DER SPIEGEL, 11. Juli 2005
Lois A. Hofstätter, ehemals erfolgreicher Jurist und in die Jahre gekommener Dandy, liebt die Kunst und er liebt seinen Körper. Der ist makellos und makellos soll er bleiben. Dazu ist jedes Mittel recht, und das beste Mittel gegen Verfall und Vergänglichkeit heiß Plastination: die neuartige Methode zur Präparierung und Konservierung von Leichen. Im richtigen Leben kennt man das aus einer erfolgreichen und vielkritisierten Ausstellung, in Evelyn Grills herrlich abgründigem und komisch groteskem Roman Vanitas oder Hofstätters Begierden aber sind die Erfinder dieser Imprägnierungstechnik schon einen Schritt weiter
keine Situation im bizarren Alltag, die Hofstätter nicht zu einem Vergleich mit einem berühmten Werk aus der Kunstgeschichte inspirierte. Prompt fallen ihm Tizian und Francis Bacon ein, die als Kampfhunde den Plastinator Edgar in Stücke reißen. So wird aus Hofstätters Körperkonservierung am Ende zwar nichts, aber Evelyn Grill, 63, entwirft in lapidarem Ton und drastischen Bildern souverän die Szenenfolge eines Lebens, das die Wirklichkeit nur in künstlerischer Bearbeitung gelten lässt. Ein erfrischend kühnes Buch.
Kurzbeschreibung
Nicht Liebe war es, was den aufstrebenden Juristen Alois Hofstätter in die Ehe mit der Schauspielerin Olga trieb, der ein ganzes Stück älteren Witwe eines verstorbenen Klienten: es waren ihr Ansehen und ihr Vermögen, ihre leicht angereifte erotische Ausstrahlung und der nicht zu vernachlässigende Umstand, daß sie ein Kind von ihm erwartete. Hofstätters wahre und ewige Liebe gilt der Kunst und seine Leidenschaft dem Spiel, seit er kurz und glücklos einem jungen Mann verfiel, der seine Begierden nicht nur auf sich selbst, sondern auch ins Kasino zu lenken wußte. Die Gattin hält ihn schuldenfrei, und das Kind ist mittlerweile zu einem Jüngling herangewachsen, an dem sich die Sinne des praktizierenden Ästheten schadlos halten können, an dem sie einen Ausgleich finden für die körperlichen und seelischen Zumutungen der welkenden Gefährtin. Doch das Gefüge der großbürgerlichen Scheinwelt, welche die dekadenten Eitelkeiten der beiden befriedigt, ist brüchig: im Spannungsverhältnis zwischen äußerlicher Repräsentation und dem inneren Ungenügen, ja der immer weniger zu unterdrückenden Feindschaft, wachsen sich die Konflikte eines falschen Lebens zu einem erbitterten Machtkampf aus, der schließlich in die Katastrophe führt. Mit schonungslosem Blick zeichnet Evelyn Grill das Porträt eines ebenso kaltschnäuzigen wie bemitleidenswerten Dandy, dem die Ästhetisierung des Alltags die Erziehung der Gefühle ersetzt. Die angemessene Empörung über das amoralische Verhalten ihres Protagonisten liefert die Autorin nicht mit; sie muß Sache des Lesers bleiben.
Über den Autor
Evelyn Grill, geboren in Garsten, lebt als freie Schriftstellerin in Freiburg im Breisgau. Zuletzt erschienen: Wilma (1994), Hinüber (1999), Ins Ohr (2002), Winterquartier (2004)