"Aber ich bin nicht so einfältig, den Ehrgeiz zu unterschätzen, der diesen Arminius antreibt, und den Stolz, der in ihm brennt".
(Publius Quinctilius Varus; Seite 36)
Das Cover, des im Oktober 2008 in seiner Erstauflage erschienenen Romans, zeigt den Helm eines römischen Optio in seiner Formvollendung, wie er sie jedoch erst in der zweiten Hälfte des 1 nachchristlichen Jahrhunderts erreichen sollte. Für den schmucken, für den Spatsommer des Jahres 9 zu früh gekommenen Helm ist der Heyne Verlag verantwortlich.
Iris Kammerer beginnt ihren Roman mit einem lateinischen Zitat aus Velleius Paterculus' Römischer Geschichte (das erst auf Seite 452 ins Deutsche übersetzt wird) und zwei historischen Landkarten der "Germania Magna" und Belgica mit Städten, Militäranlagen, Flüssen und den ansässigen Stämmen....
....um zwei Seiten später sofort in das erste, ihrer insgesamt 15 Kapitel einzusteigen. Neben einer angemessenen Anzahl historischer Personen, macht der Leser Bekanntschaft mit fiktiven Gestalten, allen voran den Protagonisten Titus Annius, einem Legionär und seiner Sklavin Thiudgif aus dem Stamm der Brukterer. Originell ist auch Flavia Amra, deren Familie aus Tarsos stammt und deren Vater römischer Bürger ist. Weitere Andeutungen (S. 176, 288, 361) lassen den Schluss zu, dass sie mit ihrer Tochter Sura und Eheman Lucius Statilus in der Diaspora lebt.
Die Stärke des Romans liegt neben der stimmigen Geschichte seiner fiktiven Protagonisten in den Schilderungen der germanischen Guerillataktik und der schonungslosen Kampfbeschreibungen. Barbaren, die aus dem Nichts auftauchen, über kleine Truppenteile herfallen wie Marder über ihre Beute und ebenso wieder in den Wäldern verschwinden (S. 208). Nur vereinzelt, in kleinen Gruppen auftretend, versuchen sie den Heereszug zu spalten (S. 210). Zur psychologische Kriegsführung (S. 257) dieses Buschkrieges (S. 450) gehört auch eine besondere Grausamkeit. Beim gewaltsamen requirieren von Vieh und Getreide wird auch das eigene germanische Volk nicht geschont (S. 431). Gezielt wird das römische Schanzzeug zerstört (S. 271) und Hauptleute gefangen genommen (S. 301). Das Geschehen wird den Römern aufgezwungen, denen keine Möglichkeit für eine offenen Feldschlacht geboten wird. Wetter und Gelände tun ein Übriges, dass die Legionen nicht kämpfen können, wie sie es gewohnt sind. Das schonungslos beschriebene Kampfgeschehen (S. 232, S. 278 ff., S. 323) mit seinen dramatischen Einzelkämpfen, bei dem die Nässe durch alle Fasern dringt, ist jedoch nicht das Ende. Noch auf dem Schlachtfeld und später in den Heiligen Hainen erfüllt sich die barbarische Drohung "Ich war was Du bist. Ich bin was Du sein wirst".....
In ihrem Nachwort (S. 446 ff.) schreibt die Autorin, wie aus Arminius schließlich "Hermann der Cherusker" geworden ist. Diese Geschichte beginnt bei Ulrich von Hutten und Martin Luther, die den "Kult des deutschen Helden, an dem die welsche Tücke zerbrach" begründeten, bis dieser erst für den preußischen Kulturkampf und schließlich durch NS-Ideologie missbraucht wurde. Weiterhin nennt sie die antiken Quellen. Während die Annalen des Tacitus den Boden für die Heldenverehrung des Arminius bereiteten, schmähte Velleius Paterculus die "clades varianae". Dem gegenüber bezeichnete Flavius Josephus Varus als einen strengen, überlegt handelnden Statthalter. Diesem Ansatz und dem literarisch besonders interessanten Aspekt des Verrats ist Iris Kammerer gefolgt. So wird Varus als umsichtiger Mensch, der es bevorzugte, anstelle der Waffen, das Recht sprechen zu lassen, vorgestellt (S. 121). Während sich Tauta, der Brukterer bei Varus über die Forderungen der Steuerpächter und die Praxis römischer Rechtssprechung beklagt (S. 63), hatte der Cherusker Iulius Arminius in römischen Diensten eine beispiellose Karriere bis zum "tribunus militum" hingelegt, bevor er mit anderen Führern des germanischen Kriegsadels den römischen Gegner mit dessen eigenen Waffen schlug. Aus ihrer konsequent römischen Sicht gerät die Tat des Arminius - entgegen in einer großen Zahl von Vorläuferromanen - nicht zu einer patriotischen Heldentat, sondern zu einem niederträchtigen Verrat, der im bloßen Interesse einer germanischen Führungsschicht lag.
Als kleine Schönheitsfehler haben sich in die direkte Rede der Akteure zwei Anachronismen eingeschlichen, wenn Varus von einer "Schlappe" (S. 267), einem militärischen Begriff aus dem 16. Jahrhundert, und Fausta von "schäkern" (S. 363), einem im 18. Jahrhundert aus dem jiddischen entwickelten Terminus, sprechen. Auch Varus Aussage, dass Arminus aus "königlichem Geblüt" stamme (S. 81) ist unzutreffend, denn außer dem Markomannen Marbod gab es keinen "germanischen" König. Die im Roman häufig verwendeten Begriffe "Gefreiter", "Obergefreiter", "Mannschaftsoffiziere" lassen eher an spätere Armeen der Weltgeschichte erinnern. Miles gregarius, Immunes, Principales, Tessarius und Cornicen wären im Hinblick auf die anderen gewählten Bezeichnungen authentischer.
"Varus" endet mit einem 10seitigen Anhang. Hierzu gehören ein Personenverzeichnis, in dem die historischen und die fiktiven Personen besonders gekennzeichnet sind, eine Zeittafel (historische Daten) und ein Glossar, das leider die Begriffe Austro (S. 37), Bellona (S. 211), Idisen (S. 37), Moretum (S. 109), Publicani (S. 64), Vexillum (S. 51), Valetudinarium (S. 438), Voluntarier (S. 119) vermissen lässt.
Zum 2000ten Jahrestag einer Schlacht, deren genaue Lokalität noch immer lebhaften Diskussionen unterliegt, ist Iris Kammerer ein spannender, begeisternder und sehr gut recherchierter Roman gelungen, der das Attribut "historisch" voll und ganz verdient hat. Es könnte durchaus so gewesen sein! Die bekrittelten Kleinigkeiten fallen nicht ins Gewicht , so dass eine Bewertung mit 5 Amazonsternen adäquat ist.