18kg Belastbarkeit und eine UVP von knapp unter 600,- ... selbstbewusst positioniert Vanguard das Auctus Plus 323CT damit preislich knapp unter die Platzhirsche der 057-Serie von Manfrotto und in direktem Preiskampf mit den Induro-Stativen CT313/CT314. Dass es aber auch noch teurer geht, zeigen dann beispielsweise Gitzo, Novoflex oder Really Right Stuff. Ein direkter Vergleich ist sicherlich legitim, doch dies soll hier nicht der Fokus sein.
Ein Stativ mit 18kg Belastbarkeit ist zweifelsohne auf die Klientel der professionellen Anwender zugeschnitten und so sollte man/frau eigentlich schon einiges vom Auctus Plus erwarten dürfen. Vanguard buhlt hierbei u.a. mit staub- und sanddichten Verschlüssen sowie 3 verschiedenen Fußenden um Käufer. Letztere Vielfalt ist derzeit meines Wissens nach einzigartig am Markt. Neben Spikes für Außeneinsätze und gummierten Kappen für den Innenbereich, liefert das 323CT serienmäßig auch noch "Schneeschuhe" mit; tellerförmige, großflächige Gummiplatten, welche die Last besser verteilen und somit ein Einsinken verhindern sollen. Ich habe es im Schnee getestet und muss sagen, bei fester Schneedecke prima, bei Pulver- oder Neuschnee zu unsicher. Zum Wohle der Ausrüstung bevorzuge ich dann doch die Spikes und ein sicher im Schnee versenktes Stativ.
Ein Wort an dieser Stelle nochmals zu den Verschlüssen. Die Beine dieses Carbon-Stativs werden über Drehverschlüsse ent- und verriegelt (daher auch CT im Namen; C = Carbon, T = Twist Lock). Die einen mögen es, die anderen bevorzugen die Klemm- oder Schnellverschlüsse. Ich persönlich bevorzuge die Drehvariante, somit Vorteil 323CT.
Ein weiteres Verkaufsargument von Vanguard ist das Justierrad, welches die Höhenanpassung der Mittelsäule erleichtern soll. Hier muss sich jeder Fotograf zunächst selbst die Frage beantworten, ob dieses Feature für ihn/sie wirklich notwendig ist. Wenn gewünscht, dann lässt sich das 323CT bis auf maximal 1,80m ausfahren - und das smooth" und gleitend. Mittels einstellbarer Friktion kann dann die Betätigungskraft beim Kurbeln bzw. die Bremse" der Ausrüstung angepasst werden. Die Höhenverstellung funktioniert dann auch prinzipiell sehr gut und fast spielfrei, lediglich ein Lockern der Friktion direkt beim Verstellen bewirkt merkliches Spiel in der Handkurbelbewegung. Für das Fotoshooting kann dann die Mittelsäule noch einmal zusätzlich über einen Drehring festsetzen, so dass hier alles Spiel aufgrund der Mittelsäulenverstellung eliminiert werden kann.
So viel Mechanik hat natürlich ihren Preis, und das nicht nur in . Das Gewicht ist für mich beim Auctus Plus 323CT das größte Manko. Mit 3,6kg setzt dieses Stativ Maßstäbe. Selbst die Holzstative von Berlebach liegen bei gleicher Belastbarkeit da deutlich drunter. Mit entsprechendem Kopf kommt das 323CT dann doch locker und leicht auf 4 bis 4,5kg Gesamtgewicht. Da sollte man sich gut überlegen, ob man dieses Teil auf die nächste Flugreise oder Trekkingtrip mitnimmt, zumal 71cm Packmaß ebenfalls nicht von schlechten Eltern sind. Über das Prädikat Reisestativ" brauchen wir in diesem Fall wohl nicht reden, hier sind Muskeln, breite Schultern und Leidensfähigkeit gefragt, denn gerade bei der Stativtasche hat Vanguard an der falschen Stelle gespart.
Anders als bei den meisten Konkurrenten mit Reißverschlusstaschen legt Vanguard dem 323CT einen Köcher bei. Ein rundes, aus festem Nylon gefertigtes, Unterteil wird durch eine weichere Mütze" verlängert und dann durch einen Kordelzug geschlossen. Somit muss das Stativ also jedes Mal der Länge nach eingefädelt werden - auch eine gute Übung für den Oberarm. Wenigstens lässt sich dann auch der aufgeflanschte Kugelkopf (ein Gimbal passt nicht in die Hülle), wenn auch vor Stößen durch fehlende Polsterung ungeschützt, mit in dem Etui verstauen... und damit beginnt das eigentliche Leiden: der dünne Tragegurt hat KEIN Schulterpolster!
Liebe Entwickler von Vanguard, wir Fotografen sind i.d.R. zwar sehr leidensfähig, etwas Komfort und Verwöhngenuss hätten wir uns bei einem Preis von 600,- dann aber doch gewünscht. Auf der einen Seite gebt Ihr uns Schneeschuhe", Spikes und sand-/staubgeschütze Verstellelemente für den Außeneinsatz, auf der anderen Seite ein Schwergewicht an Ausrüstung und dann noch nicht einmal eine vernünftige Tragemöglichkeit? Na, da gibt es noch Verbesserungspotential!
Absolut vorbildlich ist dann aber wieder die Verarbeitung des Stativs. Die Beine gleiten gleichmäßig und leichtgängig, Längenmarkierungen auf den Elementen ermöglichen eine schnelle und genaue" Vorjustierung. Auch konnte ich keinerlei negative Gerüche oder Ausdünstungen beim verwendeten Harz feststellen, wobei ich natürlich nur eine Schnüffelprobe und keine Emissionsprüfung oder Materialprobe mit dem Gaschromatographen vorgenommen habe.
Auch die Stabilität lässt im Großen und Ganzen keinen Grund zum Tadel, im Außeneinsatz bei Wind sind bei voll genutzter Beinlänge dann doch leichte Vibrationen in feststellbar. Ein gegengewicht am Haken der Mittelsäule schafft hier jedoch Abhilfe.
Mein Fazit: das Vanguard 323CT ist ein Studiostativ! Stabil und schwer mit nützlichen Features für den Inneneinsatz. Auch wenn alle Ausrüstungsfeatures dafür sprechen, wer es bei einem Außeneinsatz mitschleppt muss meiner Ansicht nach masochistische Anlagen haben. Der Preis ist dann trotz der sehr guten Qualität für ein chinesisches Stativ schon recht happig, Benro und Sirui bieten da gleichwertiges Material für einige Hundert günstiger an. Es ist natürlich immer eine Frage des Zwecks, doch wer ein Top Universalstativ benötigt (und die Manfrotto-Fan-Gemeinde möge mir verzeihen), liegt m.E. mit dem SIRUI M3204 besser. 1,7kg Stativgewicht bei 18kg Belastbarkeit, 51cm Packmaß und 1,77m Stativhöhe zu unter 400,- und hervorragender Verarbeitungsqualität sind dann doch ein Wort!