die Schreie der Sterbenden, riecht den Gestank von Blut und verbranntem Fleisch. Dem gegenüber steht die mit der Handlung verwobene, zarte Liebesgeschichte des verschleppten Mädchens Thiudgif und ihres Befreiers und Verehrers, des römischen Gefreiten Annius. Beide Figuren erhalten gegen Ende der Schlacht Schlüsselfunktionen. Während Annius zum finalen Vertrauten des Statthalters Varus gerät und seinen letzten Befehl ausführen muss, führt Thiudgif eine Gruppe von Frauen, weg vom Schlachtfeld, durch die Wildnis Germaniens in die Sicherheit einer römischen Befestigungsanlage. Nachdem Entsatz eingetroffen ist, macht sie sich auf den Weg in ihr Heimatdorf, unsicher, ob ihr Geliebter den Kampf überlebt hat und sie ihn jemals wiedersehen wird.
Das Buch ist unglaublich packend geschrieben, strotzt vor Detailreichtum und beeindruckt durch die enorme historische Kenntnis der Autorin. Die Geschichte enthält meiner Ansicht nach alle Zutaten, die ein erfolgreicher Schlachtenroman braucht: Spannende Kämpfe, ehrenvollen Ruhm, gemeinen Verrat, und natürlich eine große Liebesgeschichte. Auch der sprachliche Ausdruck Kammerers gefiel mir außerordentlich.
Mag sein, dass manche Leser die etwas einäugige Darstellung der historischen Geschehnisse kritisieren werden. Hier die humanen, zivilisierten Römer, da die unvorstellbar brutalen, menschenverachtenden Germanen, die nur durch den gemeinen Verrat und die Tücke des Arminius, (Herman) gegen die überlegene Kultur obsiegten. Wie auch immer. Bestimmt ist Iris Kammerers Varus" ein ausgezeichneter Historien-Roman, der sein (hoffentlich großes) Publikum finden wird. Ich habe ihn sehr gerne gelesen und kann ihn nur weiterempfehlen.
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